Als ich das Geschäft meines Triumphhändlers in Villach betrat, war Josefine bereits da. Ein wenig schmächtig stand sie inmitten der modernen, großen Motorräder. Während die anderen mit fetten Reifen, luxuriösen Koffersets und Hightech-Goodies wie Antiblockiersystem und eingebautem Navi brillierten, hatte sie nichts an Extras zu bieten außer einer Lichthupe. Die Traummaße? 58-10-85. Baujahr-PS-Spitzengeschwindigkeit. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Immer schon wollte ich ein altes Motorrad besitzen. Egal ob Norton, Horex, NSU – kaum, dass ich so ein altes Teil gesehen hatte, war es um mich geschehen.

Und jetzt also Josefine. Nicht, dass sie damals schon, bei unserem ersten Rendezvous, so hieß. Den Namen habe ich ihr später gegeben. Er hat eine ganz besondere Bedeutung. Denn ich bin nicht der erste in meiner Familie, der mit einer Puch 175 fährt.

Auch meine Großmutter war in den Fünzigerjahren mit genau so einem Motorrad unterwegs. Es war freilich nicht ihr Motorrad. Frauen besaßen so etwas damals nicht. Die Puch gehörte ihrem zweiten Mann. Der erste, mein Opa, ist in russischer Kriegsgefangenschaft gefallen. Jahre, nachdem Oma die offizielle Bestätigung seines Todes erhalten hatte, fand sie eine neue Liebe, Franz. Der war Mechaniker und im Besitz einer 175er.

Ein guter Mensch sei Franz gewesen, warmherzig und hilfsbereit. Einer, von dem man alles haben konnte. Ich hätte ihn gerne kennengelernt.

DIE LETZTE FAHRT

Dass es nicht dazu kommen sollte, lag daran, dass Franz eben ganz besonders hilfsbereit war. Und so erklärte er sich auch an jenem 30. November im Jahr 1959 bereit, einen Arbeitskollegen, der selbst nicht mobil war, mit dem Motorrad nach Hause zu fahren. Von Villach Richtung Spittal, ins Drautal hinein. Kurz nachdem die beiden losgefahren waren, setzte starker Regen ein. Und Nebel.

In der Ortschaft Puch, was für eine unpassende Ironie, dürfte Franz, so rekonstruierte jedenfalls später die Polizei den Unfall, bei extrem schlechter Sicht das Frontlicht eines herannahenden Zuges als Auto – und damit Gegenverkehr – missinterpretiert haben. Franz wich vermutlich nach links aus, dorthin, wo es keine Straße mehr gab. Nur einen großen Baum.

Beide Männer waren sofort tot. Franz war 32 Jahre alt, vom Beifahrer weiß ich keine Details. Die Erinnerung, wie sie als damals 18-Jährige die Leichen im Straßengraben liegen sah, rührt meine Mutter noch heute zu Tränen.

Mir ist klar, dass es für viele Menschen nun schwer verständlich sein wird, warum ich mir gerade dieses Motorrad gekauft habe. Nach all dem Leid.

Aber wenn ich die Puch 175 ansehe und fahre, verspüre ich keine Trauer. Für mich ist sie eine starke Erinnerung. An den Mann, den ich Opa genannt hätte. Und an meine vor 18 Jahren verstorbene Großmutter, Josefine.

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