Das Angebot der Kleinen Zeitung kam kurzfristig. Ob ich nach Finnland fliegen möchte, zu Nokia. Ich, freier Journalist mit eh nix zu tun, sagte zu. Nokia, hä hä. Wer weiß, ob ich da nicht ein Handy abstauben kann… Wir reden von Mitte der Neunzigerjahre. Complianceregeln? Ich bitte Sie! Außerdem: Nokia! Für jüngere Leser: das war einmal der größte Handyhersteller der Welt. Kultfaktor damals: knapp unter dem, was Apple heute ist. Der Akku eines Nokia-Handys hielt eine Woche lang. EINE WOCHE LANG.

Und so flogen wir ab Klagenfurt nach Finnland. An Bord und im Gespräch mit Kollegen erfuhr ich Überraschendes: Nokia ist eigentlich ein Reifenproduzent. Na bumm! Und ins Pneus-Werk nach Tampere seien wir unterwegs. Na Doppelbumm! Mein geschenktes Handy konnte ich mir einrexen. Hier gab’s, wenn überhaupt, einen Satz Winterreifen.

Ich lasse den offiziellen Teil der Reise aus, denn das stundenlange Begutachten von Reifenprofilen in einer Fabrik in Tampere war genau so prickelnd wie es sich liest. Aber die Abendgestaltung, die hatte es in sich!

An einem Tag ging es nach dem Reifenflüstern in die Sauna. Das Blockhaus stand am Ende der Welt, inmitten vieler kleiner Seen. Ich muss vorausschicken: Ich war damals knapp über 20 Jahre alt und noch nie in einer Sauna gewesen. Und ich kann gleich hinzufügen: Nach diesem Abend mied ich Saunen für mindestens zehn weitere Jahre.

Wir, eine Runde von rund zehn Männern (ich war der Jüngste), entkleideten uns. Setzten uns auf die Saunabänke, es war bereits angenehm warm, um nicht zu sagen: unerträglich heiß. Ich hasse übrigens Hitze. Grundsätzlich.

Dann kam ein mir fremder Mann, stellte sich vor uns und begann, seltsame Substanzen auf den Ofen zu gießen. Und wie ein Verrückter mit dem Handtuch zu wachteln. Es war ein Inferno! Luftschwaden mit gefühlten 1.000 Grad wickelten sich um meinen Kopf, ich wusste, nun würde ich den Feuertod sterben.

Die Kollegen rund um mich hingegen wiecherten aus unerfindlichen Gründen freudig: „Ja, so geht Sauna. Die Finnen kennen sich aus!“ Ich schien der einzige zu sein,dem es nich gefiel. Das war mir peinlich. Also harrte ich aus. Aufguss um Aufguss.

Während die anderen ihren Spaß hatten, kämpfte ich, verkrampft lächelnd, meinen einsamen Kampf. Gegen die Hitze. Gegen den Saunameister. Gegen die Ohnmacht.

Ich weiß nicht mehr, wie und warum ich überlebt habe. Aber irgendwann ging die Saunatür auf und eiskalte Luft drang zu mir. Ich erfing mich. Gerade rechtzeitig, um zu sehen, dass die Anderen ihre Handtücher zu Boden warfen und wie verrückt aus der Sauna stürmten, einen Hügel hinunter, vielleicht 50 Meter, um dann über einen Holzsteg zu laufen und schließlich in einen der kleinen Seen zu springen.

Alle, bis auf mich.

Und da schwammen sie nun im See, die Augen auf mich gerichteten, den einzigen, der noch, in sein Handtuch gewickelt, in der nicht vorhandenen finnischen Abendsonne stand. Ich wollte nicht in den See. Doch nicht zu springen war keine Option mehr, der Abendwind trug mir leise das Wort „Feigling“ zu.

Also rannte ich los, warf mein Handtuch, kam zum Steg, spürte plötzlich die Kälte des Wassers, sah die hämisch grinsenden Augen der Kollegen, lief weiter, sagte mir „wenn schon, denn schon“, setzte zu einem formvollendeten Köpfler an und sprang los.

In der Luft, vielleicht einen Meter über der Wasseroberfläche, merkte ich erst, wie kalt das Wasser sein musste. Kühlschrankniveau! Als ich eintauchte, schrie ich los. Drei, vier Sekunden lang, so lange ich eben unter Wasser war, brüllte ich wie ein Irrer. Herrgott war das eisig! Ich war als junger Mann in den See eingetaucht und würde ihn als junge Frau verlassen. Aber den Kollegen eine Schwäche zu offenbaren? Sicher nicht!

Als ich auftauchte, tat ich so, als sei alles in bester Ordnung. Lässig schwamm ich zum Steg und stieg aus dem Wasser. Ich hatte es überstanden. Dachte ich.

Denn nach dem Hitzetod und nach dem Kältetod kam nun der letzte Teil der schmutzigen Finnland-Triologie. Alle wickelten sich in Bademäntel und begaben sich zurück in einen Nebenraum der Sauna. Dort standen Alkoholflaschen. Viele Alkoholflaschen. Allerdings kein Bier oder Wein oder sonst etwas aus dem Warmduscher-Regal. Hier gab es Schnaps. Und Schnaps.

Ich hasse Schnaps. So wie ich Hitze und Kälte hasse. Der Abend würde also perfekt ausklingen.

In der Folge  trank ich Flüssigkeiten, mit denen ich normalerweise nicht einmal hartnäckige Schmutzflecken von meinen Motorrad entfernen würde. Komischerweise hatten wieder alle anderen ihren Spaß. Vor allem der finnische Gastgeber. Ich habe nie wieder einen Menschen gesehen, der solche Mengen Hochprozentiges trinken und immer noch in zusammenhängenden Sätzen sprechen konnte. So, erklärte er uns, so würde man in Finnland feiern.

Der Abend endete damit, dass ich den Finnen ihre Getränke zurückgab – indem ich am Weg zum Bus, der uns heim zum Hotel brachte, hinter jeden Busch kotzte. Hinter jeden einzelnen. So, erklärte ich dem Gastgeber lallend, so würde man in Österreich feiern.

Diese Geschichte ist nun mehr als 20 Jahre her. Ich habe Finnland immer noch unter „Nein, danke“ abgespeichert. Es genügt, den Namen zu hören, und mir wird übel. I put FIN in FINLAND und NO in NOKIA.

Advertisements