Seit einer Woche schliefen wir im Zelt. Irgendwo bei Moosburg in Mittelkärnten. Als „Feinddarsteller“ für die verschnöselten Jungoffiziere der Wiener Neustädter Militärakademie robbten und krochen wir tagelang durch das nasse Unterholz. Ließen uns mit Platzpatronen metzeln, gefangen nehmen und an Bäume binden.

Wir waren müde und ob heftiger Regenfälle hatten wir längst die letzte frische Unterhose verbraucht. Wir sehnten das Übungsende herbei.

Doch dann die Überraschung: Anstatt in die Heimatkaserne nach Spittal/Drau zum Duschen entlassen zu werden, erklärte uns am Sammelplatz ein schwer mit Gold auf den Schulterklappen beladener Offizier, dass wir ab sofort „im Einsatz und unter seinem Kommando“ stünden: Krieg in Jugoslawien. Potenzielle Bedrohung. Grenzsicherung.

Uns, rund 100 Kärntner „Einjährig Freiwillige“, im Schnitt 19 Jahre alt und am Beginn einer Milizoffizierslaufbahn, schlief augenblicklich das Gesicht ein. Krieg? Das kam ungelegen.

An der Grenze

Wir wurden mit unseren schmutzigen Sachen im Rucksack in den Raum Ferlach verlegt. Unvergessen: Ältere Frauen winkten uns erfreut am Straßenrand zu, empfingen uns wie einst die Alliierten. Wir weckten in ihnen wohl Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg.

Die Stimmung unter uns Soldaten war gedrückt. Wir hatten Angst, weil wir nicht abschätzen konnten, wie ernst die Lage wirklich war. In Zeiten ohne Handy und Internet war man rasch von jeder Information abgeschnitten. Würden wir alle sterben? Verdammt, ich wollte noch Kalifornien sehen!

Anekdoten

Dass die Erinnerungen an diese unruhigen Tage im Jahr 1991 heute in meinem Gehirn zu belanglosen Anekdoten zerfallen sind, liegt daran, dass sich schon bald und zum Glück aus der kollektiven Desinformation als wahrscheinlichstes Szenario herausschälte: Alles halb so schlimm. Wir waren nicht in Gefahr. Der Krieg blieb weiter südlich.

Und das war gut so. Generell gesprochen – und im Detail ganz besonders. Denn ich und der Krieg, wir waren kein Traumpaar. Einmal etwa, da fuhr ich mit einem Leutnant in einem „Haflinger“ genannten, autoähnlichen Gestell über die für den zivilen Verkehr längst gesperrte A11 Richtung Karawankentunnel, der äußersten Grenze zum kriegsirritierten Slowenien.

Der Offizier trieb das Auto an sein Leistungslimit – und darüber hinaus. Der luftgekühlte Haflinger überhitzte, gab den Geist auf. Die Lösung des Problems? Der Offizier ließ mich den Wagen, mit ihm am Steuer, rund einen Kilometer weit in der brütenden Hitze zum Tunnel schieben. Lavendel-Aufguss in der finnischen Sauna nix dagegen.

Alleine im Wald

Am nächsten Tag kam dann mein konkreter Einsatzbefehl: Mit sieben Kameraden und je 150 Schuss Munition musste ich einen Beobachtungsposten auf der Maria Elender Alm errichten und einige Kilometer Grenze überwachen. Auf 1.000 Meter Seehöhe und, der Name der Alm ist Programm, am Ende der Welt, begriffen wir rasch: Hier würde es keinen Krieg geben – wenn man jenen gegen die zahlenmäßig weit überlegene Armee der Zecken nicht zählen wollte. Bis zu 20 Stück fieselten wir Abend für Abend von unserer Haut.

Abgesehen davon war uns fad. Also machten wir das Beste aus unserem einwöchigen Zeltlager, kickten im Wald mit ungenießbaren Dosenbrot-Fußball-Laberln, ließen Zecken im Lagerfeuer explodieren und spielten Karten. Letzteres ein heikles Thema: Ich war dabei so ungeschickt, dass ich knapp 3.000 Schilling verzockte, was ziemlich genau der Prämie entsprach, die wir etwas später für unsere Grenz-Erfahrung vom Staat erhalten sollten. Ein Null-Summen-Spiel, halt mit Donnerbalken – und mühsamen Nachtschichten.

Schlechter Soldat

Denn noch schlechter als beim Kartenspielen war ich als Wachsoldat. Normalerweise hätte die Sache des nächtens so ablaufen sollen: Sieben Soldaten schlafen, einer schiebt Wache. Stündliche Ablöse. Alleine: Ich schaffte es nicht, von drei bis vier Uhr morgens alleine im Wald munter zu bleiben und Bäume beim Wachsen zu observieren. Und so bezog ich in jener Nacht um drei Uhr den Beobachtungsposten – und pennte binnen Minuten wie ein Siebenschläfer auf Vivinox. Munter wurde ich um sieben Uhr. UM SIEBEN UHR!

Kacke am Dampfen

In der Kommandozentrale im Tal blieb dies nicht unbemerkt. Schließlich hätten wir uns stündlich per Funkspruch melden sollen. Als ich schuldbewusst und mit Pulsschlag 200 meine Kriegsgefährten weckte, kam allgemeine Panik auf: Ein Wachvergehen war kein Spaß, das wussten wir. Sogar eine Vorstrafe war denkbar.

Aber wir hatten eine Idee. Rasch leerten wir die Batterie des Funkgerätes – keine Sekunde zu früh. Denn kaum, dass wir fertig warn, nahte auch schon der Dienst habende Vizeleutnant im Geländewagen und stellte uns zur Rede. Keine Ahnung, ob er unsere Story von wegen leerer Batterie glaubte. Jedenfalls gab es keinen Ärger.

Was es dafür schon gab: eine von Verteidigungsminister Werner Fasslabend unterzeichnete Urkunde. Für Verdienste um die Republik. Völlig zu Recht, wie ich meine. Und, ja: Sie dürfen mich ehrfurchtsvoll „Kriegsveteran“ nennen.

(Dieser Text erschien, leicht verändert, 2011 in der Kleinen Zeitung)

Advertisements