Als Student wohnte ich, sagen wir, nicht wirklich komfortabel. 30 Quadratmeter im 3. Wiener Gemeindebezirk. Zweiter Innenhof. Man ging also von der Straße durch das erste Haus in einen kleinen Hof, durchquerte ihn und betrat das nächste Gebäude, in dem sich meine Wohnung befand. Im Hochparterre. Mit all der Wärme, die ein darunter liegendes, hundert Jahre altes, feuchtes, modriges Kellergewölbe nach oben abzugeben imstande war. Dass man auch in warmen Zeiten in meiner Gruft, wie ich die Bleibe nannte, fror und daher immer dicke Socken tragen musste, daran hatte ich mich bald gewöhnt. Wirklich mühsam war das fehlende Tageslicht. Denn von meinen zwei Fenstern blickte ich in die nächste, vielleicht fünf Meter entferne Front eines fünfstöckigen Hauses.

Der Mini-Lichtschacht, der mich von den Nachbarn trennte, verdiente seinen Namen kaum. Wenn ich wissen wollte, wie das Wetter war, musste ich das Fenster öffnen, mich so weit wie möglich hinauslehnen und versuchen, die paar Quadratzentimeter Himmel zu deuten, die ich ganz oben zwischen den zum Fluchtpunkt zusammenlaufenden Fassadenkanten mit Müh und Not erblicken konnte. Oft genug missinterpretierte ich, was ich sah und zog meine dicke Jacke an – um dann auf der Straße zu bemerken, dass es bereits Sommer war. Auch umgekehrt: mit dem T-Shirt raus, draußen Starkregen.

DIE WOHNUNG

Die Wohnung selbst? Schritt man durch die Eingangstür, stand man mitten in der Küche, die mit einer Duschkabine und einem Waschbecken zur Allzweck-Nasszelle gepimpt worden war. Dann noch ein großzügiger, Lebens-Lern-Schlaf-mit-Freunden-Feier-Raum. Aus.

Der eine oder andere wird es bereits erahnen: es gab kein Klo. Also schon, aber halt nicht IN der Wohnung. Es war die indischer Variante: am Ende des Ganges. Und es war nicht nur mein WC, es war auch den beiden Nachbarwohnungen zugeteilt. Dermaßen elegant leite ich nun zum eigentlichen Thema dieses Blogbeitrages: meine Nachbarn. Die waren eigenwillig.

DER SÄNGER

Rechts von mir wohnte Thomas, der Sohn eines in den Neunzigerjahren sehr bekannten österreichischen Sportfunktionärs. Er war aus gutem Stall. Warum er hier in den Slums hauste, habe ich nie herausgefunden. Seine Beziehung zu den Eltern war aber, gelinge gesagt, schwierig. Was auch daran liegen mochte, dass Thomas, der offiziell Jus studierte, im Wesentlichen nichts tat. Nichts, außer singen und Gitarre spielen. Den ganzen Tag. Sehr laut. Und mit relativ eingeschränktem Repertoire. Thomas sang AUSSCHLIESSLICH Elvis-Presley-Songs. Mit Vorliebe die beiden Hadern „Devil in Disguise“ und „Kiss Me Quick“ sowie eine Nummer, die mir damals unbekannt war, die aber tatsächlich fein ist: „Moody Blue„, zu finden auf Elvis‘ gleichnamigem, letztem Studio-Album.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich liebe Elvis. Einer der größten Sänger überhaupt, gar keine Frage. In meinem Vinylschrank stehen 15 Platten von ihm. Aber wenn Sie immer und immer wieder das gleiche Lied hören, wird es irgendwann unlustig. Dann sehnt man sich nach Abwechslung.

DAS JUNGE PAAR

Und (erneut eine stilsichere Überleitung!) ich meine damit nicht jene Abwechslung, für die meine anderen Nachbarn sorgten, die auf der linken Seite. Wir sprechen hier von einem jungen Paar aus Villach, wie ich. Die Beiden waren zwar tagsüber brav in der Uni, aber abends meist zu Hause. Und dann, ja dann kopulierten sie. Jeden Tag.

An sich ist das ja eine erfreuliche Sache. Junge Menschen lieben sich und ficken sich das Hirn aus dem Schädel. Eine Spur unangenehm wird es freilich dann, wenn der Tonregler während des Vollzuges auf Maximum eingestellt ist und das Prozedere immer exakt gleich abläuft. Hunderte Mal, absolut identisch. Schweizer Uhr Anarchiezentrum dagegen.

Ich zeichne nun für Sie nach, was mich jahrelang im Alltag und in der Allnacht begleitet hat.
Es hat sich sich tief in mein Gehirn eingebrannt, es stimmt bis ins letzte Detail:

Der Akt begann irgendwann, no na. Ich wurde wenig später durch das lauter werdende Gestöhne der Studentin zwangsinvolviert: „Ah….ah….ah….“ drang es durch die Wände. Dann bald darauf: „Aaaaah…… aaaahhh…… aaaah….“ Mittlerweile war die Nachbarin warmgestöhnt und hatte zu kräftiger Stimme gefunden. Ich nannte diesen Teil die „Aufwärmphase“, sie konnte bis zu zehn Minuten dauern.

Die Überleitung zur „Ekstase-Phase“ wurde mit einem durchgehenden, wellenartig ansteigenden und abschwellenden „AAAAaaaaaAAAAAaaaaaaAAAAA“  dargeboten. Es steigerte sich letztlich zu etwas, das ich nur als Gebrüll bezeichnen kann. Gorillas auf Speed. Komplikationen bei der Geburt. Die räudige Menge bei einem versoffenen Hardrockkonzert. Es war gigantisch! Die junge Frau schien jedes Mal aufs Neue den Verstand zu verlieren.

Diese Phase war deutlich  kürzer als die erste und wurde vom finalen Akt abgelöst, der „religiösen Ankunft“. Hier brüllte die Nachbarin, sich permanent wiederholend, „Oh Gott! Oh Gott! Oh Gott!“, ehe sie allen Menschen im Umkreis von 500 Metern von ihrer sexuellen Ankunft informierte: „ICH KOOOOOOMMMMMMMEEEEEE!“  Einmal gerufen, nie zweimal oder öfter. Nur einmal. Dann zack! Binnen Sekunden war der Spuk vorbei, kein Ton war mehr zu hören. Als hätte man den Pornokanal im TV-Gerät abgestellt.

Ich sage es, wie es ist. Die ersten paar Mal fand ich die unfreiwillige Audio-Spannerei sehr sexy. Dann nicht mehr. Wie oft will man um drei Uhr morgens vom Nahkampf der Nachbarn aus dem Schlaf geholt werden?

DAS GROSSE KONZERT

Akustischer Höhepunkt des Zusammenlebens mit meinen Nachbarn waren jene Tage (und es wäre nicht so wenige), an denen sie ein gemeinsames Konzert gaben. Einmal hatte ich sogar Freunde bei mir, wir waren zu dritt Ohrenzeugen des Unglaublichen:

„You look like an angel….“
„Aaaaa…..aaaa….aaaaaa….“
„…talk like an angel…“
„Aaaaaaaa…“
„You’re the devil in disguise…“
„AAAaaaaaAAAAAaaaaa…“
„Uhm, kiss me quick…“
„Ohgottogottogottt….“ 
„Well it’s hard to be a gambler…“
„Ich koooommmmeeeee!“

DIE NACHBETRACHTUNG

Nach zwei Jahren bin ich innerhalb von Wien umgezogen. Und dann noch einmal. Und dann nach Villach. Und auch dort noch zweimal in eine neue Wohnung. Ich habe also noch viele Nachbarn gehabt. Eines ist ihnen allen gemeinsam: sie waren und sind still – und fad. Ich hätte nie gedacht, dass mir mein Bassena-Elvis und die beiden Puder-Quasteln einmal fehlen werden.

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