Voriges Jahr, in ihrem 74. Lebensjahr, hat meine Mutter das Haus verlassen, in dem sie 40 Jahre lang mit meinem Vater gelebt hat. Sie ist ein paar Kilometer weitergezogen und ist jetzt meine Nachbarin. Sie wohnt in einem 60-Quadratmeter-Häuschen, ich in der Dachgeschoßwohnung des angrenzenden Hauses. Mein Vater kommt sie regelmäßig besuchen, es gab keinen Streit oder gar Rosenkrieg. Es entstanden über die Jahre  einfach Umstände, die meine Mutter nicht mehr zu akzeptieren bereit war. Und so hat sie Villa mit Pool und einen Großteil ihres Lebens zurückgelassen. Zu einem Zeitpunkt, an dem 99 Prozent aller Menschen wohl gesagt hätten: zu spät, sinnlos.

Nicht so meine Mutter. Ihr Auszug war ein später Bruch in einem Leben, das viele Brüche anzubieten hatte.

Als Jugendliche etwa raste meine Mutter auf Schiern einen Hohlweg talwärts. Unguterweise kam ihr eine Bundesheer-Einheit mit Haflingerpferden entgegen. Es gab kein Entrinnen. Gaul, Soldat, Mutter, alles eins. Im Unterschied zu Mutters Körper. Sie überlebte mit Glück, trug aber schwerste Verletzungen davon.

Wenige Jahre später schmiss sie die Schule, weil sie bemerkt hatte, wie praktisch es war, Geld zu verdienen. Mutter war fleißig, freundlich, lernte Englisch und Französisch und arbeitete in der Gastronomie in Kärnten, am Arlberg, in der Schweiz und Deutschland. Werner Berg, Christine Lavant, Karl Schranz und Toni Sailer mochten die kleine Kellnerin aus Kärnten sehr.

Bald konnte sie sich – als eine der ersten Frauen in Villach – ein eigenes Auto leisten. „Die Männer sind am Straßenrand gestanden und haben gestaunt“, sagt sie. Einmal fuhr sie mit einer ihrer Schwestern in einem 600er-Fiat viele hundert Kilometer nach Italien zum Baden. Ölstand, Bremsen, Luftdruck, all das hat sie nie kontrolliert: „Wir fuhren einfach drauflos.“

In einer eisigen Winternacht verlor sie Jahre später die Kontrolle über ihr Auto und stürzte in den Afritzer See. Ihr Schwager, er saß am Beifahrersitz, konnte sich retten, Mutter schaffte es auf eigener Kraft nicht. Nur dem beherzten Eingreifen eines Gymnasialprofessors aus Villach ist es zu verdanken, dass sie damals nicht ertrunken ist. Allerdings wurde ihre Wirbelsäule schwer verletzt. Die folgenden sechs Monate verbrachte sie auf der Stolzalpe in einem Ganzkörper-Gipskorsett. Ihre Mutter musste sie füttern. „Diese Zeit vergesse ich nie mehr“, sagt sie.

Es kamen zahlreiche Unfälle dazu, unter anderem landete sie bei einem Motorradunfall kopfüber in einem Misthaufen. Die Crash-Lebensbilanz meiner Mutter ist beeindruckend: Außer ihrem Kopf und dem linken Arm war so gut wie jeder Knochen ihres Körpers mindestens einmal gebrochen. Ihrem linken Schienbein fehlen mittendrin einfach drei Zentimeter (was regelmäßig für Überraschungen bei Röntgenaufnahmen sorgt), sie ist insgesamt windschief wie ein altes Haus, als Folge davon musste vor kurzem eine Hüfte ausgetauscht werden. Ergibt in Summe eine 50-prozentige Invalidität. Schmerzfrei war meine Mutter seit 30 Jahren nicht mehr.

Aber wenn dieser Frau auch so mancher Teil der Körpers mit der Zeit abhanden gekommen ist, zweierlei hat sie nie verloren: zum einen den Lebensmut. Den Optimismus, auch am Tag vor dem fixierten Weltuntergang noch einen Baum zu pflanzen. Und zum anderen ihre  Großherzigkeit. Meine Mutter hilft immer. Jedem. Bedingungslos. Ich kenne niemanden, der so selbstlos ist. Liebe, Zeit, Geld, Arbeitskraft; meine Mutter gibt, ohne je genommen zu haben. Ich kann diese Lebensweise nicht empfehlen: Man bleibt dabei nur allzuleicht selbst auf der Strecke. Meine Mutter ist oft auf der Strecke geblieben.

Mit etwas Glück bleibt sie mir noch lange erhalten. Aus vielen Gründen, vor allem aber, weil mir niemand einfällt, der mehr als meine Mutter noch ein paar wirklich gute Jahre verdient hätte.

Advertisements