Gestern haben wir unseren Igel einschläfern lassen müssen. Bilbo, so hieß er, war erst knapp zwei Jahre alt. Er hätte eigentlich noch ein paar Jahre haben sollen, aber WHS war dagegen. Die Abkürzung steht für Wobbly Hedgehog Syndrome und eigentlich ist diese Krankheit bei uns nicht sehr verbreitet. Aber eben „eigentlich“.

WHS ist grausam: Es macht, dass der Igel die Kontrolle über seine Muskel verliert. Zuerst lassen die Hinterbeine nach, dann nach und nach der gesamte Körper. Die Tiere können nicht mehr fressen und koten, sie sterben. Die Krankheit ist unheilbar.

Mit diesem Wissen fuhren meine Tochter und ich zum Tierarzt. Bilbo lag in einer Schachtel auf den Oberschenkeln meiner Tochter und er war der einzige, der bei dieser Fahrt nicht geweint hat. Meine Tochter weinte wegen Bilbo, ich weinte (heimlich) wegen meiner Tochter:
Herzoperation.
Drüsenfieber.
Nasenbeinbruch.
Armbruch.
Hund tot.
Igel so gut wie tot.

Die vergangenen drei Jahre hatte ich mir für sie anders vorgestellt.

Was, wenn diese vielen schlechten Erfahrungen sie knicken und nachhaltig traurig machen würden? Und wenn ja: Was könnte ich dagegen tun?

IN DER KLINIK

In der Tierklinik mussten wir ein paar Minuten im Warteraum Platz nehmen. Meine Tochter nahm Bilbo aus der Box, breitete ihren Schal auf ihren Oberschenkeln aus und bettete den Igel darin. Er war so ruhig, wie er es immer nur bei meiner Tochter gewesen war. Die beiden verstanden sich. Keine Ahnung, wie das ablief, aber es war so.

Meine Tochter wusste, dass es die letzten Minuten für ihren Freund waren. Sie machte sie ihm so schön wie möglich, streichelte die kleine, runzelige Stirn des Igels und sprach leise mit ihm. Es war herzzerreißend.

Das Gespräch mit der Tierärztin brachte das erwartete Ergebnis: Es gebe zwar noch Spritzen, deren Wirkung man ausprobieren könne. Das Unvermeidliche würden wir damit aber nur ein paar Tage hinauschieben.

„Also würde ich das nur für mich machen, nicht für Bilbo“, sagte meine Tochter. Die Ärztin nickte.

Fünf Minuten später war Bilbo tot. Die Überdosis eines hellblauen Narkosemittels ließ ihn sterben. Es war genau so schrecklich, wie man sich einen Tötungsakt vorstellt. Das Hirn sagte: „Es ist richtig, wir ersparen ihm einen qualvollen Tod.“ Das Herz sagte: „Es ist falsch.“

Ob wir den toten Igel mit nach Hause nehmen wollen oder ob sie sich die sterblichen Reste kümmern solle, fragte die Ärztin. „Natürlich nehmen wir ihn mit“, sagte meine Tochter. „Der Boden ist tief gefroren“, gab ich zu bedenken, „eine Beerdigung könnte schwierig werden. „Wir werden eine Lösung finden“, sagte mein Tochter.

Sie war traurig. Sehr sogar. Aber geknickt? Nein. Meine 17-jährige Tochter ist zu einer wunderbaren, starken jungen Frau herangewachsen. Trotz oder wegen der vergangenen drei Jahre. Und ein kleiner toter Igel hat mir das endgültig klar gemacht.

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