„Ich glaube, die Wehen setzen ein.“

Es gibt Sätze, da weiß man, was zu tun ist. Der mit den Wehen, das ist so einer.

Wir schrieben den 30. April 1997 und ich musste also meine Frau ins Krankenhaus bringen: ASAP, wie es im Rennenglisch heißt, denn das Fräulein Tochter gedachte zur Welt zu kommen.

Raus aus dem Bett, rein ins Gewand, der Koffer mit den nötigsten Dingen für den Spitalaufenthalt war längst gepackt. Wir lebten damals im 5. Stock eines Wohnblocks in der Nähe des Villacher Hauptbahnhofes. In der Gaswerkstraße.

Genau gegenüber befand sich ein legendäres Puff (fragen Sie ältere Fernfahrer. Sie werden Bescheid wissen). In den Sommermonaten konnte ich, vom Balkon aus, den Damen beim Bräunen in ihrem kleinen Garten zusehen. Pardon, ich schweife ab. Zurück zur Story: Von unserem Haus zum Spital waren es – Luftlinie – nur ein paar hundert Meter. Mit dem Auto konnte man es von der Wohnungstür bis zum LKH-Haupteingang in maximal fünf Minuten schaffen. Freilich nur, wenn der Lift funktionierte.

Tat er aber nicht. Immer und immer wieder drückte ich den Knopf, meine Frau wimmerte ab und an leise vor Schmerz, allerdings: kein Lift. Irgendwo im Haus wurde gesiedelt, der Lift war darob blockiert. Ich ließ meine Frau stehen, rannte die fünf Stockwerke ab, fand die Siedler, erklärte die Situation, warf ihre Möbel aus dem Lift und fuhr in den fünften Stock.

Alleine: meine Frau war nicht mehr da. Es hatte ihr zu lange gedauert. Sie hatte sich zu Fuß Richtung Erdgeschoß in Bewegung gesetzt. Und jetzt fand ich sie nicht mehr! Bilder einer Geburt im Stiegenhaus drangen in meinen Kopf. Große Fragen kamen auf: Kann man eine Nabelschnur durchbeißen?

KEIN LIFT, KEIN SCHLÜSSEL

Derweil hatte meine Frau längst den Weg ins Freie geschafft, sie wartete bei unserem Auto auf mich. Sie erinnern sich an die fünf Minuten, die man im Idealfall für den Weg ins Krankenhaus genötigt? Natürlich nur mit Autoschlüssel. Der war aber wie vom Erdboden verschluckt, möglicherweise hatte ich ihn auch nur in der Wohnung vergessen. Ich ließ meine Frau erneut stehen, rannte zurück zum Lift. Der war längst wieder blockiert – die Siedler, diese Vollpfosten!

Also zu Fuß in den fünften Stock, es begann anstrengend zu werden. Tatsächlich: der Schlüssel steckte außen an der Tür. Wieder runter, kein Lift.

Der Schweiß rann mir von der Stirn, meine Frau, eigentlich mit der bevorstehenden Geburt beschäftigt, begann Mitleid mit mir zu haben.

Und der Irrsinn ging weiter.

PARKPLATZ-RANGELEI

Was bei den 5 Minuten Anfahrtszeit auch nicht eingeplant war: ein zugeparktes Auto. War es aber. Vom Möbelwagen der Siedler. Nicht komplett zugeparkt, aber halt so, dass ich nicht vorbeifahren konnte. Ich begann zu fluchen. Zum Glück steckte der Schlüssel, ich konnte den Möbelwagen also wegfahren. Allerdings waren zwischenzeitig die Siedler auf den Parkplatz gekommen – und hielten mich offensichtlich für einen Autodieb. Dass ich sie wenige Minuten vorher im Stiegenhaus wegen des blockierten Lifts beschimpft hatte, verbesserte unsere Kommunikationsbasis auch nicht wirklich. Es kam zu einem kleinen Handgemenge. Die nicht abwegige Frage meiner Frau, ob wir uns gegenseitig ins Hirn geschissen hätten, klärte die Situation.

Endlich fuhren wir los. Mit der gefühlten Verspätung von einer Stunde. Ich war fix und fertig, meine Frau war völlig ruhig.

Minuten später waren wir am LKH-Gelände. Und konnte keinen Parkplatz finden. Doch nach Liftproblemen, Schlüsselproblemen und Ausparkproblemen war ich längst im Charles-Bronson-Modus. Ich sah rot, also eigentlich grün, sprich die Parkanlage des LKH – fuhr mit Schwung über den Randstein und stellte den Golf mitten ins Grüne. Was an sich schon keine besonders gute Idee war. Richtig schlecht wurde sie dadurch, dass genau dort, wo ich das Auto hinstellen wollte, eigentlich kein Platz war. Weil dort ein Mensch stand. Ein alter Mann mit Krückstock. Ich berührte ihn aber ohnehin so gut wie gar nicht am Knie. Seinen viel zu lauten Schmerzschrei und die völlig überzogene, anschließende Jammerei hätte sich der wehleidige Kerl sparen können, wenn Sie mich fragen. Als er meine hochschwangere Frau aus dem Auto aussteigen sah, verstummte der Alte ohnehin augenblicklich und verschämt.

Wenig später, um 15.36 Uhr kam unsere Tochter zur Welt. Ich war bei der Geburt dabei. Ich erspare Ihnen Details, nur soviel: Das gab mir den Rest. Männer, die behaupten, die Geburt ihres Kindes sei der schönste Moment in ihrem Lebens gewesen, sind entweder Sadisten oder haben zwei Weltkriege miterlebt. Der Arzt verließ den Kreißsaal mit folgenden Worten: „Mutter und Kind wohlauf. Und Schwester! Kümmern Sie sich um den Vater. Bei dieser Gesichtsfarbe müssen wir mit allem rechnen.“

Nur falls Sie fragen: Ja, Hannah ist ein Einzelkind geblieben.

Advertisements