Manchmal geht es drunter und drüber im Leben. Mein „manchmal“ dauert seit 20 Jahren an. In dieser Zeit kann ich kein einziges Jahr nennen, in dem sich nicht etwas Gröberes ereignet hätte: Unfälle, Erkrankungen, missglückte Operationen, Jobwechsel – und natürlich weitere Unfälle. Die geneigte Leserschaft dieses Blogs weiß Bescheid.

Auf die meisten Vorfälle kann ich, die zeitliche Distanz macht es möglich, mit Humor zurückblicken. Nicht aber auf die Phase von Herbst 1996 bis Frühjahr 1997. Zu einem füchterlichen Motorradunfall mit bleibender Invalidität kam eine unangenehme Erkrankung, die mehr als ein Jahr lang unerkannt blieb, da sich die Schmerzbilder der beiden Auslöser überlagerten. Am Ende war es eine vergeigte Operation bzw. ihre Wiederholung drei Tage später (lesen Sie hier), die mich ins Leben zurückholte.

Zu meinen eigenen Problemen kamen damals zwei Verschärfungen: erstens war meine Frau hochschwanger – und es war bis zur OP nicht klar, ob ich mein Kind überhaupt je sehen würde. Unangenehm, glauben Sie mir.

Und zweitens lag meine Großmutter zeitgleich, ein paar Kilometer weiter, im zweiten Villacher Krankenhaus im Sterben. Jahrzehntelanges, schweres Asthma hatte ihr alle Kräfte geraubt, der Körper war am Ende. Seit vielen Tagen schon war sie im Spittal, ihre engsten Angehörigen standen ihr bei – meine Mutter und ihre drei Geschwister. Allein: Omas Vitalfunktionen blieben auf einem minimalen Level konstant, der erlösende Tod, er trat nicht ein. Zwar war meine Oma immer eine große Kämpferin gewesen, doch hier schien es um etwas Anderes zu gehen. Schließlich nahm ein Arzt meine Mutter zur Seite und frage: „Gibt es etwas, auf das ihre Mutter noch wartet? Sie kann offensichtlich nicht loslassen.“

Meine Mutter wusste: es ging um mich. Oma hatte, ehe sie aufhörte mit der Außenwelt zu kommunizieren und nur noch schlafend dalag, von meiner schwere Operation erfahren. Dass ich diese gut überstanden hatte, wurde ihr zwar mitgeteilt. Es dürfte ihr aber als Entwarnung nicht gereicht haben. Sie wollte mich noch einmal sehen, sich von meiner Gesundung selbst überzeugen. So kombinierte zumindest meine Mutter. Und da Oma längst nicht mehr sprechen konnte, entschied sie sich eben, so lange am Leben zu bleiben, bis ich sie besuchen kam.

Nur war das nicht so einfach. Ich lag frisch operiert am anderen Ende der Stadt darnieder, hatte eine gewaltige Narbe quer über den Brustkorb, aus der Drainage rannen Blut und Eiter, die Schmerzen waren orchestral. In Summe kein erfreulicher Anblick, keine erfreuliche Situation. Vor allem aber eine zutiefst stationäre Situation. Nachdem mir meine Mutter den Sachverhalt erzählt hatte, war für mich dennoch klar: Ich musste aus dem Bett – und zu Oma.

Jetzt Challenge: Wie würde man mich von Spital A zu Spital B bringen? Zunächst musste die Drainage raus. Einige Tage zu früh. Lange Diskussionen mit dem Arzt. Am Ende hatte er Verständnis und zog die Schläuche aus mir heraus. Mit dem Rettungswagen wurde ich überstellt.

Im Rollstuhl brachte man mich bis vor die Tür des Sterbezimmers, dann stand ich auf und taumelte hinein. Oma sollte mich, so sie denn die Augen öffnen konnte, im bestmöglichen Zustand sehen.

Die Situation war entsetzlich. Nicht nur, dass ich, mit Wundschmerz und einem kollabierten Lungenflügel, kaum geradeaus schauen konnte – da lag auch noch meine Oma, auf ein paar Kilo abgemagert, und schlief, mit tiefen Falten im Gesicht, dem Tod näher als dem Leben. In mir lief die eine Endlosschleife: „Nicht weinen… nicht weinen… nicht weinen…“

Ich trat zu Oma hin, nahm vorsichtig ihre knöcherne Hand und sagte leise: „Hallo Oma, ich bin’s, Wolfgang.“

Und dann, liebe Leser, geschah etwas, das sich tiefer in mein Hirn eingebrannt hat als fast alles andere in meinem bisherigen Leben: Oma öffnete für ein paar Sekunden, zum ersten Mal seit vielen Tagen und zum letzten Mal in ihrem Leben die Augen. Musterte mich ganz genau. Drückte kurz meine Hand – und schlief wieder ein. Sie hatte gesehen, was sie noch sehen wollte.

In der folgenden Nacht starb Oma.

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