Ich bin ein Kind der Vorstadt. Vater Fliesenleger, Mutter Hausfrau. Einfache Verhältnisse. Glückliche Verhältnisse. Auch, weil meine Eltern kleinere (und größere) Spinnereien akzeptierten.

Mein erstes Moped war so eine Spinnerei. Dass ich keine Vespa fahren würde, war klar. Nichts war mir so unsympathisch wie die Söhne der Rechtsanwälte, Notare und Boutiquenbesitzer, die mit olivgrünem Parker auf Vespas mit Polini-Auspuffanlagen saßen. Für mich waren das Dolme. Ein cooler junger Mann, war ich überzeugt, fuhr kein aalglattes Markenprodukt, sondern etwas Eigenwilligeres. Etwas Räudigeres. Etwas wie eine Oscar Can Am. Klein, laut, wild. Wie ich selbst mich gerne sah.

Und ich bekam meine Oscar. Gebraucht. Um 1.800 Schilling, also rund 130 Euro. 130 EURO! Gut, um dieses Geld konnte man nicht erwarten, dass das Moped in allen Details perfekt funktionierte. Es gab etliche Defizite. OK, genau genommen funktionierte an meiner Oscar absolut gar nichts. Um sie zum Laufen zu bringen, würde man etliche Teile austauschen und ein paar gröbere Schäden beheben müssen.

An dieser Stelle kommt mein Nachbar ins Spiel. Ein pensionierter, kauziger Mann mit Goldzähnen, der stets Hut und Blaumontur trug. Obwohl gelernter Gärtner war er ein begnadeter Schrauber. Egal, ob Herd, Rasenmäher oder Atomreaktor – dieser Kerl konnte alles reparieren. Er war gerne bereit, meine Oscar fahrtauglich zu machen.

Im Keller meines Elternhauses schraubten wir das Moped auseinander. Auf mehreren Quadratmetern verteilt lag es vor uns ausgebreitet. Die Ersatzteile waren rasch besorgt. Der Rest, so schätzte mein Nachbar, sei Arbeit für zwei, höchstens drei Tage.

Allerdings gab es ein Problem. Während des Arbeitens hatten mein Nachbar und ich viel Zeit. Also begann er zu erzählen. Vom Krieg. Russland. Kälte, Hunger. Und dann die Toten. So viele Tote! Alle seine Freunde waren gefallen. Nach wenigen Sätzen begann mein Nachbar zu weinen. Dann setzten wir uns und er trank ein Bier. Und noch eines. Der Arbeitstag war damit zu Ende.

Am nächsten Tag? Sie ahnen es vermutlich schon. Arbeiten, reden, Krieg, Tote, weinen, Bier, das war’s. Wir brachten es auf eine durchschnittliche Tagesarbeitszeit von circa einer Stunde.

So ging das über Wochen. Vermutlich wurde noch nie ein Moped so langsam und unter so vielen Tränen zusammengeschraubt. Irgendwann war es aber so weit: Oscar war bereit für die erste Fahrt. Ich weiß nicht, ob Sie auch nur erahnen können, was für ein großartiger Moment das für mich war. Ich öffnete den Benzinhahn, trat ein paar Mal den Kickstart und gab Gas. Oscar funktionierte. Und wie! Nur ab Tempo 70 gab es Ärger mit der Kette. Sie sprang, wohl ob den Vibrationen, vom Kranz, was zu bemerkenswerten Unfällen führte. Ich stürzte in ein Moor, ich stürzte zwischen Bäume, ich stürzte quer über die Straße.

Die Ursache des Problems: mein Nachbar hatte den hinteren Reifen nicht ganz gerade eingesetzt. Das sagte mir zwei Jahre und etliche Stürze später ein professioneller Mechaniker. Wir hatten beim Zusammenschrauben wohl etwas zu viel geweint und Bier getrunken.

Ich nahm meinem Nachbar die lebensgefährliche Schlamperei nicht übel. Denn ich hatte viel von ihm gelernt. Seit unseren gemeinsamen Schraubertagen weiß ich immerhin, wie man eine Kupplung einbaut, dass man eingefrorene Autos in Russland mit offenem Feuer unter dem Motorblock wieder zum Laufen brachte und dass Hitler, ich zitiere, „die größte Sau auf Gottes Erdboden war“. Darüber hatte ich mir davor noch nie so richtig Gedanken gemacht.

Ich finde, für diese Art von angewandtem Geschichtsunterricht kann einem ruhig ein paar Mal die Kette vom Kranz springen.