Ich war 23 Jahre alt und die Rolling Stones gaben ein Österreich-Konzert, in Zeltweg. An sich schon gut. Aber dann war da noch Barbara, meine heutige Frau. Boy, She Was Hot! Ich kannte sie erst seit wenigen Wochen und ein Konzert dieser Größenordnung schien mir gerade recht. Alleine der Subtext! Die Stones blieben IMMER zusammen, auch wenn Keith Richards von einer Palme fiel oder Mick Jagger sich durch an Verrat grenzende, schlechte Solo-Alben quälte. Die konnten Fehler verzeihen, die waren für die Ewigkeit gemacht. So musste es sein!

Ich sollte noch erwähnen, dass ich ein nagelneues Motorrad hatte, eine knackige Yamaha. Mit ihr war ich auch an diesem 1. August zur Arbeit gefahren, von Villach nach Klagenfurt. Um nach Zeltweg zu kommen, musste ich noch eine kleine Extra-Tour einlegen. Nach der Arbeit zurück nach Villach, um Barbara abzuholen. Und dann: Let’s Spend the Night Together.

Blöd nur, dass ich nie in Villach ankam.

Ich fuhr dem Wörthersee entlang, das Leben hätte nicht schöner sein können. Love in Vain hinter mir, eine gut asphaltierte Straße zur richtigen Frau vor mir. Wer am Motorrad „in den Flow“ kommt, spürt tatsächlich so etwas wie Freiheit. Zumindest bis zu dem Moment, an dem ein 84-jähriger Mann mitten auf einer Straßenkreuzung und unmittelbar vor einem zur Vollbremsung ansetzt. Weil er vergessen hatte, rechtzeitig nach rechts abzubiegen und dieses Manko im letzten Augenblick zu beheben gedachte. Ich wusste, das war’s. Ich war zu knapp dran, zu flott unterwegs. Dann wurde es finster. Sad Day.

Als ich wieder zu mir kam, hatten sich fremde Menschen über mich gebeugt.

„Er lebt.“
„Ob er uns hört?“
„Hallo, kannst du uns verstehen?“

Seltsame Fragen an einen, der gerade überhaupt keine Idee hatte, warum er am helllichten Tag mitten auf der Straße lag. Ich versuchte mich zu sammeln. Langsam dämmerte es mir: Unfall. Etwas später: Scheiße. Noch etwas später: Warum tut mir nichts weh?

Am nächsten Tag erwachte ich in
einem Sechs-Bett-Zimmer im Unfallkrankenhaus Klagenfurt. Sechs Männer, sechs Motorradunfälle. Alle am selben Tag. Top Quote.

Die Diagnose war unangenehm. Im linken Fuß fünf gebrochene Mittelfußknochen. Auch erneut: Top Quote. Fokussiert stellte ich der Visite die einzig logische Frage: „Dear Doctor, wie geht es meinem Motorrad? Es ist neu.“

Der Heilprozess verlief suboptimal. Neben den Brüchen hatte ich schwere Quetschungen und Prellungen erlitten. Der linke Fuß war in einem relativ üblen Zustand. Aber, bei Motorradfahrern muss man das immer dazusagen: er war noch dran.

Soweit es möglich war, versuchten in meinem „pes sin.“ Drähte und Nägel für Ordnung zu sorgen. Es blieb beim Versuch. Denn mein Körper stieß das fremde Material ab. Er schob es durch die Haut ins Freie. Was unter einem Gips zu nachvollziehbaren Schmerzen führte. Also musste der Gips runter. Mit einer Miniflex wurden die vorstehenden Metallteile entfernt. Dann kam ein neuer Gips rauf. Ich kam mir vor wie Robocop. Robokof.

Nach mehreren Abstoß-Exzessen – drei Mal Gips runter, Flex her, Gips rauf – hatte mein Körper gegen die Pläne der Mediziner gesiegt. Die Stifte blieben nicht, wie erwünscht, sechs Monate in meinem Fuß, sondern nur sechs Wochen. Nachteil: das Fußgewölbe hatte damit nicht lange genug Stabilität beim Heilen. Fazit: seither schmerzt der Fuß. Seit nunmehr 19 Jahren lässt er mich keine Sekunde vergessen, dass ich einen Moment lang unaufmerksam war. Manchmal fühlt es sich an, als wäre mir ein 100 Kilo schwerer Mann auf den Rist getreten. Und das sind die guten Tage. Im Sommer ist das Bein bis zum Knie angeschwollen, im Winter spinnt es sowieso, die Durchblutungswerte Liegen bei 50 Prozent. Aber, As Tears Go By, man lernt mit seinen Problemzonen zu leben.

Ein Fußballspiel, mein zweitliebstes Hobby nach dem Motorradfahren, muss ich mir halt heute gut überlegen. Ich büße dafür zwei bis drei Tage lang. Ein Eishockeyspiel, mein drittliebstes Hobby, büße ich nur einen Tag. Laufen kann ich gar nicht mehr, wenn Einheiten unter 100 Meter nicht zählen. Ob es noch einmal besser wird? Ich habe No Expectations.

Zu den Stones, die jetzt (Juni 2014) gerade wieder in Wien aufgetreten sind, bin ich auch diesmal nicht hingefahren. Wie bei allen Konzerten in Reichweite seit 1995. Ich könnte ja wieder hinfallen. Diesbezüglich habe ich mich zu einem Fool to Cry entwickelt. Obwohl ich angesichts der nicht zu leugnenden Vergreisung der Band natürlich weiß: This Could Be the Last Time.

Aber, eh schon wissen:
You Can’t Always Get What You Want.

PS: Die Yamaha war durch den Unfall in erbärmlichem Zustand. Rund um ihre Reparatur entwickelte sich ein veritabler Krimi. Aber das ist eine andere Geschichte.

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