Ein sehr guter Freund, A., hat sein Glück im internationalen Sportmanagement gemacht. Er lebt heute mit Frau und Kind in Spanien. Nicht nur, weil in Barcelona das Wetter meist besser ist als in Wien oder Kärnten, sondern auch, weil er einen relevanten Teil seiner Geschäfte im Motorrad-Business macht – im MotoGP, der Formel 1 der Einspurigen, deren Wirtschaftszentrum eben Spanien ist.  

2001 war es, als er einem gemeinsamen Freund, M., und mir VIP-Tickets für den Grand Prix von Mugello in Italien zukommen ließ. Access to all Areas. Mehr muss ich wohl nicht sagen. Wir tranken Red Bull mit Schi-Legende Kristian Ghedina (und stellten ihn Fremden als Alberto Tomba vor), bestaunten den dreibeinigen Pornostar Rocco Siffredi aus der Nähe (im Schritt ist nix Außergewöhnliches zu sehen gewesen, also zumindest nicht durch die Hose) und sahen zufälligerweise die einzigen WM-Punkte, die sich die wunderbare deutsche Rennfahrerin Katja Pönsgen jemals schnappte. 

Zwischen den einzelnen Rennen fand eine außergewöhnliche Ehrung statt. Carlo Ubbiali, neunfacher Weltmeister und damit einer der besten Rennfahrer aller Zeiten, wurde vor rund 200 Motorsportjournalisten aus aller Welt in die „Hall of Fame“ aufgenommen. Der kleine Mann aus Bergamo mit der atemberaubenden Trinkernase war sichtlich gerührt. Immerhin stand er da neben Giacomo Agostini, dem Größten aller Großen, auf der Bühne, mitten im Blitzlichtgewitter, und nahm den tosenden Applaus und die Bravo-Rufe der Fachjournalisten entgegen. Dann begann der Moderator, Ubbiali ein paar Fragen zu stellen. Was er denn so mache, ob er noch die Rennen verfolge – und: wer der seiner Meinung nach beste, der schnellste Rennfahrer gewesen sei, mit dem er sich je duelliert hat? Ubbialis Antwort überraschte: „Der Österreicher, der Weltmeister wurde, nachdem er in Monza gestorben ist. Mir fällt sein Name nicht ein. Der war unbesiegbar. Nie wieder habe ich so einen schnellen Fahrer erlebt.“

Die Expertenmenge staunte. Ein Österreicher? Weltmeister bei den Motorradfahrern? Eine knappe halbe Minute dauerte das kollektive Rätselraten. Am Ende schwebte unausgesprochen der Verdacht in der Luft, dass Ubbiali wohl altersbedingt ein paar Dinge durcheinander gebracht haben dürfte. Österreicher hatten und haben im Motorradsport nichts zu melden. 

BLACKOUT BEIM FREUND

An dieser Stelle muss ich anmerken, dass mein Kumpel M. neben mir (wir saßen ca in der zehnten Reihe) tausend Tode starb. Denn er wusste ganz genau, wen Ubbiali gemeint hatte. Nur: auch ihm wollte der Name partout nicht einfallen. Sie kennen das: Wenn das Wissen am Weg vom Hirn Richtung Mund irgendwo auf der Zunge verendet und Sie in einer Mischung aus Zorn, Enttäuschung und Überanstrengung am liebsten explodieren möchten, weil Sie sich für die eigene Unfähigkeit in diesem Augenblick hassen. Half alles nix: M. blieb, mit Ausnahme von etlichen „Des wor der… des wor der… des wor der…“, stumm.

Mir ließ die Geschichte keine Ruhe. Nach der Heimkehr aus Italien begann ich ein wenig zu recherchieren. Tatsächlich: Es gab ihn, den Österreicher. Ruppert Hollaus hieß der von Carlo Ubbiali Ungenannte. Ein Niederösterreicher, der 1954 nicht nur die „Tourist Trophy“ auf der Isle of Man gewinnen konnte, sondern eben auch Weltmeister wurde. Posthum. Denn obwohl in der Gesamtwertung bereits uneinholbar in Führung, ließ es sich Hollaus an jenem 11. September in Monza nicht bieten, dass Ubbiali am Vortag des Rennens eine bessere Trainingszeit hinlegte als er. Dass Ubbiali die Zeit mit einem größeren, also illegalen Motor erzielte, gehörte zum damals üblichen Trickser-Repertoire).

Also ging Hollaus (Foto hier) noch einmal raus auf die Piste und riskierte am Weg zur Rückeroberung der Pole Position wohl zu viel: In der Lesmo-Kurve kam er so schwer zu Sturz, dass er an seinen Kopfverletzungen starb. Bei der Obduktion stellte sich später heraus, dass der 23-Jährige aus Traisen eine außergewöhnlich dünne Schädeldecke hatte und den Rennsport eigentlich nie hätte ausüben dürfen. 

ANRUF BEIM BRUDER

Im Zuge der Recherchen entdeckte ich, dass der verstorbene Sportler einen Bruder hatte, der noch am Leben war. Ich fand die Telefonnummer heraus und rief den Mann an. Erzählte ihm von der wunderbaren, kleinen Ehrung, die sein Bruder vor wenigen Tagen in Mugello erfahren hatte. Zwar war kein Name gefallen, aber wenn sich einer wie Carlo Ubbiali nach fast einem halben Jahrhundert noch an „den Österreicher“ erinnerte, dann, dachte ich mir, sei das allemal einen Anruf wert. Der Bruder, ein schweigsamer Mann, hörte sich meine Story geduldig an. Nach anfänglicher Skepsis war er gegen Ende des Telefonats zu Tränen gerührt. Und ich war es auch.

Später schickte ich noch eine Mail an die Pressestelle der MotoGP und nannte ihnen den Namen des Fahrers, den wir damals alle in Mugello vergeblich gesucht hatten. Ich weiß nicht, ob es Zufall war oder nicht, doch wenige Tage später erschien auf der MotoGP-Homepage eine wunderbare Huldigung an Ruppert Hollaus. Und noch etwas weiß ich nicht: warum mir das damals so viel bedeutet hat.  

 

 

 

 

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