Es gab von mir lange Zeit das Foto einer Siegerehrung. Schirennen. Ich muss so circa sechs Jahre alt gewesen sein. Platz 4. Urkunde in der Hand. Todunglückliches Gesicht. Tränen auf den Wangen.

Leider ist dieses Bild irgendwann verloren gegangen. In meinen Erinnerungen hat jener Moment aber einen fixen Platz. Wann steht man schon, von oben bis unten angepisst, vor zahlreichen Menschen und schämt sich in Grund und Boden? Ja, Sie haben richtig gelesen. Angepisst. Und zwar so richtig. Ich stand also da, meine Mutter schoss mit ihrer Kamera ein paar Bilder und in meinem Gesicht war alles Unglück der Welt vereint.

KNAPP DAVOR war es sogar noch schlimmer gewesen. Da war ich mit meinem hellblauen Schianzug die letzten paar locker gesteckten Tore in aufrechter, resignierender Haltung gefahren und konnte die Lacher hören. Von links der Piste. Von rechts. Von vorne, aus dem Zielraum. „Der hat sich angeludelt! Ha, ha, ha.“ Es war entsetzlich. Der dunkelblaue Fleck zwischen meinen Beinen zog alle Blick magisch an. In diesem Moment weinte ich bereits.

KNAPP DAVOR, ein paar Tore weiter oben, hatten die Tränen angefangen zu kullern. Als ich begann, die Kälte in meinem Schritt zu spüren. Die ganze Strumpfhose, die Unterhose, alles voll. Die Scham kroch unter der Schibrille in mein Hirn. „Was, wenn die Leute im Ziel mein Missgeschick bemerken?“

KNAPP DAVOR hatte ich solche Gedanken noch nicht in meinem Kopf. Da war noch der mögliche Sieg beim Rennen das Wichtigste für mich. Beim Start, als gerade die letzten Tropfen aus mir herauskamen, aber außer mir noch keiner von meinem Malheur Notiz genommen hatte. Auch nicht meine Mutter, die mir vom Starthaus aus nachschrie, mich anfeuerte.

KNAPP DAVOR hatte sie mir noch nach einem eigentlich unbedeutenden Missgeschick wieder auf die Beine geholfen. Nur kurz hatte ich nicht aufgepasst gehabt und war während des Schlangestehens beim Rennstart, hinter meinen Mitstreitern, mit den Schiern über kreuz geraten. Ich fiel. Ich erschrak. Und genau in diesem Moment gab meine Blase nach. Ich lag am Rücken und hatte keine Kontrolle mehr über meinen Körper. Ich kämpfte, wollte den warmen Strahl in meiner Unterhose unterbinden. Doch in die Schier gefesselt und in eine unfreiwillige Grätsche gezwungen war jeder Widerstand sinnlos. Aus mir flossen Bäche aufgestauter Aufregung. Es hörte nie mehr auf. Diese Schande! Und erst der Ärger. Denn das Missgeschick wäre vermeidbar gewesen.

KNAPP DAVOR nämlich hatte mich meine Mutter noch beim Anschnallen der Schier gefragt, ob ich pinkeln müsse. Nein, schüttelte ich empört den Kopf. Nicht hier, nicht vor den anderen Läufern. Peinlich ohne Ende, so etwas. Und dann erst die lästige Auspackerei. Drei Hosen! Obwohl: ich spürte schon einen gewissen Harndrang. Eigentlich sogar einen recht starken. Und wenn es nur einen einzigen Baum zum Dahinter-verstecken gegeben hätte, ich wäre sofort pinkeln gegangen.

Ich war wirklich
KNAPP DAVOR.

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