Wir hatten uns die Spielzeugwelt perfekt aufgeteilt: mein Freund konnte mit großen Lego-Beständen aufwarten, ich war bei Playmobil erstklassig ausgestattet. Wenn uns der Sinn nach wilden Schlachten im Weltall stand, entschieden wir uns für einen Lego-Tag. Wollten wir mit Piratenschiffen in See stechen, war Playmobil an der Reihe.

An jenem Tag war Lego dran. Wir spielten im kleinen Hof vor dem Haus, in dem mein Freund mit seinen Eltern wohnte. Der Winter war so, wie man es früher in Kärnten als normal empfand: er kam mit meterhohem Schnee daher. Eingepackt in dicke Schianzüge bauten wir kleinteilige Raumschiffe, mit denen wir atemberaubende Flugbahnen inmitten der weißen Landschaft zogen. Zwischendurch brachte uns die Mutter meines Freundes Tee und Kekse. Es war einer jener Tage, die eine Kindheit als warme Erinnerung im Hirn abspeichern. Wer hätte ahnen können, dass es für lange Zeit die letzten unbeschwerten Augenblicke im Leben meines Freundes sein würden? Dass mir die nun folgenden Szenen auch nach mehr als 40 Jahren noch manchmal im Traum erscheinen würden?

Es war ein einziges Wort, das uns aus unserer kindlichen Unschuld riss. Ein verzweifelt gefluchtes Wort, das von hoch oben zu uns in den Hof drang. „Scheiße!“

Die Tragödie spielte sich vor meinen Augen und hinter dem Rücken meines Freundes ab. Sein Vater war beim Freischaufeln des Daches ausgerutscht, gestürzt und über die Dachkante gerutscht. Mit einer Hand konnte er sich noch kurz an der Dachrinne festhalten. Ich sah ihn in rund sechs Meter Höhe baumeln. Kurz nur. Dann verließ ihn die Kraft. Er fiel.

Es hätte gutgehen können. Wenn der Vater meines Freundes auf jene enorme Menge Schnee gefallen wäre, die er Stunden davor beim Freischaufeln des Hofes angehäuft hatte. Er wäre weich gelandet, hätte sich den Schnee aus der Kleidung gebeutelt und vielleicht sogar über sein Glück gelacht.

Doch es gab nichts zu lachen. Der Vater meines Freundes schlug nur einen Meter neben dem Schneehaufen am Asphalt auf. Vor meinen Augen. Das Bild des fallenden Körpers, das Geräusch des aufprallenden Körpers gehört zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen.

Mein Freund rannte laut schreiend und weinend zu seinem Vater hin. Seine Mutter kam aus dem Haus, Tränen ohne Ende. Notarzt und Rettung waren am Weg. Ich schnappte meinen Freund und wir gingen zu mir nach Hause. Den Rest des Tages haben wir in meinem Zimmer Airhockey gespielt. Wir haben wenig gesprochen und wenig geweint, wir waren geschockt.

Die Hoffnung, dass der Vater meines Freundes den Sturz überleben würde, währte nur kurz. Er starb wenige Tage später im Krankenhaus.

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