Im Sommer 1987 war es, da fand ich mich mit meinen 15 Jahren völlig unverhofft in der Kampfmannschaft meines Fußballvereins, des Magdalener Sportclubs (MSC), wieder. Weniger wegen meines Talents, als viermehr wegen des Umstandes, dass das Team für ein Match im Villacher Stadtpokal zu wenig Spieler hatte. Herr Kofler also Notnagel. Und warum nicht?

Damals war mein Verein gerade aus der Landesliga in die Unterliga abgestiegen, der Hauptsponsor war pleite gegangen und mit Ausnahme des pensionierten Platzwartes blickte so ziemlich jeder bei uns unsicheren Zeiten entgegen. Knapp vor Meisterschaftsbeginn wurden wahllos Spieler getestet, ich halt auch.

Aber so Torso konnte der MSC gar nicht sein, dass ich nicht dennoch auf der Ersatzbank mein Zuhause fand. Auch jenen drückend heißen Nachmittag verbrachte ich zunächst auf der faderen Seite der Outlinie. Bis zur 60. Minute, dann plötzlich Aufregung: Eintausch! Ich, der gelernte Außenverteidiger, wurde bestmöglich eingesetzt – als Mittelstürmer. Es war absurd. Ich meine, was soll ein Verteidiger im Strafraum des Gegners? In Zeiten strikter Manndeckung ab der Mittellinie war der andere Torwart eine Person, die man nur beim Einlaufen und in der Pause, am Weg in die Kabine, kurz zu Gesicht bekam.

Ich tat, was von mir zu erwarten war. Ich lief planlos im Kreis. Rechts neben mir spielte ein türkischstämmiger Kärntner, der 1:1 wie der kleinste der vier Dalton-Brüder aussah. Er überraschte mich jedesmal, wenn er den Mund aufmachte. Kein gebrochenes Deutsch, wie ich erwartete, sondern breitester Dialekt: „Schiaß her, du Tuppe“, um nur ein Beispiel rundum geglückter Achtzigerjahre-Integration zu nennen.

Der kleine Dalton war ein guter Kicker. Nur abspielen, das stand nicht am Programm. Er dribbelte grundsätzlich, bis die Kugel weg war. Einmal allerdings, da war er von so vielen Gegner umzingelt, dass er de facto keine andere Möglichkeit mehr hatte, als den Pass zu spielen. Der 16er-Linie entlang kam der Ball auf mich zu. Ich machte mir vor Aufregung beinahe in die Hose: eine Torchance! Mit aller Gewalt drosch ich drauf. Was soll ich sagen? Ich traf den Ball nicht sauber. Eigentlich sogar sehr schlecht. Eher aus Mitleid, denn aus physikalischen Gründen setzte sich der Ball behäbig Richtung Tor in Bewegung.

An dieser Stelle griffen die eigentümlichen Platzverhältnisse ins Geschehen ein. Im gesamten Strafraum wuchs nicht ein einziger Grashalm, dafür gab es jede Menge Steine. Von Kiesel bis zum Granitblock, alles vertreten. Und siehe da: Mein Schussversuch versprang sich nach links, versprang sich nach rechts, schlüpfte einem sehr erfahrenen Libero zwischen den O-Beinen hindurch und mit gefühlten 3 Stundenkilometern schaffte es der Ball bis circa 20 Zentimeter hinter die Torlinie. Das Netz wurde nicht berührt. Egal, der Treffer zählte. Es war das spielenscheidende Tor zum 5:1. Ich jubelte, als wäre ich gerade Weltmeister geworden. Sogar der kleine Dalton gratulierte. Ein rundum schönes Gefühl, das sich sogar in einer ihrer wahren Bedeutung nicht angemessenen, im Grunde enttäuschenden Kleinstmeldung in der Tagespresse wiederfand.

Leider, es blieb bei einer Einzelerfahrung. Ich kam in den folgenden zwei Jahren in der Kampfmannschaft nicht einmal mehr in die Nähe des gegnerischen Tors.

FOTO: Zeitungsausschnitt zum Spiel (der Pausenstand ist falsch)

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