Meine Frau ist Wienerin. Wir haben uns in Villach kennengelernt, sie ist geblieben. Sie liebt diese kleine Stadt an der Drau. Fünf Minuten zum See, zehn Minuten zum Schifahren, 20 Minuten nach Italien oder Slowenien.

Aber die politische Lage, werden Sie jetzt einwerfen, die politische Lage! Haider-Land! Dörfler-Land! Dobernig-Land! Rechte Rüpel, soweit das Auge reicht. „Trotteln gibt es in Wien auch genug“, pflegt meine Frau in solchen Momenten zu sagen. Außerdem, für die politisch Neunmalklugen hier: Villach seit 2.000 Jahren Eisenbahnerstadt, also rot wie Pavian-Popo.

Wenn es aber etwas gibt, das meine Frau an Villach wirklich stört, dann ist es der Fasching. Sie wissen vielleicht: „Fasching in Villach, Villach in Fasching, das ist schööön.“ Narrenhochburg, gewissermaßen Köln auf österreichische Verhältnisse geschrumpft. Von allem ein bisschen weniger, nur von der Einfalt nicht.

Ich kann die Abneigung gegen die kollektive Lustigkeit verstehen. Auch mir läuft der kalte Schauer über den Rücken, wenn honorige Unternehmer mit Faschingsmützen und Batman-ähnlichen Umhängen „Lei Lei“ brüllend durch die Straßen ziehen.

Aber lassen Sie ihnen doch den Spaß, werden Sie jetzt sagen. Und ich werde kontern:  Genau das ist es! Es gibt dabei keinen Spaß. Nichts ist in Villach ernster als der Fasching. Die Gilde, also die semiprofessionelle Truppe, die das Humormonopol besitzt und den Fasching institutionalisiert hat, ist in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder durch schweren Streit und intensive Intrigen aufgefallen. Einmal gab es sogar eine Aufspaltung in zwei Gilden. Ein Schmähtandler-Schisma. Muss ich mehr erwähnen?

Höhepunkt (oder Tiefpunkt, je nachdem, auf welcher Seite Sie stehen) des Faschings sind die jährlichen Sitzungen, die sogar im ORF übertragen werden und zu Österreichs Quoten-Highights zählen. Einmal, ich war damals Redakteur der Kleinen Zeitung, hatte ich zwei der heißbegehrten Tickets für eine Sitzungen erhalten. Vier Stunden lang clowneske Nummern: Prangerredner, Gesangseinlagen, tanzende Kinder, Star-Imitationen – das ganze Horror-Paket. Und: Wir hatten Karten für den ersten Tisch, ganz vorne an der Bühne. Keine Fluchtmöglichkeit. Von dort haben sich Menschen schon nach Guantanamo gesehnt, glauben Sie mir.

Ich wusste, was uns erwarten würde. Und das war der entscheidende Unterschied zu meiner Frau. Sie hatte sich den Villacher Fasching in Wien nie im Fernsehen angesehen. Sie wurde eiskalt erwischt.

Die Bestuhlung (Wortwahl!) im Villacher Congress Center war so eng, dass wir an unserem Tisch hintereinander sitzen mussten, wie in einem Bus. Ich vorne, meine Frau unmittelbar hinter mir. Die Show begann, ein schlechter Witz jagte den anderen. Ich blickte über meine Schulter zu Barbara – und sah blankes Entsetzen. „Wie lange noch?“ fragte sie. Nach der ersten von 18 Nummern.

Ich muss gestehen, ich habe in der Folge weniger oft (eigentlich gar nicht mehr) nach hinten geblickt, weil ich keine Vorwürfe hören wollte. Und so kam es, dass nach circa zehn lähmend unwitzigen Nummern ein besonders lustiger Mann die Bühne betrat. Aus unerfindlichen Gründen trug er neben einem Kärntneranzug auch einen Boxhandschuh. Allerdings: er hatte ein paar gute Pointen.

Das war die Chance, bei meiner Frau zu punkten, im Sinne von „Siehst du, gar nicht so schlecht, das Programm“. Also drehte ich mich um – und musste laut lachen. Meine Frau schlief. Sie schlief! Am prominentest platzierten Tisch, im vollen Scheinwerferlicht – und offensichtlich schon länger. Ihr Kopf war zur Seite gekippt, der rechte Arm berührte beinahe den Boden, ssie war völlig in sich zusammengesunken.

Ich wollte sie wecken, alleine: Ich hatte zu laut aufgelacht. Der Boxhandschuh-Brachialkomiker war auf meine Frau aufmerksam geworden! Schwups, stand er auch schon unmittelbar vor uns und forderte, mitten in seiner Nummer, meine gerade aus dem Schlaf aufgeschreckte Frau auf, zu ihm auf die Bühne zu kommen.

Das laute Lachen und das auffordernde Klatschen machten es Barbara unmöglich, zu verweigern. Und so torkelte sie in ihrem bezaubernden roten Kleid auf die Bühne. Des Boxers Muntermach-Programm war grausam: Er ließ meine Frau minutenlang mit ihm tanzen. Keine Verrenkung war blöd genug. Vogeltanz niveauvoll dagegen. Vor 1.600 Augen. Die Menge tobte. Meine Frau auch. Innerlich.

Äußerlich machte sie gute Miene zum bösen Spiel. Wer sie nicht näher kannte, hätte das gewinnende Lächeln für Begeisterung halten können. Ich hingegen wusste: Sie würde mir diesen Abend nie verzeihen. Und das war, angesichts des Ausmaßes der Schmach, noch das Geringste, was ich befürchtete.

Nach der Tanznummer setzte sich Barbara wieder hinter mich. Ganz leise zischte sie, freundlich lachend, denn alle Umsitzenden blickten ihr am Weg von der Bühnen nach, einen einzigen Satz in mein Ohr: „Wir gehen hier nie wieder her. Nie wieder!“ Ich atmete auf: Immerhin bedeutet dies, dass sie mich am Leben lassen würde.

15 Jahre später war „nie wieder“ zu Ende. Wir besuchten erneut eine Faschingsitzung. Meine Frau ist diesmal nicht eingeschlafen.

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