Ich weiß nicht mehr, wie es dazu gekommen ist. Jedenfalls stand ich plötzlich in einer unangenehm diskreten Hausnische. Und ich war nicht alleine. Ein sehr großer Mann, vielleicht 20 Jahre alt, hatte sich unmittelbar vor mir aufgebaut. Was seltsam genug gewesen wäre. Dass er mich mit der linken Hand am Kragen gepackt hatte, machte die Sache nicht angenehmer. Aber die Pointe war natürlich das Messer an meinem Hals. Ein beeindruckendes Messer.

Sie werden es schon erahnt haben: ein Überfall. Mitten in Villach. Hunderte Menschen gingen an uns vorüber, mit einem Abstand von vielleicht fünf Metern. Aber, wie gesagt: die Nische sehr diskret, von einer großen Werbetafel verdeckt, Hilfe also nicht zu erwarten. Schreien auch kein Thema. So ein Messer, auf Kitzeldistanz zum Gaumen, wirkt diesbezüglich hemmend, können Sie mir glauben.

Ich war 15 damals. Der grobe Kerl war mir bekannt. Nicht namentlich, aber vom Sehen. Eine jener Peripherie-Gestalten, die seit jeher und weltweit die Bahnhofs-Areale der Städte bevölkern: Sehr lange Haare, formschöner Schnauzbart Marke „Magnum“, dazu die sportlich-eleganten Stonewashed-Jeans mit den weißen Stoffstreifen an der Seite, die es  nur am Tarviser Markt zu kaufen gab. Ein in die Hose gesteckter Pullover und die massive Lederjacke rundeten das Bild eines Mannes ab, den sich niemand als Schwiegersohn wünscht.

Das Herz schlug mir bis zum Hals, als er mir zuraunte: „Geld her! Sofort!“ Blöderweise hatte ich nur 45 Schilling mit. Eine karge Ausbeute. Er schien unzufrieden, drückte das Messer etwas fester gegen mein Kinn. „Hmmm“, sagte ich und versuchte unverkrampft zu klingen: „Ich könnte dir noch meine Halskette anbieten. Echt Silber.“

Seine Stimmung besserte sich schlagartig. „Passt“, sagte er und riss mir die Kette mit dem kleinen Silberfußball vom Hals. Freilich, ich hätte sie auch am Verschluss öffnen können. Aber für die Dramatik reißen freilich besser.

Insgesamt verlief der Überfall, nun ja, seltsam. Es gab kein Gerangel, nach einer Minute war alles gesagt und nun standen wir da. Ich, in Todesangst, meiner Schätze beraubt. Tarvis-Magnum mit Hand an meinem Krawattl, Messer im Anschlag – und planlos. Wie weitermachen? Gefährliche Drohungen ausstoßen? Bewusstlos schlagen? Hand schütteln und „Bis zum nächsten Mal“ wünschen?

Keine Frage: Er hätte die Initiative ergreifen müssen. Tat er aber nicht. Und weil ich nicht den Rest des Tages schweigend in der Mauernische verbringen wollte, aktivierte ich den Smalltalk-Modus. „Und? Was machst du jetzt?“ lockerte ich die Atmosphäre.

– „Ich gehe auf ein Bier im Brauhof.“

– „Gute Idee. Ein Bier ist immer eine gute Idee.“

– „Willst du mitkommen? Ich lade dich ein.“ (Mit meinem Geld, der Hund!)

– „Danke, nein. Ich müsste nach Hause. Aber jetzt habe ich kein Geld mehr für den Bus.“

– „Ich kann dir was leihen. Wie viel brauchst du?“

– „Fünf Schilling wären ideal.“

– „Kein Problem. Gibst mir zurück, wenn wir uns das nächste Mal sehen.“

– „Klar.“

Es war an Absurdität nicht zu überbieten. Der Mann, der mich gerade überfallen hatte,  borgte mir ein paar Schilling von dem Geld, das er mir zuvor abgeknöpft hatte. Aber immerhin: das Messer hatte er eingesteckt, die Stimmung war nun gut.

Ein paar belanglose Worte noch, dann gingen wir freundlich auseinander. Er Richtung Brauhof, ich zur Polizeistation. Dort lieferte ich eine Personenbeschreibung und wenig später war der Mann verhaftet.

Erst Monate später, beim Gerichtsprozess, erfuhr ich, dass er geisteskrank war und immer dann, wenn er seine Tabletten absetzte, zur Gewalt neigte. Meine Reaktion, ihn in ein lockeres Gespräch zu verwickeln, sei goldrichtig gewesen, sagte man mir. Denn nur wenige Minuten vor meinem Überfall hatte er einen anderen Mann ausgeraubt. Nur: der wehrte sich. Und bekam das Messer zu spüren: Kinn und Lippe nahmen Schaden, die Narbe sieht man heute noch.

Wir, die Opfer, lernten einander beim Gerichtsverfahren kennen. Seither grüßen wir uns, wenn wir uns begegnen. Den Täter hingegen (er kam vorübergehen in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher) habe ich nie wieder gesehen. Dabei kriegt er noch fünf Schilling von mir!

40 weitere Texte finden Sie im Buch „Früher war ich jünger. 41 Geschichten aus dem Leben eines einfachen Mannes“ (Tredition Verlag)

 

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Bericht in der Tagespresse: Was für eine Aufregung!

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