Selbst wenn man, wie ich, nur Chefredakteur eines kleinen Regionalmagazins war: Emails kamen da Tag für Tag rein, Sie glauben es kaum! Ich meine nicht nur die absurde Anzahl an sich und die unvermeidlichen Angebote zur Penisverlängerung (eine Beleidigung, im übrigen!). Ich meine vor allem jene, die sich konkret auf unser Produkt, den Kärntner Monat, bezogen: Bestattungsunternehmer, die einem die 10-Jahres-Feier als „unvergleichlichen Event“ anpriesen, über den man berichten möge (nein: müsse!); PR-Agenturen, die lästig wie ein Sack Flöhe immer und immer wieder nachhakten, ob man denn auch die Jahrespressekonferenz des Maschinenrings St. Veits besuchen werde (für ein Livestyle-Magazin!) und dann natürlich die unzähligen Nacktfotos.

Der „Monat“ hatte seit fast 30 Jahren Ausgabe für Ausgabe eine junge Frau „von nebenan“ auf der Titelseite. Manche waren sogar einigermaßen bekleidet. Für so ein Cover, hatte ich das Gefühl, wäre so manches Mädchen in Kärnten über Leichen gegangen, mindestens aber über die legendäre Besetzungscouch gerobbt. Ich hatte Nacktfotos auf Motorhauben, in Betten mit Micky-Maus-Bezug, in öffentlichen WC-Anlagen, auf Elektrobooten am Wörthersee und natürlich in „Studios“ von „Fotografen“. Dunkelkammerwichser nannten wir solche Kollegen in Zeiten, als es noch keine Digitalkameras gab.

Ich hatte einen ganzen Stapel einschlägiger Bilder. Nie, nicht ein einziges Mal, führten sie auch tatsächlich zu einer Titelseite. Lassen Sie es mich so sagen: Selbstvertrauen und Schönheit stehen bisweilen in einem schwer nachvollziehbaren Verhältnis zueinander. Unter dem Strich war das morgendliche Durchsehen der Emails also eher vergeudete Zeit. Meist habe ich großzügig gelöscht – auch auf das Risiko hin, etwas Wichtiges dabei mitzuentsorgen.

NEUE KOLLEGIN

So gesehen war es wohl eher Glück, dass mir JENE EMAIL nicht durch die Lappen ging. Von einer gewissen Jasmin Kreulitsch (nie gehört), die schon als Chefredakteurin für diverse deutsche Mädchenmagazine gearbeitet habe (nie gelesen), nun als Kärntnerin und freie Autorin in Wien lebe und meinte: es wäre jetzt gefälligst an der Zeit, dass der „Monat“ endlich ihre Kolumne abdrucke (noch nie erlebt!). Der rotzige Stil gefiel mir. Ich antwortete, „Liebe Jasmin… bla bla… laber, laber … schwadronier, schwadronier… und daher: schicken Sie mir doch einfach eine Kolumne, damit ich sehe, ob ihr Schreibstil zu uns passt.“

Zehn Minuten später kam die nächste Mail. Eine Kolumne im Anhang. Es ging um Sex, Alk, One-Night-Stands und Sex. Carrie Bradshaw auf dreckig, mit einer Brise Kärnten, damit der Text ins Regionalmagazin passte. Ich war begeistert. Eine Frauenkolumne! Im männerlastigen „Monat“, wunderbar. Ich ließ meine astro-begeisterte Kollegin im Nebenzimmer fortan ein selbstgebasteltes Horoskop erstellen – und fertig war die Frauen-Doppelseite. Ja, so einfach ging das am Land! Sie sehen: Ich war ein begnadeter Blattmacher.

Kollegin Kreulitsch informierte ich, dass sie gerne für das beschämende Honorar von einhundertähämzig Euro ihre literarischen Ergüsse fortan abliefern dürfte. Ob sie schon einen Titel dafür hätte? – „Mit Herz und Hammer“ schrieb sie zurück, alles andere sei indiskutabel. Ich wagte nicht zu widersprechen, ließ die Kolumne vom Art Director bauen und los gings.

50 Ausgaben lang lieferte sie pünktlich in allerletzter Minute (ja nicht zu früh!) und auf Zeile genau geschrieben ihre Werke ab. In denen geschweinigelt wurde, was das Zeug hielt. Ich fand es großartig. Mein Geschäftsführer weniger. „Brauchen wir diese Kreulitsch wirklich?“ näselte der zur chronischen Griesgrämigkeit neigende Boss: „Meine Frau mag die gar nicht.“ –  „Ja“, sagte ich, „unbedingt: Die Leser lieben sie.“

NIE KENNENGELERNT

Kennengelernt habe ich Jasmin in all diesen Jahren nicht. Wir haben uns nie gesehen, nicht ein einziges Telefonat miteinander geführt. Unser Kontakt beschränkte sich auf schnoddrige Emails, in denen wir uns beschimpften („Gib deinen Text ab, Luder!“) und beruhigten („Mach dich nicht nass, Cheffe, du hast den Text in zehn Minuten“).

2012 kündigte ich beim „Monat“, nach mehr als sieben Jahren. Ich nahm einen Job in Wien an (wo auch Jasmin lebte). Es dauerte noch fast ein Monat, bis wir uns zum ersten Mal sahen. Was war ich neugierig! Und dann kam sie bei der Lokaltür herein, klein, sehr klein (ich schätzte sie auf 1,50 Meter), Grinser von einem Ohr zum anderen – und voller Energie. Sie sprach wie ein Maschinengewehr, gestikulierte dabei wild mit den Armen. Stundenlang. Sage ich ganz ehrlich: Hatte ich noch nicht erlebt, sowas.

Neun, ich wiederhole neun (in Worten: neun) große Bier später konnte Jasmin immer noch in zusammenhängenden Sätzen sprechen, ein vernünftiges Trinkgeld für den Kellner aus der Geldtasche fudeln und sich selbst ein Taxi bestellen. Wichtiger aber: ich hatte eine sehr gute Freundin gewonnen.

Ihre Kolumne im „Monat“ hingegen, die hatte Jasmin bald nach meinem Abgang verloren. Die Griesgrämigen hatten sich durchgesetzt. Möge ihnen der Stock im Arsch beim Sitzen reiben. Diese Ignoranten wissen vermutlich gar nicht, wen sie da verloren haben. Ich halte Jasmin, die heute beim Magazin „Miss“ als stellvertretende Chefredakteurin arbeitet, für die beste Schreiberin im heimischen Frauenmagazinsektor.

Lesen Sie rein – und Sie werden mich verstehen: dreigroschenoma.wordpress.com.

PS: Aber wehe, Sie werden mir hier untreu!

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