Als meine Tochter fünf Jahre alt war, verbrachten wir, also Hannah, meine Frau und ich, ein Wochenende in der Therme Loipersdorf. Bevor Sie jetzt maulen: Wir hatten einen Gutschein. Einen GUTSCHEIN, ok? Und das Wichtigste war sowieso: Hannah liebte Loipersdorf. Das Wasser, die Rutschen, die anderen Kinder.

Obwohl: das mit den anderen Kindern stimmt nicht. Viel lieber als mit Gleichaltrigen spielte sie mit mir. Blöderweise. Denn, das muss ich an dieser Stelle erwähnen, ein begnadeter Kinder-Entertainer war ich nie.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich mag Kinder. Ich mag nur nicht mit ihnen spielen. Denn wenn ich spiele, will ich gewinnen. Zum Beispiel beim Fußball. Kleiner Schupfer? Tränen. Harmlose Grätsche? Weinkrampf. Ohnehin dezenter Pressball? Notaufnahme. Ich meine: Was. Soll. Das?

Damals in Loipersdorf schien aber alles rund zu laufen. Ein wenig schwimmen, Gegenstände vom Beckenboden tauchen, dazu die Rutsche und der Drei-Meter-Turm.

Der Drei-Meter-Turm.

Ich hasse solche Türme. Ich habe schon Höhenangst, wenn ich auf einem flauschigen Teppich stehe. Und dann solche Türme? Nicht mit mir.

Aber mit Hannah.

„Komm, Papa. Da springen wir unter“, strahlte sie mich an – und schon war sie auf der Treppe zum Sprungbrett. Damned. Ich hinterher. Ganz hinauf. Blick hinunter. Jössas! Drei Meter sollen das sein? Nie. Zehn, mindestens.

Während ich erfolglos versuchte, die Angst in mir niederzuringen, hörte ich einen lauten Platsch. Hannah war gesprungen, einfach so. Mit fünf Jahren. Vom 20-Meter-Turm. „Jetzt du!“ rief sie von unten. Ich konnte sie kaum sehen. Nicht nur ob der gigantischen Höhe von rund 50 Metern, auch, weil ich keine Brille aufhatte. Aus der Tiefe drang ein dumpfes „Komm schon!!!“ zu mir empor.

Mir war klar: Sollte ich jetzt zurückziehen, verlöre ich den Status als Supervater. Das wollte ich noch weniger als diesen verdammten Sprung. Herrgottnochmal, dachte ich mir, wenn ich dafür in den Augen meiner Tochter ein Held bleiben konnte, werfe ich mich halt die 100 Meter runter in die Fluten.

Was Elvis Presley in diesem Acapulco-Film konnte, konnte ich schon lange. Mit zittrigen Knien, 200 Puls und schreckensgeweitete Augen ließ ich mich vom Brett fallen und fabrizierte die jämmerlichste Arschbombe aller Zeiten.

Wer so verkrampft springt, muss sich auch nicht wundern, wenn es beim Aufprall einen kräftigen Schnalzer im Rücken macht. Der Schmerz war bemerkenswert, die Wirbelsäule schien in Flammen zu stehen – und das immerhin unter Wasser. Hannah zuliebe ließ ich mir beim Auftauchen nichts anmerken. Ich lachte gequält. Sie strahlte. Superpapa war zurück!

Das Feuer im Rücken wurde schlimmer. Aber zum Glück wollte Hannah ohnehin nicht noch einmal springen, sondern wechselte zur Rutsche. Auf allen Vieren rutschen, nebeneinander. Was für ein Spaß! Leider nur bis zum Ende der Rutsche. Als ich, in Hundestellung, ins Becken plumpste, war es mit meinem Rücken vorbei. Ein Messerstich im Kreuz, auf Höhe Bauchnabel. Das war’s. Keine Bewegung mehr möglich. Und das auf allen Vieren. In 50 Zentimeter tiefem Wasser.

Ich kam nicht mehr auf, war schmerzbedingt in der Hockestellung gefangen. Blickte auf den bläulichen Beckenboden und dem Ableben entgegen. Was tun? Die Luft wurde knapp, Panik kam auf. Ich sah schon die Schlagzeilen in der Tagespresse: „Vater ertrank im Kinderbecken“. Na super. Tot und Lachnummer.

Und, believe it or not, wahrscheinlich wäre ich damals tatsächlich ersoffen. Die Rettung kam in Form eines unachtsamen Kindes, das mir vom Ende der Rutsche direkt ins Kreuz sprang.  Dadurch verschob und verdrehte es mich gerade genug, dass ich mit den Händen den Beckenrand fassen und, keine Sekunde zu früh, den Kopf aus dem Wasser heben konnte. Gerettet!

Das ist nun 12 Jahre her. Ich bin nie wieder nach Loipersorf gefahren.
Viel zu gefährlich.

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Therme Loipersdorf: Im Vordergrund der Sprungturm, hinten die gelbe Rutsche, an deren Ende ich beinahe ersoffen wäre.

40 weitere Beiträge finden Sie im Buch „Früher war ich jünger. 41 Geschichten aus dem Leben eines einfachen Mannes“, Herr Kofler, Tredition Verlag.

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