Es ist passiert. Meine Tochter hat ihren 18. Geburtstag gefeiert. Volljährig.
Unglaublich. Wo sind die Jahre hin?

Wenn man bei dieser Gelegenheit nicht über das Leben nachdenkt, dann weiß ich auch nicht mehr. Und so bin ich heute herumgesessen und habe versucht, zu erfassen, wie meine Tochter denn eigentlich so tickt. Ich habe Episoden aus ihrem Leben in Erinnerung gerufen, um aus Stückwerk ein Ganzes zu machen. Was ich gefunden habe:

Hannah motzt ihren Lehrer an, wenn dieser rassistische Witze macht.
Hannah kämpft bis zur letzten Sekunde um das Leben einer Mücke, die in ihrem Limonadeglas zu ertrinken droht. Und sie weint vor Freude, wenn sie diesen Kampf gewinnt.
Hannah sagt „Maaaah“, wenn sie sieht, dass sich jemand rühend um einen beeinträchtigen Menschen kümmert.
Hannah ließ sich zur Schulsprecherin wählen, um für die Rechte der Jugendlichen zu kämpfen.
Hannah stand wenige Stunden nach ihrer Herzoperation – gegen den Rat der Intensivschwester – aus ihrem Intensivbett auf und taumelte aufs WC. „Leibschüssel? Sicher nicht“, maulte sie unterwegs.
Hannah hat sich trotz schwerer gesundheitlicher Rückschläge durch 12 Jahre Schule gekämpft.
Hannah hat im Sportklettern die Landesmeisterschaft gewonnen.
Hannah hilft älteren Menschen über die Straße.
Hannah beherrscht den E-Bass besser als die meisten, die damit Geld verdienen, sie hat das Schlagzeug schnell kapiert und kann „Nothing else matters“ auf der Gitarre spielen.
Hannah kann sehr gut zeichnet.
Hannah entschuldigt sich, wenn sie Amok gelaufen ist.
Hannah findet Andreas Gabalier schrecklich.
Hannah isst keine Tiere, weil sie das nicht ertragen würde.
Hannah trägt keine Lederwaren.
Hannah ist gepierct und tätowiert.
Hannah findet sich im hintersten Mölltal genauso zurecht wie in Wien oder New York.
Hannah ist sparsam.
Hannah findet mittlerweile ihren Namen nicht mehr schrecklich,
Hannah argumentiert bei Diskussionen, an denen sie interessiert ist, so richtig, richtig gut.
Hannah will Grafikerin werden. Und Tätowierierin. Und die Wale retten.
Hannah lebt im Jetzt. Ich frage: „Was, wenn du deine Tätowierungen in zehn Jahren nicht mehr magst?“ – Sie sagt: „Darüber denke ich in neuneinhalb Jahren nach.“
Hannah kann über depperte Videos im Internet stundenlang lachen.
Hannah trinkt keinen Tropfen Alkohol.
Hannah sieht sich alle Serien auf Englisch an, weil sie einmal in einem Land leben will, in dem man diese Sprache spricht.
Hannah setzt sich in den Zug und fährt zu einer Freundin, die dringend jemanden zum Reden braucht.
Hannah trauert noch immer um ihren Hund, der vor drei Jahren überraschend gestorben ist.
Hannah kann andere Menschen so lustig nachmachen, dass meine Frau und ich beinahe vor Lachen ersticken.

Ich könnte diese Liste ewig weiterführen. Sie werden vielleicht verstehen, wenn ich sage, dass ich mir – im Unterschied zu früher – keine Sorgen mehr um mein Kind mache. Hannah ist aus irgendeinem Grund wunderbar geworden.  Sie wird ihren Weg finden.

Advertisements