Meine Existenz ist auf einer Lüge aufgebaut.

Bevor Sie jetzt „Story of my life“ murmeln, die Augen verdrehen und an falsche Partner, dämliche Jobs und die Illusion einer gesicherten Pension denken, in der Sie all die Dinge, von denen Sie seit langem träumen, dann doch nicht machen werden, sage ich: stopp! Ich meine es anders. Ganz anders. Nämlich wortwörtlich. Mein Leben ist von der ersten Sekunde an ein Lügenkonstrukt.

Zur Klärung des „Warum“ müssen wir in der Zeit zurückreisen. Bis zum 5. Jänner 1972. Da war es so weit. Meine Mutter gedachte mich in die Welt zu entlassen, sprich: Geburt. Am späten Nachmittag wurde sie (wurden wir) ins LKH Villach gebracht, ein paar Stunden später das bekannte Prozedere: Schädel, Rumpf, Beine – erster Schrei. Und zwar zehn Minuten vor Mitternacht. Ich betone: VOR Mitternacht.

Die Hebamme aber, eine Frau mit überdurchschnittlich ausgeprägter Liebe zu besonderen Daten und möglicherweise mit religiösem Einschlag, flüsterte meiner Mutter verschwörerisch ins Ohr: „Aus dem Buben machen wir einen der heiligen drei Könige. Einverstanden?“

Meiner Mutter, von der schmerzhaften Geburt ermattet, waren solche Details in diesem Moment herzlich wurscht. Sie behauptet heute, nicht mehr zu wissen, ob sie genickt oder gar nicht auf das Ansinnen der Hebamme reagiert hat. Jedenfalls: Die Frau jedenfalls strich mehr oder weniger eigenmächtig knapp 600 Sekunden aus meinem noch jungen Leben und trug im Geburtsformular „6. Jänner“ ein.

Seither weiß ich nicht nur, was ich von den vielen, angeblich sekundengenau ins Leben geworfenen Neujahrsbabys zu halten habe. Ich ärgere mich auch Jahr für Jahr darüber, dass mein Geburtstag auf einen Feiertag fällt. Wäre doch weit besser, wenn man diesen freien Tag zum Ausschlafen nach exzessiver Feier hätte! Andererseits war ich sowieso nie eine große Party-Rampensau. Und was weiß man: Je älter ich werde, desto lieber bleibe ich wohl jünger. Und sei es nur um einen erschwindelten Tag.

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