Ich fahre nicht gerne Schi.

Das war früher anders. Da habe ich sogar Geld im Schnee verdient. Als Schilehrer. Nicht, weil ich so gut war. Sondern, weil ich damals mit 19 passables Englisch und einigermaßen vertretbares Italienisch sprach. Und am Hausberg meiner Heimatstadt Villach, dem Dobratsch, gab es viele englische Schulklassen und italienische Urlauber. Was war da mangelnde Technik im Vergleich zur Fähigkeit zum Smalltalk beim Liftfahren? Eben.

Wenn ich auf jenen Winter zurückblicke, sehe ich eine durchwachsene Zeit. Sich monatelang in klirrender Kälte mit Anfängern am Berg herumzuplagen, ist harte Arbeit. Einen Großteil des Tages verbrachte ich in der so genannten Schneepflug-Position, gegen Ende der Saison fiel es mir sogar in Turnschuhen schwer, aufrecht zu gehen.

1. DER ENGLÄNDER

Einmal musste ich einer Gruppe englischer Jugendlicher Grundkenntnisse beibringen. Bei der Kontrolle der Ausrüstung vor der Jugendherberge fiel mir ein Junge auf, der bei ein paar Grad unter Null mit kurzärmligem Leibchen, Fäustlingen und geschulterten Schiern vor mir stand. Null Kälteempfinden, der junge Mann strahlte über das ganze Gesicht. An sich schon absurd. Aber dass er bei seinen Schischuhen die Schnallen an der Innenseite trug, werde ich nie vergessen. Er hatte tatsächlich den linken Schischuh rechts an und umgekehrt. Ich weiß bis heute nicht, wie man das schafft, ohne sich beide Füße zu brechen.

2. DIE ITALIENER

Eine italienische Familie vertraute mir ihre drei Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren an. Alle drei waren einigermaßen talentiert und ich dachte, ein paar Anfeuerungsrufe könnten nicht schaden. „Come Tomba!“ rief ich begeistert, „macht es wie Tomba!“ Ich erntete entsetzte Gesichter.

Zur Erklärung: Es war die Zeit, als der italienische Superstar Alberto Tomba den Slalom-Weltcup dominierte. Und wer wäre besser, um ihn als Vorbild für junge Italiener zu nennen? Eine Woche lang schrie ich aufmunternd meine Tomba-Sätze. Eine Woche lang erntete ich verstörte Blicke. Am Ende des einwöchigen Schikurses nahm mich der Vater der Buben diskret zur Seite. Die Kinder hatten ihm von meinen Motivationsmethoden erzählt. Es gebe da ein Problem. „Wir sind aus Süditalien, aus Bari“, sagte er, „meine Jungs haben keine Ahnung vom Schi-Weltcup, wissen nicht, wer Alberto Tomba ist.“ Und für derart Unkundige heiße „tomba“ halt nur das, was das Wort eigentlich bedeute:  „Grabstein.“

3. DER FREMDE BUB

Einen relevanten Teil seiner Zeit als Schilehrer verbringt man mit Liftfahren. Auch an diesem Tag. Ich fuhr mit einem sogenannten Tellerlift bergwärts. Solche Lifte kommen bevorzugt bei Kinderpisten zum Einsatz, weil sie besonders einfach zu bedienen sind. Man klemmt sich einen kleinen Kunststoffteller, der an einem Bügel hängt, zwischen die Beine und los geht’s.

Wie ich so dahinfahre, höre ich hinter mir plötzlich ein eher zaghaftes Rufen: „Aua. Aua!“ Ich drehte mich um und sah das Malheur. Ein mir fremder Bub aus einer anderen Schikursgruppe, vielleicht sechs Jahre alt, war zu Sturz gekommen. Blöderweise hatte sich eine Kordel seines Schianoraks um die Speichen des Lifttellers gewickelt. Der Lift schleifte den Bub hinterher. Und die Kordel um seinen Hals zog sich immer enger. Der Liftwart, der in solchen Fällen eigentlich auf den Stoppknopf drückte, war nicht zu sehen. Der Lift fuhr und fuhr. Der Bub röchelte nur noch. Obwohl ich nur ein paar Meter vor ihm war, konnte ich nichts tun. Außer um Hilfe brüllen. Aber niemand reagierte. Der Lift zog weiter. Der Bub verstummte.

Am Ende, an der Ausstiegsstelle, dort, wo man den Bügel gegen eine Schneehaufen warf, ehe die kurzen Seile sich aufwickelten und es wieder talswärts ging, schnallte ich blitzschnell meine Schier ab. Ich wusste, dass der Bub nun über den Haufen gezogen werden und dann den automatischen Notstop auslösen würde. So war es. Der Lift kam endlich zum Stillstand. Der Bub lag regungslos im Schnee. Ich lief zu ihm, kniete mich nieder und blickte entsetzt in das blutunterlaufene Gesicht. Die Lippen waren blau. Unmengen von Schaum. Er wimmerte. Es war entsetzlich.

Mit einem Riss weitete ich den luftabschnürenden Anorak  (erstaunlich, welche Kräfte man in Extremsituationen entwickelt), fuhr dem armen Kerl mit den Fingern in den Mund und beförderte Blut und Schaum ins Freie. Tränen schossen ihm plötzlich aus den Augen. Mir auch. Ich wusste, wir hatten Glück gehabt.

In den restlichen Wochen meiner nur einen Winter dauernden Schilehrerkarriere schnitt ich allen Kindern in meinen Kursen mit einem Stanleymesser die Plastikkordeln von den Anoraks.

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