Der geneigte Student, zumal der Mensa-Essen- und Hinterhofwohnungs-Student, ist stets auf der Suche nach Geld. Als eine Wiener Studienkollegin mir und vier Freunden die Möglichkeit eröffnete, als Komparsen bei einem Kinofilm mitzuwirken und 1000 Schilling (74 Euro) pro Tag zu verdienen, sagten wir ergo freudig erregt zu. Zumal: ein Musketierfilm – mit Show-Größen wie Kiefer Sutherland, Charlie Sheen und Tim Curry. So richtig Hollywood also. En garde, und wie!

Dass es nicht wirklich zu einer nachhaltigen Filmkarriere reichte, legte ich bereits in einem anderen Blogeintrag dar. Doch die Drehtage in und um Wien gehören zu den lustigsten Erinnerungen an meine Studentenzeit Anfang der Neunzigerjahre.

Für die folgende Geschichte muss ich kurz ausholen. Es gab nämlich zwei Kategorien von Komparsen: das einfache Fußvolk, also Bauern, Mägde und zufällig durchs Bild stolzierende Edelmänner samt Gemahlinnen. Sie kassierten nur 300 Schilling. Und dann waren da die Edelstatisten, jene mit den Fechtwaffen. Einerseits die Musketiere, andererseits die bösen Anhänger des umstürzlerischen Kardinal Richelieu, und das war die 1000-Schilling-Truppe.

Um sich in diese Komparsen-Klasse upzugraden, musste man nicht viel tun. Nur beim Bewerbungszettel die Qualifikation „Fechten“ ankreuzen. Das taten wir alle fünf. Und dann gab es noch eine weitere, eine verwegene Möglichkeiten, in der Hierarchie zu steigen: Die erforderte ein Kreuz bei der Qualifikation „Reiten“. Das trauten wir uns dann aber doch nicht. Schließlich kannten wir allesamt Pferde nur von Winnetou-Filmen und Jahrmärkten-Ringelspielen. Also genau genommen waren nur vier von uns an dieser Stelle vernünftig und verweigerten ein Kreuzerl. Der Fünfte akzeptierte keine halbe Sachen. Nahm das volle Risiko. Ging den ganzen Weg. Es sollte ein bitterer Weg werden…

EINSAMER REITER

Ich spare seinen Namen an dieser Stelle ganz bewusst aus. Nur soviel: Er gehört heute zum Präsidium der österreichischen Industriellenvereinigung. Daher, Sie werden verstehen, die Diskretion.

X, nennen wir ihn doch einfach so, X also gab sich fälschlicherweise als Reiter aus – und wurde prompt in ein kleines Team von Männern geholt, das bei Bedarf forsch durch die Szenerie galoppieren sollte. Zwecks Mittelalter-Athmosphäre.

An jenem Tag drehten wir beim Schloss Petronell in Niederösterreich. Knapp 300 Komparsen waren mit viel Heu, Holz, ein paar Nutztieren und auf alt gemachten Kunststoff-Mauern zu einer kameratauglichen Dorfidylle zusammengepfercht worden. Als Höhepunkt waren die Reiter vorgesehen. Einfache Übung im Grund: von links hinten nach rechts vorne über den Dorfplatz preschen. Dynamischer Kameraschenk dazu, plus trötende Fanfaren – man kennt das.

X stand längst der Schweiß auf der Stirne. Er wusste wohl, er hatte zu viel riskiert. Und er wusste, dass die Hollywood-Filmemacher ihn jeden Moment als Betrüger enttarnen würden. Aber Begriffe wie „Rückzieher“ oder „Notbremse“ waren nie Bestandteil von Xs Lebensplanung. Damals schon gar nicht.

Freilich, es hatte Hinweise auf Xs Reit-Inkompezenz gegeben. Besonders die Tatsache, dass wir ihn zu zweit in den Sattel hieven mussten, hätte den Hollywood-Stuntkoordinatoren auffallen können. Aber irgendwie übersahen die Profis den Amateurauftritt.

RITT INS VERDERBEN

Dann Stunde der Wahrheit. Auf ein Kommando hin hätte die Gruppe von circa zehn Männern auf ihren Pferden losreiten sollen. Tat sie auch. Aber eben nicht alle in die gleiche Richtung. Neun der Reiter galoppierten mit ihren Tieren elegant nach rechts weg, einer hingegegen, der stolperte im Retourgang (ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal gewusst, dass Pferde rückwärts gehen können), sich mit schreckensgeweiteten Augen um den Hals seines Gauls klammernd, über den Marktplatz. Eine göttlich absurde Szene! Das Pferd irrte, offensichtlich von einem falschen Signal verstört, das X mit seinen Füßen gegeben hatte, verkehrt herum zwischen hühnerrupfenden Mägden und Heu tragenden Bauern herum.

Nach einigen Sekunden drohte die Szenererie dann gefährlich zu werden. So ein unkontrolliertes Pferd, dazu die schreiend davonlaufenden Komparsen und der in seinen Lautsprecher brüllende Regisseur – das Chaos war in Rekordzeit perfekt. Letztlich donnerte das Pferd mit seinem Arsch und einem Mordslärm gegen eine Holzwand, die der massiven Erschüttung glücklicherweise standhielt und das entnervte Tier zum Stillstand brachte. Noch ehe ein Stuntkoordinator hineilen und die Zügel ergreifen konnte, entlud sich die Anspannung und der Schreck, die sich im Pferd offensichtlich angesammelt hatten, in einem gigantischen, nie endenden Urinstrahl, der eine Magd frontal traf. Die Ärmste wurde von oben bis unten mit Hochdruck vollgepisst. Die Suppe spritze in alle Richtungen, nässte die Umstehenden ein. Die schrieen, tobten, weinten, alle anderen Anwesenden lachten sich halbtot.

Mit Ausnahme von X. Der hing kreidbleich am Pferd, wurde vom Stuntkoordinator zuerst aus dem Sattel geworfen und dann minutenlang angeprüllt. „Was ihm denn einfiele… was für ein leichtsinniger Arsch er sei…“ etc. Kopfwäsche de luxe.

Nie wieder habe ich zwei Menschen mit so dunkelrotem Kopf gesehen. Der eine vom Brüllen, der andere vom Schämen.

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Das Plakat zum Film: „Die drei Musketiere“ (Walt Disney, 1993) wurden großteils in Wien gedreht.

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