Ich war 12 oder 13 Jahre alt und seit kurzem im Besitz eines unglaublichen BMX-Rades. Nachdem E.T. im Kino nach Hause telefonieren wollte, waren diese Fahrräder der Inbegriff der zeitgemäßen Fortbewegung im prä-motorisierten Lebensalter (sehen Sie hier). Mein Rad hatte übrigens Zwei-Finger-Bremsen und Kunststoff-Felgen. Es war, Sie verstehen, ein besonders geiles Teil.

Eines Tages fuhr ich, mit meinen Freunden, einen Feldweg entlang und einem Erdwall entgegen. Quer zur Fahrtrichtung, vielleicht eineinhalb Meter hoch, zog sich der Wall übers Land. Jetzt müssen Sie wissen: Wenn man ein dermaßen superlässiges BMX-Rad hatte, war man beinahe gezwungen, mit vollem Tempo über den Wall zu fahren und am höchsten Punkt den Lenker wie die Jungs im Kino nach oben zu reißen, damit man umso weiter ins Flache sprang. Und so tat ich.

Freilich, rückwirkend betrachtet war es naiv, den Hügel nicht als Gegenstück zu einem Loch zu vermuten. Aber wer nicht denken will, muss fühlen. Ganz oben angekommen, sah ich das Problem. Hinter dem Wall zeigte sich mir die Gegend in Form eines gut zwei Meter tiefen Grabens. Später erfuhr ich, dass hier ein ganzer Ortsteil an die Kanalisation angeschlossen wurde.

Derweil aber waren noch keine Rohre im Loch. Nur Luft. Ich stürzte mit meinem Wunder-Rad kopfüber in die Tiefe und frage mich noch heute, warum ich mir dabei nicht das Genick gebrochen habe. Verstehen Sie mich nicht falsch. Es ist mir recht, dass es nicht passiert ist. Alleine schon, weil ich Ihnen sonst diese Geschichte nicht erzählen könnte.

Abgesehen von ein paar Abschürfungen und Prellungen ist mir damals nichts geschehen. Dass das E.T.-Fahrrad unversehrt geblieben ist, muss ich nicht gesondert ausführen. Das wird man wohl erwarten dürfen von so einem Extraterrestrial-Teil.

Warum ich Ihnen diese Begebenheit näherbringe? Weil ich mit Wehmut an solche Stürze zurückdenke. Auch wenn mit dem Fahrrad noch ein paar wirklich üble Bretzen folgen sollten, die eines gemeinsam hatten: Sie waren absolut harmlos im Vergleich zu den sich Jahre später zutragenden Motorradunfällen. Und doch: All diese Unfälle, von denen man nicht jeden überleben muss, konnte ich wenigstens auf Dummheit oder mangelndes Fahrkönnen zurückführen. Ich meine, wer riskant unterwegs ist, der muss mit Pflaster und Gips rechnen.

Und genau das ist der entscheidende Unterschied zu den Stürzen, mit denen ich nun, als Mittvierziger zu kämpfen habe. Sie erwischen mich fernab der Rennstecken, fernab jedes Risikos. Jüngstes Problem: ein Gehörsturz. Aus dem Nichts. Hinterhältigerweise während eines grippalen Infektes auftretend, widmete ich ihm tagelang keine Aufmerksamkeit. Ich hielt ihn für eine Begleiterscheinung. Jetzt, eine Woche nach Beginn der Probleme, sagt mir mein HNO-Arzt, ich hätte früher vorbeikommen wollen. Die Chance auf Heilung stünde bei 50 Prozent. Gut, er hat es nicht exakt so gesagt. Aber da er mir, auch auf mehrmaliges Nachfragen, keine Priorität bei der Chancenverteilung nennen wollte, interpretiere ich ihn auf Fiftyfifty.

Der Gehörsturz ist übrigens neun Monate nach der Verschreibung einer Schilddrüsentablette gekommen. Und sechs Monate nach der Verschreibung einer Blutdrucktablette. Für beide Defizite kann ich nichts, wie mir der Internist versicherte. Für den Gehörsturz kann ich auch nichts. Pech gehabt.

Glauben Sie mir: Ich sehe mich nach der Zeit zurück, in der ich selbst schuld war, wenn es Probleme gab. Und kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass es anderen Leuten weit schlechter geht. Ich weiß doch selbst, wie wehleidig sich das liest. Aber Fakt: Ich bin zornig, beleidigt und ein wenig frustriert. Ich rauche nicht, ich saufe nicht, ich fresse nicht. Ich sehe meine Zukunft nicht als halbtauber Tabletten-Junkie.

Das Leben möge dies zur Kenntnis nehmen! Und zwar gefälligst.

 

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