Herr Kofler und die Weihnachtsgeschenke

Ich schreibe diese Zeilen am 23. Dezember und unter meinem Bett ist kein Platz mehr. Denn dort türmen sich Pakete. Weihnachtsgeschenke für meine Frau und meine Tochter. Es sind ein paar Geschenke zu viel geworden. Warum? Weil ich heuer die brillante Idee hatte, das ganze Jahr über kleine Aufmerksamkeiten zu kaufen. Hat man knapp vor dem Heiligenabend nicht so einen Stress. Sie wissen, was ich meine.

Jetzt allerdings habe ich Präsente verpackt, von denen ich mich, nach Monaten, beim besten Willen nicht mehr erinnern kann, für wen sie eigentlich gedacht waren. Was schreibt man auf solche Packerl? „Wie es euch gefällt“, „Take it or leave it“, „Macht euch das selber aus“?

Gut, First-World-Problems, werden Sie zu recht raunen. Aber die Sache mit den Weihnachtsgeschenken ist generell immer wieder ein wenig holprig verlaufen.

Ich erinnere mich an eine Zeit, da werde ich circa zehn Jahre alt gewesen sein, in der ich plötzlich den Ort entdeckt hatte, an dem meine Eltern ihre Präsente für mich versteckten. Im Kasten meiner Mutter. Nicht sehr einfallsreich, muss man sagen.

Von da an war Weihnachten emotional tot. Das Playmobil Piratenschiff. Die Ritterburg. Das Kaufmannshaus. Alles herrliche Geschenke, aber halt autospoilerbedingt keine Überraschung mehr. Das Auspacken unter dem Christbaum war ein einziges unwürdiges Schauspiel. Und jedes Jahr habe ich Esel diese Farce wiederholt. Verdammte Neugier!

Ich habe meinen Eltern nie davon erzählt. Bis vor knapp zwei Jahren. Und da war es eine Art Notwehr. Weil angefangen hat meine Mutter, darauf lege ich Wert. Im Garten ihres Häuschens am Villacher Stadtrand erzählte sie plötzlich meiner Frau und mir, wie sie mich, da war ich schon ein Jugendlicher, mit Markenjeans übers Ohr gehauen hat. Weil ich unbedingt Hosen von Replay und Best Company tragen wollte. Das waren damals die Brands, die man hatte.

Deren Preis überschritten aber jenen Wert bei weitem, den meine Mutter als Hüterin der Haushaltskasse für angemessen erachtete. Und dann tat sie Folgendes: Sie trennte die Labels aus alten Markenhosen und nähte sie in Billig-Jeans. Solcherart gefakt lagen die gepimpten Dinger dann unter dem Christbaum und brachten mich zum Strahlen. Meine Mutter hatte Tränen in den Augen, als sie die Story vortrug. Tränen vor Lachen. Viele Jahre lang hatte der schäbige Trick funktioniert – und der Familie viel Geld erspart. Geld, das meine Eltern dann möglicherweise 1991 in neue Garderobe steckten, als ich nach Wien ging, um zu studieren. Auffälliger Höhepunkt war eine schwarze Lederjacke, die ich viele, viele Jahre trug. Sauteures Stück. Von Boss. Zumindest laut eingenähtem Label. Sicher bin ich mir da freilich nicht mehr.

Herr Kofler entdeckt Herrn Waits

Die Musik der Jugendjahre – sie bleibt uns. Die erste Schallplatte. Die ersten Songs, die wir von der Radio-Hitparade auf 60-Minuten-Kassetten aufgenommen haben. Inklusive dem Ärger, wenn der Moderator zu früh ins Fadeout geplappert und damit die Aufnahme ruiniert hat (656731, Ö3-Hörer wissen Bescheid). Die Songs, die wir auf ewig mit bestimmten Stimmungen verbinden werden. Erste Küsse, Trennungen, der Verlust von Menschen, einschneidende Erlebnisse, die wir mit Fremden, und doch so seltsam Vertrauten geteilt haben, von denen wir halbfertige BRAVO-Starschnitte an der Wand kleben hatten und zu deren Songs wir in die Haarbürste der Mutter gesungen haben.

Aber wie sind wir auf jene Künstler gestoßen, die uns fasziniert haben und vielleicht immer noch faszinieren? Ich erzähle Ihnen, wie ich einen der ganz Großen für mich entdeckt habe: den amerikanischen Singer/Songwriter Tom Waits.

1989 war das. Und ich hatte gerade eine schmerzhafte Trennung hinter mir. Shakin‘ Stevens ging einfach nicht mehr. Oh Julie in Ehren, aber irgendwann ist man dafür zu alt (heute geht’s wieder, nur, falls Sie fragen).

Jedenfalls saß ich an diesem Tag, an den ich sonst überhaupt keine Erinnerung mehr habe, in einem der Villacher Kinos. Damals gab es noch ein paar Häuser, die heute nur noch Nostalgie sind. Es lief ein Krimi mit Ellen Barkin und Al Pacino. „Sea of Love“ hieß er, ein eher mäßiges Werk. Es handelt von einem Mörder und dessen Vorliebe für einen Oldie, eben „Sea of Love“ von Phil Phillips. Eine Edelschnulze aus den späten 1950ern. Sehr gefällig, das war es aber auch schon. Aber hören Sie selbst.

Der Film war endlich zu seinem Ende gekommen, der Abspann begann – und da geschah es: Eine mir völlig fremde Stimme, was heißt Stimme?, ein Geräusch, das Worte zu formen im Stand war, dröhnte uns, den gut 100 Menschen im Saal, entgegen. Viel zu laut, wiel zu wuchtig, viel zu nie gehört. Es dauerte etliche Sekunden, bis ich erkannte: Das war der Titelsong. Aber in einer Coverversion, so dermaßen entfremdet, dass sie längst verheilte Narben aufplatzen lassen konnte und die alte Tonanlage des Villacher Kino so weit über ihre Grenzen brachte, dass jeder Basston die Innereien durchrüttelte. Es war unerhört, magisch und erregend! Wie lange musste man mit Reißnägeln gegurgelt haben, um so unfassbar großartig zu klingen? Genießen Sie hier.

Ich war nicht alleine mit meiner Begeisterung. Kaum einer der Kinobesucher verließ den Saal. Während die langweiligen Namen des Abspanns über die Leinwand rannen, stand die Landbevölkerung der Provinzstadt wie versteinert und ließ sich das Trommelfell massieren. Ich weiß nicht, wie es den anderen ergangen ist, aber für mich war klar, dass Paul Young und Cindy Lauper nie wieder den gleichen Stellenwert haben konnten. Shakin‘ Stevens sowieso nicht.

Ich verließ das Kino und machte mich zu einem Plattengeschäft auf. Ja, so etwas gab es früher. Eigene Läden mit Vinyl und sonst nichts. Eine Single kostete 50 Schilling, Langspielplatten gab es ab rund 180 Schilling. Tom Waits gab es nicht. Aber er konnte bestellt werden. „Antology“ war mein erstes seiner Alben. „Jersey Girl“ und „Ol‘ 55“, muss ich mehr sagen? Und so kam es, dass ein langweiliger Film für mich zu einem einschneidenden Erlebnis wurde, zu einem musikalischen Erweckungsereignis.

Wenig später sollte es noch besser kommen. Ich stieß auf Mink deVille. Aber das ist eine andere Geschichte.

Herr Kofler droht zu ertrinken

Als meine Tochter fünf Jahre alt war, verbrachten wir, also Hannah, meine Frau und ich, ein Wochenende in der Therme Loipersdorf. Bevor Sie jetzt maulen: Wir hatten einen Gutschein. Einen GUTSCHEIN, ok? Und das Wichtigste war sowieso: Hannah liebte Loipersdorf. Das Wasser, die Rutschen, die anderen Kinder.

Obwohl: das mit den anderen Kindern stimmt nicht. Viel lieber als mit Gleichaltrigen spielte sie mit mir. Blöderweise. Denn, das muss ich an dieser Stelle erwähnen, ein begnadeter Kinder-Entertainer war ich nie.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich mag Kinder. Ich mag nur nicht mit ihnen spielen. Denn wenn ich spiele, will ich gewinnen. Zum Beispiel beim Fußball. Kleiner Schupfer? Tränen. Harmlose Grätsche? Weinkrampf. Ohnehin dezenter Pressball? Notaufnahme. Ich meine: Was. Soll. Das?

Damals in Loipersdorf schien aber alles rund zu laufen. Ein wenig schwimmen, Gegenstände vom Beckenboden tauchen, dazu die Rutsche und der Drei-Meter-Turm.

Der Drei-Meter-Turm.

Ich hasse solche Türme. Ich habe schon Höhenangst, wenn ich auf einem flauschigen Teppich stehe. Und dann solche Türme? Nicht mit mir.

Aber mit Hannah.

„Komm, Papa. Da springen wir unter“, strahlte sie mich an – und schon war sie auf der Treppe zum Sprungbrett. Damned. Ich hinterher. Ganz hinauf. Blick hinunter. Jössas! Drei Meter sollen das sein? Nie. Zehn, mindestens.

Während ich erfolglos versuchte, die Angst in mir niederzuringen, hörte ich einen lauten Platsch. Hannah war gesprungen, einfach so. Mit fünf Jahren. Vom 20-Meter-Turm. „Jetzt du!“ rief sie von unten. Ich konnte sie kaum sehen. Nicht nur ob der gigantischen Höhe von rund 50 Metern, auch, weil ich keine Brille aufhatte. Aus der Tiefe drang ein dumpfes „Komm schon!!!“ zu mir empor.

Mir war klar: Sollte ich jetzt zurückziehen, verlöre ich den Status als Supervater. Das wollte ich noch weniger als diesen verdammten Sprung. Herrgottnochmal, dachte ich mir, wenn ich dafür in den Augen meiner Tochter ein Held bleiben konnte, werfe ich mich halt die 100 Meter runter in die Fluten.

Was Elvis Presley in diesem Acapulco-Film konnte, konnte ich schon lange. Mit zittrigen Knien, 200 Puls und schreckensgeweitete Augen ließ ich mich vom Brett fallen und fabrizierte die jämmerlichste Arschbombe aller Zeiten.

Wer so verkrampft springt, muss sich auch nicht wundern, wenn es beim Aufprall einen kräftigen Schnalzer im Rücken macht. Der Schmerz war bemerkenswert, die Wirbelsäule schien in Flammen zu stehen – und das immerhin unter Wasser. Hannah zuliebe ließ ich mir beim Auftauchen nichts anmerken. Ich lachte gequält. Sie strahlte. Superpapa war zurück!

Das Feuer im Rücken wurde schlimmer. Aber zum Glück wollte Hannah ohnehin nicht noch einmal springen, sondern wechselte zur Rutsche. Auf allen Vieren rutschen, nebeneinander. Was für ein Spaß! Leider nur bis zum Ende der Rutsche. Als ich, in Hundestellung, ins Becken plumpste, war es mit meinem Rücken vorbei. Ein Messerstich im Kreuz, auf Höhe Bauchnabel. Das war’s. Keine Bewegung mehr möglich. Und das auf allen Vieren. In 50 Zentimeter tiefem Wasser.

Ich kam nicht mehr auf, war schmerzbedingt in der Hockestellung gefangen. Blickte auf den bläulichen Beckenboden und dem Ableben entgegen. Was tun? Die Luft wurde knapp, Panik kam auf. Ich sah schon die Schlagzeilen in der Tagespresse: „Vater ertrank im Kinderbecken“. Na super. Tot und Lachnummer.

Und, believe it or not, wahrscheinlich wäre ich damals tatsächlich ersoffen. Die Rettung kam in Form eines unachtsamen Kindes, das mir vom Ende der Rutsche direkt ins Kreuz sprang.  Dadurch verschob und verdrehte es mich gerade genug, dass ich mit den Händen den Beckenrand fassen und, keine Sekunde zu früh, den Kopf aus dem Wasser heben konnte. Gerettet!

Das ist nun 12 Jahre her. Ich bin nie wieder nach Loipersorf gefahren.
Viel zu gefährlich.

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Therme Loipersdorf: Im Vordergrund der Sprungturm, hinten die gelbe Rutsche, an deren Ende ich beinahe ersoffen wäre.

40 weitere Beiträge finden Sie im Buch „Früher war ich jünger. 41 Geschichten aus dem Leben eines einfachen Mannes“, Herr Kofler, Tredition Verlag.

Herr Kofler und sein erstes Auto

Ich glaube, jeder Mensch verbindet besondere Gefühle mit seinem ersten Auto. Das zweite? Na ja. Alle Weiteren? Waren notwendig. Freilich, da und dort vielleicht ein Gustostückerl. Aber die erste Karre? Dieser Schritt in die Unabhängigkeit von Eltern, Schule und allem, was konservativ war!

Alleine die Erinnerung an die großartigen Runden durch die Innenstadt. Seitenfenster runtergekurbelt, Mucke auf laut, Sonnenbrille. Ganz langsam fahren, damit einem alle sehen konnten. Und an jeder Kreuzung die Panik, dass einem der Wagen absterben könnte. Aber: nur nichts anmerken lassen. Weil man war jetzt in einer Liga mit den großen, motorisierten Helden wie Steve McQueen und James Dean. Obwohl: Gerade Dean ist jetzt vermutlich kein besonders gutes Beispiel.

Mein Autoleben begann freilich weder in einem Porsche Spider, noch in einem Ford Mustang Fastback. Sondern in einem LJ 80. Wird Ihnen vermutlich nix sagen. Sollte es aber: Denn der LJ 80 war zwar ausgerechnet von der staatlich geprüft uncoolen Marke Suzuki, begründet aber, was heute kaum noch jemand weiß, das SUV-Zeitalter. Sie wissen schon: Jene swimmingpoolgroßen Allradkisten, die bevorzugt in Wiener Nobelbezirken für die Fahrten zwischen Heurigen, Meinl und Dachgeschosswohnung mit 100-Quadratmeter-Terrasse verwendet werden. Genau. Und der LJ 80 war quasi das Wort. Im SUV-Anfang.

Wenngleich, nun ja, von heutigen Standards war er doch sehr weit entfernt. Zweisitzer, 41 PS, überdimensionierter Kuhfänger, grobschlächtige Stollenräder und mit jeder Menge Besonderheiten ab Werk ausgestattet. Zum Beispiel der Workout-Lenkung: eine halbe Umdrehung Spielraum war normal. In Kombination mit einem bemerkenswerten Linksdrall des Wagens. Wollte man also die Landesstraße mit 50 km/h geradeaustuckern, musste man permanent und freilich ohne Servounterstützung nach rechts drehen, um nicht auf die Gegenfahrbahn zu gelangen. Und dann wieder ein wenig zurückrudern, um nicht im Graben zu landen. In Schwarzweiß-Filmen aus den 50er-Jahren sieht man Schauspieler, die Autofahren, bei ähnlichen Oberarm-Straffungsübungen. Genau so war mein LJ 80.

Apropos 80. Mein Vater meinte, er heißt so, weil er, gebraucht, 80.000 Schilling gekostet hat. Nicht gerade superbillig, Ende der 90er-Jahre. Ein neuer Dacia Sandero kostet heute nicht viel mehr. Ohne elegantes Lenkradspiel, wohlgemerkt.

Ich hingegen war mir sicher, die 80er-Bezeichnung stammte von der Höchstgeschwindigkeit. Denn, wenn man zu zweit an Bord war, also in legaler Maximalbesetzung, ging die Kiste nur noch 80 Stundenkilometer. Inklusive Rückenwind.

Mein LJ 80. wenige Jahre später durfte ich ihn fahren.
ttps://herrkofler.files.wordpress.com/2014/06/foto1.jpg“> Mein LJ 80. Wenige Jahre später durfte ich ihn dann fahren.

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Eines Tages, es war der Winter 1990, fuhr ich, wie jeden Sonntagabend, von Villach nach Spittal an der Drau, in die Kaserne, in der ich meinen Dienst als „Einjährig Freiwilliger Soldat“ versah. Ich bretterte die Tauernautobahn am Rande des Überschallknalls, also mit gut 90 km/h dahin und kurbelte mich dabei, wie gewöhnlich, am Lenkrad zu Popeye-Unterarmen, als sich links langsam ein Schatten in mein Blickfeld schob. Ich wurde überholt. Daran hatte ich mich gewöhnt. Mit Ausnahme von Traktoren hatten mich eigentlich jederzeit alle überholt. Normalerweise war mir das egal.

Doch heute war alles anders: Der Schatten, der sich langsam immer weiter nach vorne schob und schon bald auf gleicher Höhe mit mir war, erwies sich als Trabant. Ausgerechnet! Diese DDR-Schrottkisten, die nicht einmal eine Motorbremse hatten. Um die Schmach noch größer zu machen: Der Trabant war mit fünf Menschen besetzt. Erwachsenen Menschen! Und er hatte einen Schiträger am Dach. Mit fünf Paar Schiern. Und alle (ALLE!) waren verkehrt herum angeschnallt. Spitzen vorne. Was mindestens 3 km/h kostete. Und trotzdem war der verdammte Trabi schneller als ich. Gut, nur ums Arschlecken. Aber doch. Ich verlor Zentimeter um Zentimeter.

Ich beschloss zu kämpfen. Trat das Gaspedal bis knapp unter die Bodenplatte durch, schaltete das Radio aus (Konzentration!), bückte mich im Auto, um die Aerodynamik zu verbessern. Sie merken schon, ich gab alles. Und war dennoch chancenlos. Nach einem zehnminütigen Zweikampf war die ostdeutsche Kunststoffkiste an mir vorbeigezogen, ich blickte frustriert in ihren hässlichen Auspuff.

Die Demütigung war so groß, dass ich erstmals an meinem geliebten LJ 80 zweifelte. Was höflich formuliert ist. Eigentlich wollte ich den Wagen augenblicklich am Pannenstreifen abstellen, mit Benzin übergießen und in Flammen aufgehen lassen.

Zum Glück kam ein extrem schneereicher Winter. Während andere schaufelten, Ketten anlegten und ihre Autos unfreiwillig im Straßengraben parkten, kannte mein LJ80 keine Limits. Ich überlegte, beim Magistrat um Namensänderung anzusuchen. Ich war jetzt nämlich „King of the road“. 41 PS und kleine Allraduntersetzung! Damit hätte ich Hauswände hochfahren können.

Spätestens, als ich den gigantisch großen Mercedes eines beispiellos unsympathischen Kleinindustriellen, der aus meinem Heimatort kam, via Anhängevorrichtung und Seil aus dem Graben zog, wusste ich: Ich würde den LJ 80 ewig lieben.

Und so kam es auch. Zwar musste ich ihn, als ich mein Studium in Wien begann, verkaufen. Doch nie wieder wird es einen Wagen geben, an den ich so gerne zurückdenke. Mit dem ich so viel Herz verbinde. Bei dem es mir weh tut, wenn ich alte Bilder sehe. Weil er mir fehlt, mein quadratisch, praktisch, guter Freund.

Herr Kofler und der kleinste Dalton-Bruder

Im Sommer 1987 war es, da fand ich mich mit meinen 15 Jahren völlig unverhofft in der Kampfmannschaft meines Fußballvereins, des Magdalener Sportclubs (MSC), wieder. Weniger wegen meines Talents, als viermehr wegen des Umstandes, dass das Team für ein Match im Villacher Stadtpokal zu wenig Spieler hatte. Herr Kofler also Notnagel. Und warum nicht?

Damals war mein Verein gerade aus der Landesliga in die Unterliga abgestiegen, der Hauptsponsor war pleite gegangen und mit Ausnahme des pensionierten Platzwartes blickte so ziemlich jeder bei uns unsicheren Zeiten entgegen. Knapp vor Meisterschaftsbeginn wurden wahllos Spieler getestet, ich halt auch.

Aber so Torso konnte der MSC gar nicht sein, dass ich nicht dennoch auf der Ersatzbank mein Zuhause fand. Auch jenen drückend heißen Nachmittag verbrachte ich zunächst auf der faderen Seite der Outlinie. Bis zur 60. Minute, dann plötzlich Aufregung: Eintausch! Ich, der gelernte Außenverteidiger, wurde bestmöglich eingesetzt – als Mittelstürmer. Es war absurd. Ich meine, was soll ein Verteidiger im Strafraum des Gegners? In Zeiten strikter Manndeckung ab der Mittellinie war der andere Torwart eine Person, die man nur beim Einlaufen und in der Pause, am Weg in die Kabine, kurz zu Gesicht bekam.

Ich tat, was von mir zu erwarten war. Ich lief planlos im Kreis. Rechts neben mir spielte ein türkischstämmiger Kärntner, der 1:1 wie der kleinste der vier Dalton-Brüder aussah. Er überraschte mich jedesmal, wenn er den Mund aufmachte. Kein gebrochenes Deutsch, wie ich erwartete, sondern breitester Dialekt: „Schiaß her, du Tuppe“, um nur ein Beispiel rundum geglückter Achtzigerjahre-Integration zu nennen.

Der kleine Dalton war ein guter Kicker. Nur abspielen, das stand nicht am Programm. Er dribbelte grundsätzlich, bis die Kugel weg war. Einmal allerdings, da war er von so vielen Gegner umzingelt, dass er de facto keine andere Möglichkeit mehr hatte, als den Pass zu spielen. Der 16er-Linie entlang kam der Ball auf mich zu. Ich machte mir vor Aufregung beinahe in die Hose: eine Torchance! Mit aller Gewalt drosch ich drauf. Was soll ich sagen? Ich traf den Ball nicht sauber. Eigentlich sogar sehr schlecht. Eher aus Mitleid, denn aus physikalischen Gründen setzte sich der Ball behäbig Richtung Tor in Bewegung.

An dieser Stelle griffen die eigentümlichen Platzverhältnisse ins Geschehen ein. Im gesamten Strafraum wuchs nicht ein einziger Grashalm, dafür gab es jede Menge Steine. Von Kiesel bis zum Granitblock, alles vertreten. Und siehe da: Mein Schussversuch versprang sich nach links, versprang sich nach rechts, schlüpfte einem sehr erfahrenen Libero zwischen den O-Beinen hindurch und mit gefühlten 3 Stundenkilometern schaffte es der Ball bis circa 20 Zentimeter hinter die Torlinie. Das Netz wurde nicht berührt. Egal, der Treffer zählte. Mehr noch: Es war das spielenscheidende Tor zum 5:2! Ich jubelte, als wäre ich gerade Weltmeister geworden. Auch Joe Dalton gratulierte. Ein rundum schönes Gefühl, das sich sogar in einer ihrer wahren Bedeutung nicht angemessenen, im Grunde tief enttäuschenden Kleinstmeldung in der Tagespresse wiederfand.

Der Treffer muss rückwirkend gesehen leider als Einzelerfahrung verbucht werden. Ich kam in den folgenden zwei Jahren in der Kampfmannschaft nicht einmal mehr in die Nähe des gegnerischen Tors.

FOTO: Zeitungsausschnitt zum Spiel (der Pausenstand ist falsch)

Herr Kofler sucht mit Frau Kofler das Standesamt auf

Es gibt seit jeher ein paar fixe Regeln in meinem Leben. Die unverrückbaren Eckpfeiler meiner Existenz. Ich nenne hier nur die wichtigsten:

Keine Kinder.
Keine Harley Davidson.
Keine Ehe.

Ich bin dann mit 24 Jahren Vater geworden (tolle Sache!). Und bin in meinen 30ern rund 20.000 Kilometer auf einer Electra Glide durch die USA gefahren (auch nicht schlecht). Spätestens damit war klar: Kasperltheater, das alles. Das einzig Fixe in meinem Leben ist die Tatsache, dass nix fix ist.

Mooo-ment!

Da war doch noch die Sache mit der Ehe. Da aber, Damenundherren, bin ich hart geblieben. Diesbezüglich ein Rückgrat wie ein Hydrant, der Herr Kofler.

Aber warum denn, werden Sie fragen. Was spricht gegen die Ehe? Zumal, wenn man, wie ich, schon seit dem Pleistozän mit einer wunderbaren Frau an seiner Seite des Weges schreiten darf.

Ich werde es Ihnen sagen: Aus drei Gründen.

Erstens kenne ich niemanden, der – verheiratet – so glücklich ist, wie ich mit meiner Frau in all den Jahren unserer wilden, schamlosen Beziehung fernab von Trauschein und  jener körperteilverfremdeten Fußfessel, die, getarnt als Ehering, beim Juwelier für ein Schweinegeld zu erwerben ist. Viele unglücklich, viele in rechtlicher Scheidung, viele in emotionaler Scheidung, viele von Anfang an auf den Falschen hereingefallen.
DAS WOLLTE ICH NICHT.

Zweitens: diese an Peinlichkeiten so reiche Prozedur der Hochzeit. Polterabend, Maut, Ehegelübde, Fotos, Tanz mit der Schwiegermutter, Wurf des Brautstraußes Richtung alter Jungfern, Brautentführung durch schwer betrunkene Verwandte, mit Konservendosen verschandeltes Auto für die Fahrt zum Flughafen, wo man endlich und viel zu spät diesen Wahnsinn hinter sich lassen kann.
DAS WOLLTE ICH NICHT.

Und dann, drittens, noch die Frage nach den Institutionen. Nicht böse sein, falls Sie Hochzeiten lieben, aber wen lässt man denn mit der Ehe in sein privatestes Privatleben? Die Kirche und den Staat. Ich meine, gibts größere Ungustln?
DAS WOLLTE ICH NICHT.

Also fix und ausgemacht: keine Ehe. Nie.

Bis ich mit 41 Jahren so weit war, grundsätzlich über mein Leben nachzudenken. Ich habe darüber an anderer Stelle geschrieben, vielleicht schauen Sie ja diesbezüglich einen Sprung zur Homepage von Michael Hufnagl. Ich habe nicht nur über mein Leben nachgedacht. Auch über das meiner Frau. Und über das Hobby und Risiko des Motorradfahrens. Und über die grundsätzlich immer gegebene Möglichkeit, dass einem einfach so, wenn schon nicht der gesamte Himmel, dann doch immerhin ein zu großer, zu harter Gegenstand auf den Kopf fallen könnte, woraufhin man vielleicht das eine oder andere Versäumnis bedauern würde.

Also warf ich auch meine dritte und letzte große Regel über Bord. „Am 27. Mai heiraten wir“, informierte ich meine Frau mit all der Romantik, die ich aufzubringen imstande bin. Ich wusste, dass Barbara darauf seit Mitte des Pleistozäns gewartet hatte. „Aber die Hochzeit findet zu meinen Bedingungen statt“, sagte ich.

Keine Ringe.
Keine Kirche.
Keine Trauzeugen.
Keine Angehörigen.
Keine Musik.
Keine Rede.
Keine Schwüre.
Keine nix.

Und so standen wir am 27. Mai 2014 im Standesamt des Villacher Rathauses – der Beamte, meine Tochter, meine Frau und ich. Die Prozedur dauerte sechs Minuten. Mehrere Versuche des Standesbeamten, zu salbungsvollen Worten anzusetzen, unterband ich mit einem höflich gezischten „Nein“.

Unmittelbar danach fuhren meine Frau und ich gen Italien. Es war ein wunderbarer Urlaub. Es war eine wunderbare Entscheidung zu heiraten. Es ist wunderbar zu wissen, dass man einen Partner hat, der selbst bei höchst seltsamem Verhalten keine unnötigen Fragen stellt. Und es ist eine wunderbare Erkenntnis, dass man auch über falsche Wege ans richtige Ziel gelangen kann.

IMG_0121Herr Kofler und Frau Kofler, geschätze fünf Minuten nach dem Ja-Wort. Bereits im Auto, am Weg nach Italien.

Herr Kofler ist im Wechsel

10 Jahre Tageszeitung.
10 Jahre Monats-Magazine.
5 Jahre Wochenzeitungen.

Man kann sagen, ich habe das Printmedien-System in Österreich durchgespielt. Seit 1992 schreibe ich in Villach, Klagenfurt oder Wien für Geld. Als Freier Mitarbeiter, als angestellter Redakteur, als Ressortleiter, als Chefredakteur, als Mädchen für alles, zuletzt als Dorfreporter.

Jetzt ist Schluss. Ich höre bei der Kärntner WOCHE, wo ich zuletzt beschäftigt war, mit Ende Oktober auf  und werde dann – erstmals in meinem Berufsleben – kein Journalist mehr sein. Wenn man von meinen Ferialjobs als Kellner und Postler absieht.

Ich werde mit Jahresbeginn in die Pressestelle der Stadt Villach, meiner Stadt Villach, wechseln und mich dort um Dinge kümmern. Worum genau, das werden wir in den kommenden Wochen noch im Details klären. Es wird der siebente Job in den vergangenen 25 Jahren sein, denn das (Berufs-)Leben ist meiner Meinung nach eine Reise. Und Reisen führen von Station zu Station.

Auf mein Vierteljahrhundert als Schreiber sehe ich mit großer Freude zurück. Ich habe spannende Zeiten erlebt – alleine der technische Wandel! Die ersten Storys habe ich noch per Fax in die Redaktion geschickt, Fotos mussten schnell und für ein Schweinegeld entwickelt werden, ehe man die Abzüge in die Redaktion bringen konnte. Der Wechsel hin zu immer mehr digital hat mir keine Schwierigkeiten bereitet, ich denke der Kanal, über den man seine Geschichten verbreitet, ist völlig egal. Es geht um die Story.

Dass ich zuletzt immer öfter nicht verstanden habe, WAS alles eine Story  zu sein scheint und dass man mit Politikern auch Emojy-Interviews machen kann, verbuche ich als mein Problem. In Erinnerung bleibt die (oft auch nur kurze) Zusammenarbeit mit außergewöhnlichen Menschen wie Kurt Vorhofer, Hubert Patterer, Kurt Kuch oder Heinz Sichrovsky. Vor allem aber mit Ex-Kleine-Zeitung-Chefredakteur Reinhold Dottolo.

Jetzt entschuldigen Sie bitte, ich habe ca. 50 SMS und andere Nachrichten erhalten. Es gibt tatsächlich ein paar Leute, die der Job-Wechsel eines Dorf-Reporters interessiert. Eigentlich schön.

Herr Kofler sehnt sich nach den guten, alten Stürzen

Ich war 12 oder 13 Jahre alt und seit kurzem im Besitz eines unglaublichen BMX-Rades. Nachdem E.T. im Kino nach Hause telefonieren wollte, waren diese Fahrräder der Inbegriff der zeitgemäßen Fortbewegung im prä-motorisierten Lebensalter (sehen Sie hier). Mein Rad hatte übrigens Zwei-Finger-Bremsen und Kunststoff-Felgen. Es war, Sie verstehen, ein besonders geiles Teil.

Eines Tages fuhr ich, mit meinen Freunden, einen Feldweg entlang und einem Erdwall entgegen. Quer zur Fahrtrichtung, vielleicht eineinhalb Meter hoch, zog sich der Wall übers Land. Jetzt müssen Sie wissen: Wenn man ein dermaßen superlässiges BMX-Rad hatte, war man beinahe gezwungen, mit vollem Tempo über den Wall zu fahren und am höchsten Punkt den Lenker wie die Jungs im Kino nach oben zu reißen, damit man umso weiter ins Flache sprang. Und so tat ich.

Freilich, rückwirkend betrachtet war es naiv, den Hügel nicht als Gegenstück zu einem Loch zu vermuten. Aber wer nicht denken will, muss fühlen. Ganz oben angekommen, sah ich das Problem. Hinter dem Wall zeigte sich mir die Gegend in Form eines gut zwei Meter tiefen Grabens. Später erfuhr ich, dass hier ein ganzer Ortsteil an die Kanalisation angeschlossen wurde.

Derweil aber waren noch keine Rohre im Loch. Nur Luft. Ich stürzte mit meinem Wunder-Rad kopfüber in die Tiefe und frage mich noch heute, warum ich mir dabei nicht das Genick gebrochen habe. Verstehen Sie mich nicht falsch. Es ist mir recht, dass es nicht passiert ist. Alleine schon, weil ich Ihnen sonst diese Geschichte nicht erzählen könnte.

Abgesehen von ein paar Abschürfungen und Prellungen ist mir damals nichts geschehen. Dass das E.T.-Fahrrad unversehrt geblieben ist, muss ich nicht gesondert ausführen. Das wird man wohl erwarten dürfen von so einem Extraterrestrial-Teil.

Warum ich Ihnen diese Begebenheit näherbringe? Weil ich mit Wehmut an solche Stürze zurückdenke. Auch wenn mit dem Fahrrad noch ein paar wirklich üble Bretzen folgen sollten, die eines gemeinsam hatten: Sie waren absolut harmlos im Vergleich zu den sich Jahre später zutragenden Motorradunfällen. Und doch: All diese Unfälle, von denen man nicht jeden überleben muss, konnte ich wenigstens auf Dummheit oder mangelndes Fahrkönnen zurückführen. Ich meine, wer riskant unterwegs ist, der muss mit Pflaster und Gips rechnen.

Und genau das ist der entscheidende Unterschied zu den Stürzen, mit denen ich nun, als Mittvierziger zu kämpfen habe. Sie erwischen mich fernab der Rennstecken, fernab jedes Risikos. Jüngstes Problem: ein Gehörsturz. Aus dem Nichts. Hinterhältigerweise während eines grippalen Infektes auftretend, widmete ich ihm tagelang keine Aufmerksamkeit. Ich hielt ihn für eine Begleiterscheinung. Jetzt, eine Woche nach Beginn der Probleme, sagt mir mein HNO-Arzt, ich hätte früher vorbeikommen wollen. Die Chance auf Heilung stünde bei 50 Prozent. Gut, er hat es nicht exakt so gesagt. Aber da er mir, auch auf mehrmaliges Nachfragen, keine Priorität bei der Chancenverteilung nennen wollte, interpretiere ich ihn auf Fiftyfifty.

Der Gehörsturz ist übrigens neun Monate nach der Verschreibung einer Schilddrüsentablette gekommen. Und sechs Monate nach der Verschreibung einer Blutdrucktablette. Für beide Defizite kann ich nichts, wie mir der Internist versicherte. Für den Gehörsturz kann ich auch nichts. Pech gehabt.

Glauben Sie mir: Ich sehe mich nach der Zeit zurück, in der ich selbst schuld war, wenn es Probleme gab. Und kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass es anderen Leuten weit schlechter geht. Ich weiß doch selbst, wie wehleidig sich das liest. Aber Fakt: Ich bin zornig, beleidigt und ein wenig frustriert. Ich rauche nicht, ich saufe nicht, ich fresse nicht. Ich sehe meine Zukunft nicht als halbtauber Tabletten-Junkie.

Das Leben möge dies zur Kenntnis nehmen! Und zwar gefälligst.

 

Herr Kofler denkt über das Alter nach

Ein legendäres Colt-Kaliber.
Das Ende des Zweiten Weltkrieges.
Die Umdrehungszahl, die man bei Anhören einer Vinyl-Single am Plattenspieler benötigt.

Das war es im Wesentlichen, was ich bisher mit der Zahl 45 verbunden habe. Jetzt aber ist das anders geworden. Denn ich bin plötzlich 45 Jahre alt geworden. Ist über Nacht passiert. Vom 5. zum 6. Jänner. Eine Rauhnacht übrigens. Was vermutlich auf die groben Umstände dieser Stufe des Alterungsprozesses hinweist. Denn 45, das ist nicht nichts. Da ist man alt. Man befindet sich im 46.Lebensjahr und damit nach den Regeln der mathematischen Rundungslehre dem 50er näher als dem 40er.

50! Sie wissen schon. Am Arbeitsmarkt schwer vermittelbar, bei Online-Partnerbörsen unter latentem Psychoverdacht – und bei Hartlauer wechselt man dezent von der Brillen- in die Hörgeräteabteilung. Dazu John Hiatts Soundtrack der Endlichkeit:

Old people are pushy.
They don’t have much time.
They’ll shove you at the coffee shop.
Cut ahead in the buffet line.

Wenn Sie mich also fragen, wie es mir geht: geht so.

Obwohl: Wie alt bin ich wirklich? Der Taufschein, OK, wisst Ihr Bescheid. Aber mental sieht es doch komplett anders aus. Meine Gedanken, viele meine Handlungen – hey, 25. Aber höchstens! Ich fühle mich tatsächlich weit jünger als ich nominell bin. Also, außer des morgens. Da bin ich circa 65. Zumindest die ersten 30 Minuten nach dem Aufstehen, eher nach dem Aufrappeln. Diverse Motorradunfälle haben Spuren hinterlassen, vor allem das linke Bein braucht seine Zeit, um auf Betriebstemperatur zu kommen, sprich, sich schmerzfrei abbiegen zu lassen. Aber wie Sie vielleicht wissen: Motorradfahrer jammern nicht über Körperteile, in denen es noch Durchblutung gibt.

Vor kurzem habe ich mir eine neue Brille anfertigen lassen. Genau genommen: Anfertigen lassen müssen. Auch da wieder das Alter, die Sau. 0,5 Dioptrien mehr, nächste Stufe Gleitsichtbrille. Jetzt sehe ich wieder scharf. Auch all die Falten und Altersflecken meiner Mitmenschen. Jessas, sind die alt geworden! Habe ich mir gedacht, BEVOR ich das erst Mal in den Spiegel gesehen habe. Weil dort natürlich Moment der Wahrheit: Falten um die Augen, Unregelmäßigkeiten auf der Haut, deutlich mehr graue Haare an den Schläfen als vermutet. Verfallserscheinungen allesamt. Da braucht man den allwissenden Spiegel aus dem Schneewittchen-Märchen nix mehr zu fragen.

Was tun?
Das Motorrad gegen ein E-Bike tauschen?
Keinen weiteren Bausparvertrag mehr abschließen?
Überseeflüge ob der erhöhten Thrombosegefahr aus dem Programm streichen?

Tell you what: SCHEISS DOCH DER HUND DRAUF! Ich werde, wie immer, die Dinge hinnehmen und das Beste daraus machen. Noch nicht heute, noch nicht morgen, aber sehr bald. Ich drehe die Vinyl-Single einfach um. Und sage mir (auch wenn auf die B-Seite selten die bessere Nummer gepresst war): 2 x 45 = 90. Das wäre doch ein solides Alter. Und morgens vor dem Spiegel muss ich die neue Brille ja nicht tragen.

Herr Kofler lässt 2016 Revue passieren

Man soll den Tag ja nicht vor dem Abend loben. Aber es ist jetzt 17.30 Uhr des letzten Tages im Jahr 2016. Und ja, da lehne ich mich schon einmal aus dem Fenster und sage: Mir ist heuer nichts passiert. Kein Unfall. Kein Krankenhaus. Keine Operation. Nicht einmal ein eitriger Nagel. NICHTS.

Der eine oder andere mag angesicht wahrer Unfallorgien in der Vergangenheit vielleicht den Begriff Wunder strapazieren. Ich sage: I’ve had my share. Nach zwölf Operationen, ein paar körperlichen Einschränkungen, einer lästigen Invalidität, zwei fehlenden Rippen, einem lädierten Lungenflügel und einer besonders dekorativen Narbe quer über den Brustkorb ist es jetzt ganz einfach genug. Ich habe das so beschlossen, das Schicksal hält sich daran. Sehr anständig, wenn Sie mich fragen.

Und so fad war dann 2016 auch:

  • Meine Tochter hat mit ihrem Studium begonnen. Biologie ist es geworden.
  • Das Geschäft meiner Frau läuft sehr gut. Sie hat sich zu einer soliden Unternehmerin entwickelt.
  • Amy, eine bezaubernde Hündin, die niemand haben wollte, ist in unser Leben gekommen. Jeder, der einen Hund hat, weiß, wie sehr so ein Köter das Leben bereichert.
  • Meine Arbeit als Dorfreporter macht mir Spaß. Unser kleines Team ist hoch erfolgreich, alle relevanten Daten zeigen nach oben. Für Journalisten mittlerweile eine eher ungewohnte Situation.
  • Ich habe mir ein neues Motorrad gekauft, Barbara hat – nach einem bösen Crash Ende 2014 – ihre Bikerkarriere beendet. Wir haben also unterschiedliche Lehren aus unseren Unfällen gezogen. Und ja, vermutlich ist meine Frau die Klügere von uns beiden.
  • Barbara und ich waren zwei Wochen in den USA, die Tochter ein Monat in Irland.
  • Ich komme, meistens halt, mit meinem Geld aus – auch, wenn ich mir meine Ausgaben, im Unterschied zu früher (fette Jahre!), genauer überlegen muss.

Das Wichtigste aber in meiner Glücks-Bilanz: Auch 2016 haben meine Frau und ich kein einziges Mal gestritten. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann es bei uns jemals gekracht hat. Dabei müssen Sie wissen: Ich bin durchaus ein Heißläufer. Aber meine Frau, eine Mediatorin von Geburt an, hat mich im Griff. Sie entschärft die Handgranate, noch ehe sie gebaut worden ist. Keine Ahnung, wie sie das macht, ist aber Fakt.

  • OK, ein paar Kleinigkeiten waren 2016 schon. Die Tochter musste sich nach einem verunglückten Köpfler in einen Swimmingpool einer Nasenoperation unterziehen.
  • Die Reparaturarbeiten in der Wohnung, die nach einem schweren Hagelschaden nötig geworden sind, haben mir ein bis zwei Jahre meines Lebens gekostet. Und für die Reparatur meiner zweiten Wohnung, jener in Wien, bei der es ebenfalls einen groben Wasserschaden gab, dürfen Sie ein weiteres Jahr abziehen. (In meinem nächsten Leben werde ich übrigens Handwerker. Da ist die Lizenz zum Töten inkludiert. Zum Nervtöten.)

Aber sonst? Alles bestens, ein Jahr voller Zufriedenheit und Erfolg. Wenn die globale Lage nicht dermaßen konträr wäre, könnte ich mich darüber so richtig maßlos freuen. So aber werde ich es bei einem kleinen Besäufnis in der Silvesternacht belassen und verdammt dankbar dafür sein, dass meine kleine Welt derzeit heil ist.

Dreigroschenoma

Bitte klatschen Sie nicht.

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