Meine ersten Jahre als Journalist verbrachte ich im Chronik-Ressort der Kleinen Zeitung. Chronik, Sie wissen schon: Unfall, Betrug, Schlepperwesen – und als Höhepunkt ab und an eine Leiche. Statistisch gesehen war ich wohl kein schlechter Reporter: mehr als 60 Titelstorys in ein paar Jahren, da war ich ganz vorne dabei. In Wirklichkeit aber war ich für die Chronik denkbar ungeeignet, spätestens ab dem Zeitpunkt, da ich Vater wurde. Denn: ich nahm die vielen Tragödien mit nach Hause. Im Kopf. Wenn ein Kind irgendwo von einem umfallenden Kasten erschlagen wurde, dübelte ich noch am selben Abend alle Möbel an die Wand. Mein Kind würde unter keinem Kasten sterben!

Einmal, es war ein geradezu verfluchter Sommer, ertranken in Kärntens Seen und Freibäder gleich mehrere Kinder. Ich organisierte daraufhin panisch einen Schwimmkurs für Kinder von „Kleine“-Lesern.

Und als im Lavanttal ein Kleinkind bei einem Wohnungsbrand umkam, stellte ich eine Brandmelder-Aktion auf die Beine, die anfangs müde belächelt wurde. Wenige Wochen später waren 25.000 Brandmelder verkauft. In mindestens einem Fall ist bekannt, dass so ein kleines Teil vermutlich zwei Leben gerettet hat. 

Initiative ergreifen. So weit, so gut. Aber unterm Strich fehlte mir damals einfach die journalistische Distanz. Mit ging das Leid der Menschen tatsächlich zu Herzen. Es machte mich unglücklich.

BUB, 11, HIRNTUMOR

Auch jenes Plakat, das ich damals zufällig in einem Hausflur sah, machte mich augenblicklich traurig. Ein Bub, elf Jahre alt, litt an einem Hirntumor, dem operativ nicht endgültig beizukommen war. Elf Eingriffe hatte der Bedauernswerte bereits hinter sich. Die Eltern, als Reinigungskräfte im öffentlichen Dienst Bezieher bescheidenster Einkommen, baten um finanzielle Unterstützung. Ich nahm das Plakat ab und ging der Sache nach. 

Es war herzzerreißend. Der Bub konnte mittlerweile nur noch eine Hand bewegen, nicht mehr sprechen und hatte spastische Zuckungen. Die Eltern steckten mitten im Bau eines bescheidenen Hauses, als die Diagnose das Leben aller stoppte. Seither hauste die Familie in einem Rohbau. Sie würden etwas Geld benötigen, sagte die Mutter, um eine Spezialbadewanne mit Hebekran zu kaufen. Und einen Computer, damit der Bub mit seiner noch bewegbaren Hand therapeutische Übungen machen könne. Das gesamte Gespräch über kämpfte ich mit den Tränen. Kranke Kinder – da ist bei mir Schluss, da verzweifle ich an allem, da hadere ich mit Gott. 

In dieser Weltuntergangsstimmung setzte ich mich in der Redaktion an den Computer und schrieb eine doppelseitige Story. Das Portraitfoto des Buben, aus besseren Tagen, druckten wir so groß wie möglich, dazu die Überschrift: „Hirntumor: Dieser Bub braucht Ihre Hilfe!“ 

HILFSBEREITE LESER

Was sich dann zutrug, übertraf alle Erwartungen: binnen drei Wochen gingen fast 600.000 Schilling am Spendenkonto der Zeitung ein (inflationsangepasst wären das heute rund 55.000 Euro).

Damals, Mitte der Neunzigerjahre, war diese Summe absolut rekordverdächtig. Vergleichbare Aufrufe schafften mit Müh und Not die 100.000-Schilling-Grenze. Zudem boten zahlreiche Firmen ihre Hilfe beim Hausbau an. Vor allem aber war nun genug Geld da, um unzählige Therapieeinheiten zu bezahlen. Sogar der Aufenthalt in einer Spezialklinik war plötzlich finanzierbar. Und dort geschah es: Nach Wochen intensiver und eher entmutigender Behandlung begrüßte der Bub eines Tages völlig überraschend seine Pfleger mit „Guten Morgen!“

Er hatte seit Monaten nicht mehr sprechen können. Es war ein kleines Wunder. 

In den kommenden Wochen erholte sich der junge Mann auf geradezu sensationelle Weise. Nach und nach konnte er Bett und Rollstuhl verlassen und schließlich sogar den Gehstock zur Seite legen. Seine Medikamentation reduzierte sich auf drei Tabletten täglich, ein Shunt sorgte dafür, dass der Druck in seinem Kopf nicht zu hoch wurde. Das Leben mit dem zwar gutartigen, aber dennoch lebensbedrohenden Hirntumor war möglich geworden. Kein optimales Leben, wie mir ein behandelnder Arzt erklärte, aber definitiv ein führbares. Weitgehend sogar ohne Schmerzen. 

RÜCKKEHR INS LEBEN

Der Bub kehrte Monate später in seine Schule zurück, er schloss sie erfolgreich ab und begann eine Lehre als Gärtner. Ich habe mich in den ersten Monaten regelmäßig diskret bei der Mutter nach seinem Wohlbefinden erkundigt. Es schien ihm gut zu gehen.

Ich habe keine Ahnung, ob der Mann, er müsste heute circa 30 Jahre alt sein, noch lebt. Aber eines habe ich damals gelernt: Es ich nicht egal, ob man die Initiative ergreift oder nicht. Es zahlt sich immer aus, wenigstens den Versuch zu starten. 

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