Ich habe zwei besonders gute Freunde aus der Studienzeit. Einer lebt in Wien, einer in Sitges bei Barcelona. Im Unterschied zu früher sehen wir uns leider nur noch ein-, zwei Mal pro Jahr. Bis vor wenigen Jahren ist es uns wenigstens gelungen, alle zwei Jahre gemeinsam eine Motorradtour zu absolvieren. 2006 entschieden wir uns für Frankreich. Jede Menge Gebirgspässe – perfekt.

Zufälligerweise fiel unsere Tour zeitlich mit der Fußball-Weltmeisterschaft zusammen. Und so trug es sich zu, dass wir das erste Halbfinale, in dem Italien gegen Deutschland spielte, in Turin verfolgen konnten, wo wir am Weg nach Frankreich unsere erste Nacht verbrachten. Das zweite Halbfinale, Frankreichs gegen Portugal, wollten wir uns tags darauf in einer kleinen französischen Stadt ansehen, deren Name mir nicht mehr einfallen will (Anmerkung: auf Kollegen M. V. ist Verlass: die Stadt heißt Barcelonette). Obwohl beide „Heim-Mannschaften“ ihre Spiele gewinnen sollten, hätten die Abende nicht unterschiedlicher verlaufen können.

ZUERST ITALIEN …

Beginnen wir mit Turin.

Wir suchten uns einen Public-Viewing-Platz aus, um das Spiel zu verfolgen. Soweit das möglich war. Denn ausnahmslos alle der mindestens 1000 Italiener sprangen wie wild umher, lachten, feierten, tobten. Die meisten trugen Trikots ihres Nationalteams – und ihre Landesfarben als Make-up. Der Wein floss in Strömen, aus gigantischen Lautsprechern dröhnte Musik, die Stimmung war sensationell gut. Als vor Spielbeginn die italienische Hymne erklang, brüllten alle mit. Einige sangen alleine dreistimmig. Was für eine schauderhaft-euphorische Kakophonie. So muss Fußball, dachte ich mir.

Das Spiel plätscherte so dahin. 0:0 nach 90 Minuten. Doch dann die abenteuerlichste Nachspielzeit in der WM-Geschichte. In der 119. und 121. Minute erzielten Grosso und Del Piero zwei Treffer, Italien war im WM-Finale. Was dann geschah, hatte ich noch nie erlebt: Wildfremde Menschen umarmten mich, schleuderten mich in die Luft, schütteten mir brüderlich teilend ihren Wein in den Mund, wollten auf der Stelle ein Kind mit mir zeugen, schrieen mir einen Tinnitus ins Ohr. Kurzum: es war herrlich.

Auch der einsetzende Regen, der alsbald in einen veritablen Wolkenbruch umschlug, ließ die Tifosi kalt. Wer ein Auto besaß, begann, permanent hupend, wirr im Kreis zu fahren. Menschen sprangen in vorbeifahrende Cabrios, die trotz Regens offen fuhren, um ihre Fahnen zu schwenken. Eine ganze Stadt, vermutlich ein ganzes Land im Ausnahmezustand.

Die Euphorie ebbte die ganze Nacht nicht ab, auch in den Morgenstunden kurvten noch jede Menge Autos durch die Stadt, ihre /irre Fahrer hupten das Universum aus den Betten. An Schlaf war nicht zu denken.

Ich war zu Tränen gerührt. Hatte ich zuvor noch hin und wieder an meiner Zuneigung zu Italien gezweifelt – seit damals ist es wahre Liebe.

… UND DANN FRANKREICH

Am nächsten Tag checkten wir, ein paar hundert Kilometer weiter westlich, in einem Hotel in Barcelonette ein. Es war der Tag, an dem Frankreich um den Einzug ins Finale kämpfen würde, gegen Portugal. Am Hauptplatz war eine Leinwand aufgezogen, die Bestuhlung war perfekt, das nächste Public Viewing konnte kommen. Wir waren aufgeregt.

Allein: wo war die Stimmung? Vor dem Match nippten da und dort ein paar Franzosen an ihren Weingläsern, man sprach ruhig und gedämpft, es gab keine Musik. Rund zehn Minuten vor dem Anpfiff begann man die Sitzplätze einzunehmen. Disziplin wie im Theater.

Dann die französische Hymne. Alle erhoben sich von den Sitzen, die meisten griffen sich mit der rechten Hand ans Herz, um mit Inbrunst, Präzision und Lautstärke 100 mitzusingen. Ein gigantisch intensiver Chor schmetterte die Hymne in die Nacht. Mir liefen kalte Schauer über den Rücken. Es war ein gleichermaßen schöner wie beängstigender Moment. Es sollte der letzte Ausdruck von Emotion an diesem Abend sein.

Das Spiel? Zidane (er würde später im Finale seinen legendären Materazzi-Kopfstoß anbringen) traf per Elfmeter zum 1:0, was von den Franzosen wohlwollend beklatscht wurde. Für ein paar Minuten war es sogar einigermaßen laut am Hauptplatz. Ansonsten: noble Zurückhaltung. Beim Schlusspfiff (und dem damit fixierten Aufstieg ins WM-Finale) setzte artiger Applaus ein. Man trank noch das eine oder andere Glas, es wurde dezent gelacht und gescherzt, alles mit jener Intensität, die man sonst von Charity-Veranstaltungen zur Finanzierung eines dringend benötigten Kernspintomographen kennt. Eine Stunde nach Spielende war der Spuk vorbei, sogar die Bestuhlung war bereits weggeräumt worden.

Die Nacht verlief angenehm ruhig, wir konnten unser Schlafdefizit vom Vortag wegpennen.

Zwei Abende. Zwei Fußballspiele. Zwei Städte, nur wenige Kilometer von einander getrennt. Zwei Mentalitäten.

Wir hatten genug gesehen. Unsere nächste Motorradtour führte uns im Jahr darauf nach – Italien. Aber das ist eine andere Geschichte.

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