Ich war im Fitness-Studio. Zum ersten Mal seit mindestens 20 Jahren. Die lange Absenz hat ihren Grund: ich mag keine Fitness-Studios. Ich finde alles daran dämlich. Die Idee; die Leute; die Videos, die man auf den Animations-TV-Geräten sieht.

Trotzdem war ich dort. Und werde in den kommenden Wochen regelmäßig wiederkehren. Warum, werden Sie fragen, tut man sich das an. Weil ich Mitte Oktober – nach drei Jahren Pause – wieder in einem Eishockey-Team spielen werde. Dass ich der Schwächste der Truppe sein werde, steht außer Frage. Alleine schon ob der mangelnden Spielpraxis. Nun geht es ausschließlich darum, Ärgeres zu verhindern. Denn Eishockey kann weh tun.

Also Fitness-Studio. Um später nicht schon beim ersten Aufwärmen in der Eishalle einen Herzinfarkt zu bekommen. Um Checks zu überleben. Um dem Puck beim Match nicht nur nachsehen, sondern auch nachfahren zu können. Und da sind wir beim Punkt: die Kondition. Sie ist nicht im Keller. Sie befindet sich im Erdreich unter dem Keller. Weit drunter. Vermutlich hätte sie es, wenn sie sich in eine Richtung ins Freie graben müsste, nach Australien näher als nach Villach.

Daher hat meine Frau gemeint – und sie kennt sich da gut aus, schließlich ist sie Fitlehrwart – ich möge drei Mal die Woche eine Stunde trainieren. Genau das werde ich nun tun.

Die erste Trainingseinheit war durchwachsen. Auftakt: 20 Minuten am Crosstrainer. Ich stopple meine Kopfhörer in die Ohren, drehe die Musik am Smartphone auf und aktiviere das Programm „Gewichtsabnahme“. Gemütliches Gehen am Stand, inklusive unnatürlicher Armbewegungen. Da bleibt Zeit, mich umzublicken. Links neben mir bedient eine junge Dame ebenfalls einen Crosstrainer. Sie bewegt sich schneller als ich. Deutlich schneller. Eigentlich ist es ein Wunder, dass sie das Gerät nicht aus der Verankerung reißt und Richtung Wörthersee davonfliegt. Ich blicke auf ihre digitale Anzeige. Sie scheint das Ding seit 40 Minuten zu malträtieren. Vermutlich hat das Display einen Schaden. Niemand kann so lange in diesem Tempo treten, ohne zu explodieren.

Mein Display zeigt hingegen „5 Minuten“. Es dürfte ebenfalls kaputt sein. Ich fühle mich wie 50 Minuten. Motörhead erklären mir das Phänomen via Kopfhörer: „God was never on your side. No, no, no.“

Ich beende das 20-Minuten-Programm nach einer Viertelstunde. Zentralmatura, Verfassungsmehrheit, To-do-Listen-Abarbeitung: 75 Prozent sind eigentlich immer genug.

Als nächstes stehen ein paar Übungen bei den Kraftgeräten an. Als ich seinerzeit, postpubertär, noch in die Muckibude rannte, gab es nur drei, vier Geräte. Butterfly, Beindrücken, Hanteln – mehr brauchte der figurbewusste Vorstadt-Mann nicht, um seinen Körper mit seltsamen Muskelbergen zu verformen. 

Aber die Zeiten haben sich geändert. Dutzende Foltergeräte warten hier und nun auf mich. Ich gebe Godot und lasse sie warten. Wer braucht diesen modernen Schnickschnack? Einmal Butterfly, immer Butterfly. Und so setze ich mich auf meinen alten metallenen Freund. Aha, der Henker vor mir hat sich 60 Kilo aufgeladen. Gut, soll sein. Ich probiere mit seinen Einstellungen zu arbeiten. Nichts. So sehr ich auch die beiden Arme zur Mitte drücke, es rührt sich nichts. Die Gewichte sind zu schwer. Ich reduziere auf 40 Kilo. Nichts. 30. Nichts. 20. Nichts.

Mit respektablen 15 Kilogramm mache ich schließlich meine 100 Übungen. Es ist grausam. Wie durch ein Wunder brechen meine Schultergelenk nicht aus dem Oberkörper. Und auch die Arme halten glücklicherweise durch. Ich fühle mich wie Arnold. Bevor ich zum Beindrücken wechsle, verändere ich noch schnell und minimal das Butterfly-Gewicht – von 15 auf 80 Kilo. Warum soll nicht auch der Nächste, der sich hierhersetzt, an sich zweifeln?

Bei den Beinen läuft es besser. Ich hatte immer gute Beine. Wie Charles Bukovski. In Summe eher mau, aber tadellose Beine. Ich biege meine 100 Einheiten runter und schließe den Kreis, in dem ich zurück zum Crosstrainer gehe. Lockeres Austraben. 15 Minuten. Ich halte mich auch diesmal konsequent an die 75-Prozent-Regel, dehne zum Abschluss meinen geschundenen Körper noch genau 30 Sekunden und beende mein Fitness-Studio-Comeback.

„Das müssen wir aber in den kommenden Wochen noch steigern“, sagt meine Frau.
„Tell me something I don’t know“, singt mir David Gray ins Ohr.
„Ich bin bereit“, sagt ich.
Mit wackligen Beinen mache ich mich auf zur Dusche.

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