Ein legendäres Colt-Kaliber.
Das Ende des Zweiten Weltkrieges.
Die Umdrehungszahl, die man bei Anhören einer Vinyl-Single am Plattenspieler benötigt.

Das war es im Wesentlichen, was ich bisher mit der Zahl 45 verbunden habe. Jetzt aber ist das anders geworden. Denn ich bin plötzlich 45 Jahre alt geworden. Ist über Nacht passiert. Vom 5. zum 6. Jänner. Eine Rauhnacht übrigens. Was vermutlich auf die groben Umstände dieser Stufe des Alterungsprozesses hinweist. Denn 45, das ist nicht nichts. Da ist man alt. Man befindet sich im 46.Lebensjahr und damit nach den Regeln der mathematischen Rundungslehre dem 50er näher als dem 40er.

50! Sie wissen schon. Am Arbeitsmarkt schwer vermittelbar, bei Online-Partnerbörsen unter latentem Psychoverdacht – und bei Hartlauer wechselt man dezent von der Brillen- in die Hörgeräteabteilung. Dazu John Hiatts Soundtrack der Endlichkeit:

Old people are pushy.
They don’t have much time.
They’ll shove you at the coffee shop.
Cut ahead in the buffet line.

Wenn Sie mich also fragen, wie es mir geht: geht so.

Obwohl: Wie alt bin ich wirklich? Der Taufschein, OK, wisst Ihr Bescheid. Aber mental sieht es doch komplett anders aus. Meine Gedanken, viele meine Handlungen – hey, 25. Aber höchstens! Ich fühle mich tatsächlich weit jünger als ich nominell bin. Also, außer des morgens. Da bin ich circa 65. Zumindest die ersten 30 Minuten nach dem Aufstehen, eher nach dem Aufrappeln. Diverse Motorradunfälle haben Spuren hinterlassen, vor allem das linke Bein braucht seine Zeit, um auf Betriebstemperatur zu kommen, sprich, sich schmerzfrei abbiegen zu lassen. Aber wie Sie vielleicht wissen: Motorradfahrer jammern nicht über Körperteile, in denen es noch Durchblutung gibt.

Vor kurzem habe ich mir eine neue Brille anfertigen lassen. Genau genommen: Anfertigen lassen müssen. Auch da wieder das Alter, die Sau. 0,5 Dioptrien mehr, nächste Stufe Gleitsichtbrille. Jetzt sehe ich wieder scharf. Auch all die Falten und Altersflecken meiner Mitmenschen. Jessas, sind die alt geworden! Habe ich mir gedacht, BEVOR ich das erst Mal in den Spiegel gesehen habe. Weil dort natürlich Moment der Wahrheit: Falten um die Augen, Unregelmäßigkeiten auf der Haut, deutlich mehr graue Haare an den Schläfen als vermutet. Verfallserscheinungen allesamt. Da braucht man den allwissenden Spiegel aus dem Schneewittchen-Märchen nix mehr zu fragen.

Was tun?
Das Motorrad gegen ein E-Bike tauschen?
Keinen weiteren Bausparvertrag mehr abschließen?
Überseeflüge ob der erhöhten Thrombosegefahr aus dem Programm streichen?

Tell you what: SCHEISS DOCH DER HUND DRAUF! Ich werde, wie immer, die Dinge hinnehmen und das Beste daraus machen. Noch nicht heute, noch nicht morgen, aber sehr bald. Ich drehe die Vinyl-Single einfach um. Und sage mir (auch wenn auf die B-Seite selten die bessere Nummer gepresst war): 2 x 45 = 90. Das wäre doch ein solides Alter. Und morgens vor dem Spiegel muss ich die neue Brille ja nicht tragen.

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