Heute bin ich beim Fenster gestanden und habe ins Wasser gesehen. Sie müssen wissen, ich wohne direkt an der Drau, jenem Fluss, der durch meine Heimatstadt Villach rinnt. Und vom Wohnzimmer, rund zehn Meter über dem Wasserspiegel aus – erstklassiger Blick, dürfen Sie mir glauben.

Ich mag das. Einfach so dastehen. Der Fluss beruhigt mich. Ich frage mich dann sinnloses Zeug, wie zum Beispiel, was all diese Tropfen zu erzählen wüssten, wenn sie reden könnten. Oder auch, wie alt das Wasser eigentlich ist, das gerade an mir vorbeirinnt. Oder auch: Wie viel Leichen hat die Drau schon aufgenommen?

Diese eine Frage ist relativ neu in meinem Repertoire. Und es gibt einen Grund für ihre Aufnahme. Es muss rund vier Jahre her sein, dass ich mit meinem mittlerweile verstorbenen Beagle Elvis der Drau entlangspazierte. Es war ein schöner Frühlingstag, man konnte spüren, dass die Sonne nach und nach zu alter Stärke zurückfand. Die Wiesen wurden langsam grün.

Wie ich so dahinging und darauf achtete, dass mir mein Hund nicht den Arm ausreißt (Beagle sind so!), entdeckte ich etwas Ungewöhnliches am Flussufer. Zwischen den Ästen der Bäume, die auf der zum Wasser hin abfallenden Böschung wuchsen, meinte ich, einen menschlichen Arm zu sehen. Aus dem Wasser ragen. Mein Herzschlag beschleunigte. Eine Wasserleiche?

Mit jedem Schritt, den ich näherkam, wurde der Sachverhalt klarer. Mein Blick hatte mich nicht getäuscht. Das war ein Arm. Ein linker. Am Zeigefinger blitzte ein Goldring im Sonnenlicht. Es sah aus, als hätte jemand versucht, sich an einem Ast festzuhalten, um nicht zu ertrinken. Es gibt eine ähnliche Szene in einem alten Johnny-Weissmüller-Tarzan. Da stirbt jemand mit ausgestrecktem Arm in einem Sumpf.

Ich war nun auf zwei Meter beim toten Körper. Ich hatte Gänsehaut. Die Nähe zu einem ums Leben gekommenen Menschen war bedrückend.

Elvis, eigentlich ein Jagdhund, trabte knapp einen Meter am Toten vorbei. Die hervorragende Nase der Beagle – in diesem Fall funktionierte sie nicht. Aber wehe, ein Eichhörnchen hatte im Wald in elf Metern Höhe Blähungen. Dann Elvis in Topform. Aber hier? Nullmeldung.

Ich holte mein Handy raus und informierte die Polizei. Man wusste bereits Bescheid. Minuten später wurde die Leiche aus der Drau geholt und in einen Sack gesteckt. Tage später erzählte mir ein befreundeter Feuerwehrmann, es habe sich um den Selbstmord eines einsamen Mannes gehandelt.

Der mit Unbekannte tut mir heute noch leid. Und bei jedem Stück Holz, das an meinem Wohnzimmer vorbeitreibt, fährt mir seit damals der Schrecken in die Knochen. Aber sonst mag ich es, wie gesagt, immer noch, dieses Dastehen und ins Wasser blicken.

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