Ich weiß nicht mehr, wie wir auf das Thema gekommen sind. Jedenfalls stand plötzlich die Frage im Raum, was das früheste Ereignis in meinem Leben sei, an das ich mich erinnern kann. Keine Ahnung, warum sich meine Frau dafür interessiert hat. Vermutlich, um mich zu ärgern. Denn Sie müssen wissen: Ich habe ein fürchterlich schlechtes Erinnerungsvermögen. Das ist übrigens auch der Grund für diesen Blog. Wenn mir schon einmal etwas aus meinem Leben einfällt, schreibe ich es schnell nieder. Man weiß ja nie, ob man es nicht irgendwann einmal brauchen wird können. Vermutlich nicht. Aber egal.

Also. Während sich meine Frau an ungefähr jede Sekunde ihres Lebens erinnern kann, sind bei mir zeitlich große Abschnitte gelöscht, wie von einer Computer-Festplatte. Ein Teil meiner Kindheit zum Beispiel ist de facto völlig weg. Jener Teil, der sich nicht in Villach-St. Magdalen zutrug, das ich meine Heimat nenne. Es geht um die ersten fünf Jahre meines Lebens, als meine Familie im benachbarten Stadtteil Landskron wohnte. An diese Zeit habe ich keine Erinnerung. Mit einer einzigen Ausnahme – und die detektivisch Begabteren unter Ihnen werden schon richtig kombiniert haben: ja, das ist sie, die älteste Erinnerung, die ich an mein Leben habe.

Sie ist ungewöhnlich unspektakulär und bis heute frage ich mich, warum gerade diese Episode so präsent geblieben ist.

Es war ein normaler Tag, meine Mutter kochte in unserer Wohnung im zweiten Stock eines Mehr-Parteien-Hauses. Ich war vier Jahre alt und spielte ein paar Meter hinter Mutter, als sie mich zu ihr rief. „Wolfgang“ sagt sie, und sie setzte die Langform nur ein, wenn es ernst wurde, „Wolfgang, hör mir zu.“ Oha.

Sie werde mir nun ein Glas Milch geben, sagte sie, und ein Stück Reindling, eine Kärntner Spielart von Kuchen. „Da unten steht ein Wandersmann.“ Sie zeigte in den Hof. „Ich habe ihm gerade hergewunken. Du wirst ihm die Milch und den Reindling geben, auf das leere Glas und den Teller warten, ihm einen schönen Tag wünschen, die Türe hinter dir abschließen und wieder zu mir raufkommen.“ Ich verstand Bahnhof, tat aber, wie mir geheißen wurde.

Ich ging die zwei Stockwerke nach unten, sperrte die Tür auf – und da stand er. Ein alter Mann mit Bart, Hut, Mantel und einem großen Rucksack. Ich kann mich noch gut erinnern, wie sehr ich erschrak. Mich vor diesem Unbekannten fürchtete. Wortlos reichte ich Milch und Reindling. Er nahm den Hut ab, lächelte freundlich, trank und aß. Ich wagte kaum zu atmen. Er wirkte auf mich wie ein böser Mensch. Alleine der Bart! Ich hatte Angst.

Als er fertig war, gab er mir Teller und Glas und sprach sein einziges Wort: „Vagölzgott.“

Der Fremde ging, ich drehte den Schlüssel im Schloss, so oft dies technisch möglich war und rannte die Treppe rauf zu Mutter. Sie erklärte mir, was „Vergelt’s Gott“ bedeutet und sagte mit ernster Stimme: „Merke dir eines: einem armen Menschen gibt man immer.“

Wie gesagt: Ich weiß nicht, warum mir gerade diese Episode so eindrücklich in Erinnerung geblieben ist. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich heute, fast 40 Jahre spätet, einem Bettler am Straßenrand wenigsten 50 Cent in den Hut werfe, liegt bei geschätzten 90 Prozent. War immer so, wird immer so bleiben. Ich denke, ich bin diesbezüglich gut erzogen. Und glauben Sie mir: Das ist die Ausnahme.

ERGÄNZUNG
Dieser Blog-Beitrag hat auf Twitter viele Leute dazu gebacht, über ihre ersten Kindheitserinnerungen nachzudenken. Und Olivera Stajic von Der Standard hat dazu auch einen Text geschrieben.

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