Als meine Tochter zwei Jahre alt wurde, machten wir den ersten Familienurlaub. Das Geld war zwar knapp, doch Menschen, die in Villach leben, bleibt immer noch Lignano. Diese Perle der oberen Adria, mit ihren höchstens 10.000 identen Sonnenschirmen und dem Meerwasser in bester Kläranlagenqualität.

Die Stunden am Strand waren zäh: heiß, überbevölkert, laut. Freilich, solche Umstände wären wohl für viele Menschen mühsam gewesen, aber für mich, der ich am liebsten als lonesome rider mit dem Motorrad durch die amerikanische Wüste fuhr, war es halt die Hölle.

Trost spendete einzig und alleine meine Tochter. Von meiner Frau unter fünf Zentimeter Sonnencreme konserviert, stakste das bezauberndste Mädchen der Welt nackt bis auf ein mit Blumen verziertes Häubchen im Sand herum. Ganz vorne am Strand, dort, wo die Wellen ans Ufer kotzten. Hannah trug eine Plastikschaufel in der linken, einen Kübel in der rechten Hand. So viel Neues, so viel zu entdecken, es waren aufregende Stunden für sie.

Dann plötzlich entdeckte Hannah etwas, das ihre Aufmerksamkeit nachhaltig erregte. Zwei italienische Buben, vielleicht fünf, sechs Jahre alt, bauten an einer beachtlichen Sandburg, nur wenige Meter von jener Stelle entfernt, an der ich mich von den Wellen schaukeln ließ. Die Burg war rund einen Meter hoch, vielleicht zwei Quadratmeter groß und von einem exakt gezogenen Graben umgeben, gefüllt mit Meerwasser.

Hannah hatte beschlossen, an den Bauarbeiten teilzunehmen. Die Buben hatten beschlossen, dies nicht zu dulden. Hannah näherte sich, die Buben stießen sie weg. Hannah näherte sich. Die Buben stießen sie weg. Immer und immer wieder. Hannah war zäh. Das gefiel mir. Was mir weniger gefiel: die zunehmend grobe Art der beiden Fratzen. Die Zeichen standen auf Eskalation. Noch einmal, dachte ich, noch einmal stoßt ihr mein Kind um und ich werde es rächen.

Doch während ich mir noch überlegte, ob es effizienter wäre, die beiden Dolme mit dem Schädel voraus in ihre Burg zu stecken oder ob ich sie doch besser in der Adria versenken sollte, fand Hannah einen eigenen Weg, ihrer Empörung Ausdruck zu verleihen (und der Begriff „Ausdruck“ passt hier ganz besonders gut).

Breitbeinig stellte sie sich über den Burggraben, einen Fuß in der Burg, einen draußen. Und dann, liebe Leute, dann schiss mein großartiges Kind einen atemberaubend großen Haufen, setzte ihn treffsicher mitten in das Wasser. „Pflog“ machte es – und das Frühstück trieb als übel riechendes Zeichen des Protests im Burggraben. Eine Art Shitstorm, lange bevor es diesen Begriff gab.

Hannah blieb ruhig. Sie hatte das Letzte aus sich herausgeholt. Ich glaube, sie wusste in diesem Augenblick genau, dass sie gewonnen hatte. Die Buben hingegen hatten verloren – den Kampf um die Burg und ihre Contenance: „Wäh, was für eine Sau“, riefen sie und ergriffen angewidert die Flucht. Es war ein beeindruckender Sieg meiner Tochter. Ich war sehr stolz auf sie.

Seither nenne ich die Obere Adria gerne Kot d’Azur.

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