Zu den vielen seltsamen Begebenheiten meines Lebens gehörte, dass ich plötzlich, Ende 2005, nicht nur Chefredakteur des kleines Regionalmagazins Kärntner Monat war, sondern auch die Redaktion des Inflightmagazins der Ryanair leitete. Auf der einen Seite die geografisch extrem eingeschränkte Kärnten-Berichterstattung, auf der anderen Seite ganz Europa – mehr Spagat geht kaum.

Beide Projekte waren auf ihre Art mühsam. Der „Monat“ aber wurde wenigstens einigermaßen professionell abgewickelt, das Ryanair-Magazin hingegen war schon ob seiner Eckdaten schwer zu handhaben: fünfsprachig, bis zu 400.000 Stück Auflage. Dass dort an zentraler Stelle ein paar Edel-Chaoten am Werk waren, machte die Sache nicht einfacher.

DER GRÖSSTE FEHLER

Auch ich habe mich bei diesem Projekt nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. Im Gegenteil. Wenn Sie mich nach meinem schwersten Fehler in 20 Jahren Printjournalismus fragen würden, würde ich Ihnen die Geschichte von Pamplona erzählen. Meinem Waterloo.

Wie so oft, wenn am Ende Scheiße produziert wird, begann alles ganz harmlos: Durch Zufall lernte ich in jenen Tagen einen außergewöhnliche begabten italienischen Fotografen kennen, der mir sensationelle Fotos vom Stiertreiben in Pamplona zeigte: Mittelformat, Schwarz-weiß, aus nächster Nähe aufgenommen. Man konnte förmlich den Atem der Stiere auf der Haut spüren. Ich war hin und weg.

Es gelang mir, den Kollegen zu überreden, mir die Bilder zu einem Freundschaftspreis zur Verfügung zu stellen. Ohne auch nur eine Sekunde an das Leid zu denken, dass die Stierhatz verursachte und verursacht, hievte ich eine große Bildstrecke ins Blatt und – wenn schon irren, dann so richtig – platzierte das großartigste Bild auf der Titelseite des Magazins. Es sah perfekt aus!

Wie immer musste die fertige Ausgabe in PDF-Form in den Vorhof der Macht geschickt werden, also zu einem der persönlichen Sekretäre von Ryanair-Boss Michael O’Leary. Dort, in Irland, wurden die aus Sicht der Fluglinie nötigen Korrekturen angebracht, dann gingen wir in Druck. Manchmal wurde um Beistriche gestritten, so pedant konnte O’Learys rechte Hand sein. Diesmal aber, bei der Pamplona-Nummer, gab es keine Einwände. Also: drucken. Zufrieden drehten wir die Computer ab und gingen nach Hause.

Vier oder fünf Tage später brach der Krieg los.

Das Magazin hatte seinen Weg von der polnischen Druckerei über die Lastkraftwagen, die Tonnen des Papiers zu diversen Ryanair-Flughäfen brachten, zu den Sitzplätzen in den Fliegern gemacht. Und die Aufmerksamkeit von so ziemlich jedem Tierschützer des Universums erregt. Binnen kürzester Zeit verbreitete sich im Internet die Nachricht, dass Ryanair das Stierdrama von Pamplona verherrliche. Die ersten Mails trafen ein. In der Redaktion. Und bei Mike O’Leary. Nie wieder, so die Absender, würden sie mit der Arschlochlinie Ryanair fliegen. Nie wieder! Ein paar Mails wären kein Problem gewesen. Es wurden aber bald mehrere tausend. Und die Anzahl der Protestaufrufe im Internet wuchs stündlich. Ein Shitstorm der Extraklasse – lange bevor es der Begriff in die allgemeine Wahrnehmung schaffte.

WARTEN AUF DAS ENDE

Wir saßen schweißnass in unserer Redaktion und beobachteten, wie wir plötzlich im eigenen Leben zum Passagier wurden. Die Welle der Empörung riss uns den Boden unter den Füßen weg. Wie hatten wir nur so blind sein können? So unsensibel? So – Pardon – orschdeppert? Der Protest kam, auch in seiner Wucht, völlig zu Recht. Jeden Moment rechneten wir mit einem Anruf aus der Ryanair-Zentrale. Die Kündigung konnte nur noch eine Frage der Zeit sein.

Jedoch: nichts geschah.

Die Fluglinie hatte mit Zufriedenheit zur Kenntnis genommen, dass alle Flüge nach Pamplona ausgebucht waren. Und das war alles, was für sie von Interesse war. Die Story hatte aus ihrer Sicht funktioniert. Ich hingegen hatte mich noch nie – und auch später nie mehr – so sehr für mich geschämt.

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