Ich bin in der Vorstadt aufgewachsen.

Ein Satz, der freilich nur stimmt, wenn man bereit ist, Villach mit seinen Mitte der Siebzigerjahre knapp 50.000 Einwohnern als Stadt zu akzeptieren. Im globalen Sinn sprechen wir ja eher von einem Kuhdorf.

Definitiv ein Dorf war jedenfalls die Ecke von Villach, in der ich meine Kindheit und Jugend verlebte:
St. Magdalen. Villach-Ost.
Ein Arbeiterviertel.
Ein raues Pflaster.
Für viele eine Stürzler-Ecke. Vor allem, weil an Seebach angrenzend, ein Viertel, von dem man sich erzählte, dass die Häftlings- und Ex-Häftlingsdichte deutlich höher war als in den edlen Teile Villachs, etwa Lind, wo die schönen Villen standen.

In Seebach stand nur eine alte Husaren-Kaserne, die irgendwann in einen Wohnblock umfunktioniert worden war. Dort lebten zeitweise 90 Prozent aller Seebacher. Sehr einfache Menschen, nicht wenige von ihnen bildungsfern und alkoholnah. Aber mit Talenten ausgestattet! So war die Fußballmannschaft FC Seebach in den Fünfziger- und Sechzigerjahren eine der besten in Kärnten, holte sich 1953/54 sogar die Landesmeisterschaft. Das Team war bestückt mit außergewöhnlich flinken Stürmern und mit außergewöhnlich brutalen Verteidigern, deren Gegner regelmäßig mit Beinbrüchen ins Spital transportiert werden mussten. So richtig kurios war aber, dass alle elf Spieler dieses Hackler-Wunderteams die gleiche Postadresse hatten. Alle elf wohnten in der alten Kaserne. Das war damals sogar überregionalen Zeitungen Berichte wert.

Wir St. Magdalener waren also die Nachbarn dieser Outlaws. Und: ein wenig waren wir in ähnlichem Maße verrufen. „De Seebocha und die Maglena – Pülcha ollezomm“ war in den Siebzigern ein gängiger Spruch.

Dabei war dieses In-einen-Topf-werfen überaus ungerecht. Vermittelte es doch den Eindruck, wir wären alte Freunde gewesen, gewissermaßen der vereinte Ostblock gegen den Rest von Villach.

In Wahrheit waren Seebacher und St. Magdalener stets und innig verfeindet. Man gönnte einander kaum die Würde eines Grußes. Wer vom einen Stadtteil in den anderen übersiedelte, was selten, aber doch vorkam, blieb ewig lang ein Fremder, dem man mit gebührendem Misstrauen begegnete.

St. Magdalener und Seebacher teilten sich auch viele Jahrzehnte lang einen Fußballplatz, doch die nebeneinander liegenen Kabinen der Vereine waren wie West- und Ostberlin zu Zeiten der Mauer. Zwei Parallelwelten auf engstem Raum.

Als Kind trieb ich mich mit meinen Freunden täglich im Wald herum, der an die Felder vor Seebach grenzte. Wir spielten Cowboy und Indianer, bauten Baumhäuser und schossen uns mit selbstgebastelten Pfeilen ins Gesicht. Eine großartige Zeit voller blutender Wunden und leidenschaftlicher Kleinkriege. Wir lebten das Faustrecht. Klüger wurden wir erst später. Zumindest ein paar von uns.

Zu den Höhepunkten unserer Revierkämpfe gehörten die Auseinandersetzungen mit den Seebachern. Je 10-15 Kinder, die sich auf den Feldern zwischen den beiden Ortsteilen trafen und aufeinander einschlugen, bis eine Gruppe die Flucht ergriff. Man konnte nicht sagen, dass die oder wir substanziell stärker gewesen wären. Sieg oder Niederlage – das hing von Fall zu Fall von vielen Faktoren ab. Etwa von der Frage, wer gerade mehr Kämpfer vorgeben musste, weil sie in Folge von Hausarrest nach schlechten Schulnoten nicht in die Schlacht ziehen durften.

Die letzte dieser Auseinandersetzungen fand Mitte der Achtzigerjahre statt. Wir hatten uns genügend Pfeile und Steine für unsere Bögen und Schleudern organisiert und waren guter Dinge, den Seebachern eine vernichtende Niederlage zufügen zu können.

Es kam anders.

Denn die Seebacher hatten einen neuen Anführer. Einen, wie soll ich es schreiben, im herkömmlichen Sinn nicht wirklich schönen Buben. Seine Augen? Nun, wäre man bösartig, könnte man von einer entfernten Ähnlichkeit mit  dem britischen Komiker Marty Feldman sprechen, dazu eine große Nase und dünnes, blondes Haar. Er war von spindeldürrer Gestalt und hinkte beim Gehen, was vor allem von vorne oder hinten lustig aussah, da er seitlich schwankte, wie ein Boot in unruhigem Wasser. Wir nannten ihn darob „die Gondel“.

Allerdings, alter Spruch: ein Schlachtfeld ist kein Laufsteig. Und rein fachlich konnte man „Gondel“ nichts vorwerfen. Im Gegenteil: Man musste neidlos anerkennen, dass er seine Seebacher kriegerisch auf eine neue Ebene gehievt hatte. Statt mit den üblichen „Handfeuerwaffen“ standen uns die Gegner plötzlich mit in der Sonne blitzenden Hacken und Vorschlaghämmern gegenüber. HACKEN UND VORSCHLAGHÄMMER!

Wir hatten die materialtechnische Unterlegenheit erst ziemlich spät bemerkt, waren also schon recht nahe am Feind, als wir die Brisanz der Situation entdeckten.

Wir sahen einander panisch an und wussten, was zu tun war: wir rannten um unser Leben.

Die Seebacher nahmen unseren an sich harmlosen Kämpfen an diesem Tag nicht nur ihre Unschuld, sie zerstörten auch unsere Baumhaus-Zentrale, indem sie jedes einzelne der mühsam zusammengenagelten Holzbretter in Zahnstocher verwandelten.

Wir waren geschlagen. Endgültig. Es kam nie wieder zu einer Schlacht.

PS: An „Gondel“ habe ich mich Jahre später gerächt, als die Fußball-Nachwuchsmannschaften von St. Magdalen und Seebach ihre Meisterschaft in der gleichen Gruppe absolvierten. Körperlich nicht unbedingt übervorteilt, war „Gondel“ als linker Außendecker mein Gegner. Ich war damals kein ganz schlechter Stürmer, er hingegen von atemberaubender Unbeweglichkeit. Ich schob ihm in dieser Partie knapp zehn Gurken. Die Spieler, die Zuseher – wir lachten uns eckig, die Zornesröte in „Gondels“ Gesicht bleibt mir unvergessen. Wir waren quitt.

PPS: Vor einigen Wochen bin ich nach langer Zeit wieder einmal mit dem Fahrrad durch Seebach gefahren. Das einstige Feindgebiet hat sich gemausert. Die alte Kaserne steht schon lange nicht mehr. Den FC Seebach gibt es auch nicht mehr. Wie es „Gondel“ heute geht, weiß ich nicht. Ich weiß nicht einmal seinen richtigen Namen. Aber ein Hauch von damals, als wir wild und dumm waren, lag noch in der Luft. Und das fand ich schön.

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