Dietmar, der Bruder meiner Mutter, ist beeinträchtigt. Die Folge einer Zangengeburt. Er ist auf dem geistigen Niveau eines normal entwickelten Sechsjährigen. Auch mit knapp 60. Alle lieben ihn. Weil er zu jedem freundlich ist.

Waltraud, die Schwester meines Vaters, ist ebenfalls behindert. Ein Chromosom zu viel. Down Syndrom. Die Menschen neigen eher dazu, sie nicht zu mögen. Vielleicht, weil sie so gar nicht dem entspricht, was wir gemeinhin als hübsch bezeichnen. Vielleicht aber auch, weil sie mürrisch ist. Wenig spricht. Und man sie daher nicht wirklich einschätzen kann.

Einmal, es war bei einem gemeinsamen Mittagessen im Haus meiner Eltern, wollte meine Mutter es genauer wissen. „Sag Waltraud“, frug sie, „warum sprichst du nie mit uns?“ Ohne vom Suppenteller aufzublicken antwortete Waltraud: „Wer viel redet, redet viel Blödsinn.“

Wer viel redet, redet viel Blödsinn.

Was für ein Satz. Ohne Vorwarnung.

Ich weiß noch, wie es ruhig wurde rund um den Tisch. Wir sahen uns schweigend an. Waren baff. Ausgerechnet Waltraud! Von der wir immer nur das Geringste angenommen haben. Einzig Dietmar brachte den Mund auf: „Stimmt“, sagte er und nickte lachend, wie er es so gerne tut.

Ich war damals ungefähr 16 Jahre alt und ich habe im Gespräch mit Waltraud oder Dietmar nie wieder, nie wieder, jenen Ton angeschlagen, den „Normale“ so gerne verwenden, wenn sie mit beeinträchtigten Menschen reden.

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