Ich glaube, jeder Mensch verbindet besondere Gefühle mit seinem ersten Auto. Das zweite? Na ja. Alle Weiteren? Waren notwendig. Freilich, da und dort vielleicht ein Gustostückerl. Aber die erste Karre? Dieser Schritt in die Unabhängigkeit von Eltern, Schule und allem, was konservativ war!

Alleine die Erinnerung an die großartigen Runden durch die Innenstadt. Seitenfenster runtergekurbelt, Mucke auf laut, Sonnenbrille. Ganz langsam fahren, damit einem alle sehen konnten. Und an jeder Kreuzung die Panik, dass einem der Wagen absterben könnte. Aber: nur nichts anmerken lassen. Man war jetzt in einer Liga mit den großen, motorisierten Helden wie Steve McQueen und James Dean. Mindestens. Obwohl: Gerade Dean ist jetzt vermutlich kein besonders gutes Beispiel.

Mein Autoleben begann mit einem LJ 80. Wird Ihnen vermutlich nix sagen. Sollte es aber: Denn der LJ 80 war zwar ausgerechnet von der staatlich geprüft uncoolen Marke Suzuki, begründet aber, was heute kaum noch jemand weiß, das SUV-Zeitalter. Sie wissen schon: Jene swimmingpoolgroßen Allradkisten, die bevorzugt in Wiener Nobelbezirken für die Fahrten zwischen Heurigen, Meinl und Dachgeschosswohnung mit 100-Quadratmeter-Terrasse verwendet werden. Genau. Und der LJ 80 war quasi das Wort. Im SUV-Anfang.

Wenngleich, nun ja, von heutigen Standards war er doch sehr weit entfernt. Zweisitzer, 41 PS, überdimensionierter Kuhfänger, grobschlächtige Stollenräder und mit jeder Menge Besonderheiten am Werk ausgestattet. Zum Beispiel der Workout-Lenkung: eine halbe Umdrehung Spielraum war normal. In Kombination mit einem bemerkenswerten Linksdrall des Wagens. Wollte man also die Landesstraße mit 50 km/h geradeaustuckern, musste man permanent und freilich ohne Servounterstützung nach rechts drehen, um nicht auf die Gegenfahrbahn zu gelangen. Und dann wieder ein wenig zurückrudern, um nicht im Graben zu landen. In Schwarzweiß-Filmen aus den 50er-Jahren sieht man Schauspieler, die Autofahren, bei ähnlichen Oberarm-Straffungsübungen. Genau so war mein LJ 80.

Apropos 80. Mein Vater meinte, er heißt so, weil er, gebraucht, 80.000 Schilling gekostet hat. Nicht gerade superbillig, Ende der 90er-Jahre. Ein neuer Dacia Sandero kostet heute nicht viel mehr. Gut, der hat auch kein so elegantes Lenkradspiel.

Ich hingegen war mir sicher, die 80er-Bezeichnung stammte von der Höchstgeschwindigkeit. Denn, wenn man zu zweit an Bord war, also in legaler Maximalbesetzung, ging die Kiste nur noch 80 Stundenkilometer. Inklusive Rückenwind.

Mein LJ 80. wenige Jahre später durfte ich ihn fahren.
ttps://herrkofler.files.wordpress.com/2014/06/foto1.jpg“> Mein LJ 80. Wenige Jahre später durfte ich ihn dann fahren.

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Eines Tages, es war der Winter 1990, fuhr ich, wie jeden Sonntagabend, von Villach nach Spittal an der Drau, in die Kaserne, in der ich meinen Dienst als „Einjährig Freiwilliger Soldat“ versah. Ich bretterte die Tauernautobahn mit gut 90 km/h dahin und kurbelte mich dabei, wie gewöhnlich, am Lenkrad zu Popeye-Unterarm-Ausmaßen, als sich links langsam ein Schatten in mein Blickfeld schob. Ich wurde überholt. Daran hatte ich mich gewöhnt. Mit Ausnahme von Traktoren hatten mich eigentlich jederzeit alle überholt. Normalerweise war mir das egal.

Doch heute war alles anders: Der Schatten, der sich langsam immer weiter nach vorne schob und schon bald auf gleicher Höhe mit mir war, erwies sich als Trabant. Ausgerechnet! Diese DDR-Schrottkisten, die nicht einmal eine Motorbremse hatten. Um die Schmach noch größer zu machen: Der Trabant war mit fünf Menschen besetzt. Erwachsenen Menschen! Und er hatte einen Schiträger am Dach. Mit fünf Paar Schiern. Und alle (ALLE!) waren verkehrt herum angeschnallt. Spitzen vorne. Was mindestens 3 km/h kostete. Und trotzdem war der verdammte Trabi schneller als ich. Gut, nur ums Arschlecken. Aber doch. Ich verlor Zentimeter um Zentimeter.

Ich beschloss zu kämpfen. Trat das Gaspedal bis knapp unter die Bodenplatte durch, schaltete das Radio aus (Konzentration!), bückte mich im Auto, um die Aerodynamik zu verbessern. Sie merken schon, ich gab alles. Und war dennoch chancenlos. Nach einem zehnminütigen Zweikampf war die ostdeutsche Dreckskiste an mir vorbeigezogen, ich blickte frustriert in ihren Auspuff.

Die Demütigung war so groß, dass ich erstmals an meinem geliebten LJ 80 zweifelte. Was höflich formuliert ist. Eigentlich wollte ich den Wagen augenblicklich am Pannenstreifen abstellen, mit Benzin übergießen und in Flammen aufgehen lassen.

Zum Glück kam ein extrem schneereicher Winter. Während andere schaufelten, Ketten anlegten und ihre Autos unfreiwillig im Straßengraben parkten, suchte ich beim Magistrat um Namensänderung an. Ich hieß jetzt nämlich „King of the road“. 41 PS und kleine Allraduntersetzung. Damit hätte ich Hauswände hochfahren können. Spätestens, als ich den gigantisch großen Mercedes eines beispiellos unsympathischen Kleinindustriellen, der aus meinem Heimatort kam, via Anhängevorrichtung und Seil aus dem Graben zog, wusste ich: Ich würde den LJ 80 ewig lieben.

Und so kam es auch. Zwar musste ich ihn, als ich mein Studium in Wien begann, verkaufen. Doch nie wieder wird es einen Wagen geben, an den ich so gerne zurückdenke. Mit dem ich so viel Herz verbinde. Bei dem es mir weh tut, wenn ich alte Bilder sehe. Weil er mir fehlt, mein quadratisch, praktisch, guter Freund.

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