1000 Schilling Tagesgage? Gut. Zehn Drehtage? Noch besser. Das Angebot, als Komparse bei einem Hollywoodfilm dabei zu sein, kam gerade recht. Wie fast immer während meiner Zeit als Student war das Geld auch in jenen Tagen knapp, als sich die Chance auftat, bei einem Walt-Disney-Movie mitzuwirken. Neuverfilmung der drei Musketiere, mit Kiefer Sutherland und Charlie Sheen. Beide waren Anfang der Neunzigerjahre große Nummern im Showbiz. Dass die Dreharbeiten großteils in Wien stattfanden, lag an einer opulenten Förderung, meiner Erinnerung nach war die Stadt bereit, rund 30 Millionen Schilling hinzublättern.

Mit ein paar Freunden standen wir nun also da, am Beginn unserer Leinwand-Karriere. In einer Menschenschlange. Vor dem Castingbüro am Stadtrand. Die Eroberung der Filmwelt begann mit dem Ausfüllen von Formularen. Es zeigte sich gleich: man musste um seine Gage kämpfen. Für einen normalen Komparsentag als Bauer oder Magd in der mittelalterlichen Szenerie gab es nur 400 Schilling, wurde man aber als fechtender Musketier angeheuert, wartete ein Tausender. Logischerweise kreuzten wir alle „Fechten“ als Qualifikation an. Ohne je gefochten zu haben.

Tage später läutete das Telefon. Ob ich Zeit hätte, vor einem amerikanischen Swordmaster meine Fechtkenntnisse zu demonstrieren. Das wäre der Punkt gewesen, an dem ich die Wahrheit hätte sagen sollen: „Kann gar nicht fechten… ein Irrtum… ich bedauere.“ Tat ich aber nicht. Und fand mich alsbald in einer Turnhalle mit 50 anderen wieder. Vor uns stand der angeblich legendäre, ca. 70 Jahre alte Fechtguru aus den USA. Wir bekamen Kunststoff-Degen überreicht, wurden paarweise zusammengestellt. „Zeigt, was ihr könnt“, schrie der Swordmaster motiviert. In meinem Fall, war klar, was das sein würde: nichts. Dass es 45 der 49 Anderen genau gleich erging, konnte ich nicht ahnen, war aber nach wenigen Sekunden klar. Die Szenerie war absurd: Studenten und Arbeitslose fuchtelten planlos mit den Kunststoffwaffen in der Luft herum, der eine oder andere meinte, seine Performance mit ein paar gekeuchten Lauten verbessern zu müssen: „Aaargh!“ – „Huaaaa!“ – En Garde!“ Ich schämte mich.

Mit schreckensgeweiteten Augen stand der Swordmaster vor uns. Als er sich wieder einigermaßen erfanden hatte, brüllte er „Stop!“ Es folgten hektische Beratungen. Ich vermute, es ging ums Geld. Für die Suche nach neuen Komparsen fehlte die Zeit. Und was, wenn dann wieder 50 Bewegungs-Authisten kommen würden? Wir waren also engagiert. Die ganze Komikertruppe.

Dann ging es daran, zu retten, was zu retten war. Tagelang lernten wir ein paar Grundgriffe, aus denen der Swordmaster – Paar für Paar – eine Minichoreografie zusammenstellte. Links oben – rechts unten – links oben – einmal mit der freien Hand den Degen des Partners fassen und dann sterben. Entscheidend war, dass man ohne Theatralik abkratzte. Einfach den Degen des Anderen unter die Achsel klemmen (immer jene Achsel nehmen, die der Kamera abgewandt war!) und still zusammensinken. Aus. Bei meinem Paar war ich Derjenige, der ins Gras beißen musste. Drei- vier Mal übten wir die Szene, danach starb ich wie ein Profi.

Die Drehtage waren lang. Wir wurden in Kostüme gesteckt, bekamen Bärte und Perücken aufgeklebt und drehten Kampf um Kampf ab. Irgendetwas ging immer daneben. Einmal schmiss ich eine Szene mit mehr als hundert Beteiligten, weil ich beim Sterben aus Versehen einen der dekorativen Plastikbüsche im nachgestellten königlichen Palastgarten aus der Verankerung riss, woraufhin das mannshohe Teil quer durch die Szenerie rollte. Sah zwar lustig aus, war aber unerwünscht. Ein anderes Mal stachen sich zwei besonders engagierte Komparsen beinahe die Augen aus und mussten verarztet werden. Dann wieder zogen Wolken auf und veränderten das Licht, was zu einer stundenlangen Pause führte. Ich bekam ein Verständnis dafür, warum das Produzieren von Filme so teuer ist.

Trotz der einheitlichen Perücken sahen einige mehr wie Musketiere aus als andere. Ich passte besonders gut ins klischeehafte Bild. Das war auch den Filmmitarbeitern aufgefallen. Und so hatte ich nicht nur Massenfechtszenen zu bewältigen (wie im Trailer ab 2:30 Minuten), sondern durfte, quasi als Teil einer Komparsen-Elite, auch beim Sturm des Herrscherpalastes (ab 2:30 Minuten) am Ende des Films mitwirken. Das heißt, ich hätte können. Denn die Szene, in der die Musketiere die Schergen des bösen Kardinals Richelieu doch noch überwältigen konnten, wurde recht spät am Nachmittag gedreht – und ich war schon einigermaßen müde und hungrig. Wenige Sekunden, bevor wir auf das Kommando „Action!“ wie die Wilden durch die Gänge der Hofburg (wo einige Szenen gedreht wurden) stürmen hätten sollen, entdeckten ein Freund und ich, dass gleich ums Eck ein kleines Buffet aufgebaut war. Für die Stars. Ohnehin nur Wurstsemmeln und Red Bull-Dosen. Aber immerhin.

Nun mussten wir uns entscheiden: Hollywood oder Abendessen. Was soll ich sagen? Während der Rest der Truppe drehte, saßen wir zwei in einem finsteren Eck, stopften Semmeln in uns hinein und spülten mit Energybrause nach. Sollten doch die anderen sterben! Wir wussten: uns würden die Erinnerungen bleiben. Und die 10.000 Schilling. Wir hatten uns richtig entschieden.

LESETIPP: Weitere Storys finden Sie im Buch „Früher war ich jünger. 41 Geschichten aus dem Leben eines einfachen Mannes“, Herr Kofler, Tredition Verlag.