Die Musik der Jugendjahre – sie bleibt uns. Die erste Schallplatte. Die ersten Songs, die wir von der Radio-Hitparade auf 60-Minuten-Kassetten aufgenommen haben. Inklusive dem Ärger, wenn der Moderator zu früh ins Fadeout geplappert und damit die Aufnahme ruiniert hat (656731, Ö3-Hörer wissen Bescheid). Die Songs, die wir auf ewig mit bestimmten Stimmungen verbinden werden. Erste Küsse, Trennungen, der Verlust von Menschen, einschneidende Erlebnisse, die wir mit Fremden, und doch so seltsam Vertrauten geteilt haben, von denen wir halbfertige BRAVO-Starschnitte an der Wand kleben hatten und zu deren Songs wir in die Haarbürste der Mutter gesungen haben.

Aber wie sind wir auf jene Künstler gestoßen, die uns fasziniert haben und vielleicht immer noch faszinieren? Ich erzähle Ihnen, wie ich einen der ganz Großen für mich entdeckt habe: den amerikanischen Singer/Songwriter Tom Waits.

1989 war das. Und ich hatte gerade eine schmerzhafte Trennung hinter mir. Shakin‘ Stevens ging einfach nicht mehr. Oh Julie in Ehren, aber irgendwann ist man dafür zu alt (heute geht’s wieder, nur, falls Sie fragen).

Jedenfalls saß ich an diesem Tag, an den ich sonst überhaupt keine Erinnerung mehr habe, in einem der Villacher Kinos. Damals gab es noch ein paar Häuser, die heute nur noch Nostalgie sind. Es lief ein Krimi mit Ellen Barkin und Al Pacino. „Sea of Love“ hieß er, ein eher mäßiges Werk. Es handelt von einem Mörder und dessen Vorliebe für einen Oldie, eben „Sea of Love“ von Phil Phillips. Eine Edelschnulze aus den späten 1950ern. Sehr gefällig, das war es aber auch schon. Aber hören Sie selbst.

Der Film war endlich zu seinem Ende gekommen, der Abspann begann – und da geschah es: Eine mir völlig fremde Stimme, was heißt Stimme?, ein Geräusch, das Worte zu formen im Stand war, dröhnte uns, den gut 100 Menschen im Saal, entgegen. Viel zu laut, wiel zu wuchtig, viel zu nie gehört. Es dauerte etliche Sekunden, bis ich erkannte: Das war der Titelsong. Aber in einer Coverversion, so dermaßen entfremdet, dass sie längst verheilte Narben aufplatzen lassen konnte und die alte Tonanlage des Villacher Kino so weit über ihre Grenzen brachte, dass jeder Basston die Innereien durchrüttelte. Es war unerhört, magisch und erregend! Wie lange musste man mit Reißnägeln gegurgelt haben, um so unfassbar großartig zu klingen? Genießen Sie hier.

Ich war nicht alleine mit meiner Begeisterung. Kaum einer der Kinobesucher verließ den Saal. Während die langweiligen Namen des Abspanns über die Leinwand rannen, stand die Landbevölkerung der Provinzstadt wie versteinert und ließ sich das Trommelfell massieren. Ich weiß nicht, wie es den anderen ergangen ist, aber für mich war klar, dass Paul Young und Cindy Lauper nie wieder den gleichen Stellenwert haben konnten. Shakin‘ Stevens sowieso nicht.

Ich verließ das Kino und machte mich zu einem Plattengeschäft auf. Ja, so etwas gab es früher. Eigene Läden mit Vinyl und sonst nichts. Eine Single kostete 50 Schilling, Langspielplatten gab es ab rund 180 Schilling. Tom Waits gab es nicht. Aber er konnte bestellt werden. „Antology“ war mein erstes seiner Alben. „Jersey Girl“ und „Ol‘ 55“, muss ich mehr sagen? Und so kam es, dass ein langweiliger Film für mich zu einem einschneidenden Erlebnis wurde, zu einem musikalischen Erweckungsereignis.

Wenig später sollte es noch besser kommen. Ich stieß auf Mink deVille. Aber das ist eine andere Geschichte.

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