Ein Ford Mustang. Ich habe dieses Auto immer geliebt, fand und finde es unüberbietbar schön. Dementsprechend aufgeregt war ich, als sich vor einigen Jahren die Möglichkeit auftat, ein porno-rotes Modell zu fahren.

How come? Ich war damals Chefredakteur eines Kärntner Hochglanzmagazins und in Villach sperrte ein Autohändler auf, der sich auf US-Edelschrott spezialisiert hatte: Corvette, Hummer, Dogde RAM – und eben Mustang. Der Rest war easy und heißt in der Mediensprache „Gegengeschäft“. Inserate hin, Auto her. Und schon fuhr ich eine V8-300-PS-Karre. Was für eine Fahrer-Dynastie: Steve McQueen. Jim Morrison. Bob Seger. Herr Kofler.

Es war das, pardon, geilste Auto, das ich je hatte. Und das bei weitem dämlichste. Im Winter brachen, kältebedingt, die Plastikschalter wie Glasknochen. Einmal hatte ich den inneren Türgriff in der Hand, dann die Wippe, mit der man den Sitz vorklappen konnte, um sich auf die Rückbank quetschen zu können.

Ein anderes Mal fror die Handbremse ein und ich saß eine Stunde lang bei gefühlten minus 100 Grad und mit laufendem Motor am Rande des Weissensees fest, bis die Handbremse endlich auftaute. Mit mir im Auto: meine Frau, meine Tocher und deren Freundin. Allesamt vom Eislaufen durchgefroren und hungrig. Was haben wir gelacht. Not.

Weiters konnte man, typisch amerikanisch, nur Radiosender mit ungerader Frequenz einstellen, also zum Beispiel 90,3 MHz. Blöd nur, dass Ö3 auf 90,4 lief. Damals wurde ich zum Antenne-Kärnten-Hörer (104,9 MHz).

Am störendsten aber war der amerikanische Tankstutzen. Der passte nicht zu den europäischen Zapfpistolen. Konsequenz: die Fixierung des Abzugs, die einem normalerweise bequem das Volltanken ermöglichte, ließ sich nicht aktivieren. Wollte man Treibstoff, musste man den Finger durchgehend am Abzug lassen, was nicht ganz unanstrengend war. Nach einigen Monaten war mein rechter Zeigefinger doppelt so dick wie mein linker. 20 Deka reine Muskelmasse.

Das alles wäre schlimm genug gewesen. Leider funktionierte aber auch die Entlüftung des Tanks nicht – ein bedauerlicher Produktionsfehler der 2004er-Serie, wie mir der Händler sagte. Ließ man das Benzin im vollen Strahl in die Tanköffnung, schwappte nach genau einer Sekunde ein Großteil der Flüssigkeit zurück und man war von der Hüfte abwärts geduscht. Einzige Lösung: die Spritzpistolen-Technik. Schluckerl um Schluckerl in den Tank spritzen. Pfft – pfft – pfft. Schön langsam. Bei knapp 60 Liter Füllvolumen dauerte einmal Volltanken ziemlich genau 20 Minuten. 20 MINUTEN!

Nachtanken während der normalen Betriebszeiten war nur möglich, wenn man damit umgehen konnte, dass Skoda- und Daihatsu-Fahrer lässig das Seitenfenster runterkurbelten und wohldosierte Provokationen wie: „Na, hat er Schluckauf?“ zum Besten gaben.

Ich steuerte Tankstellen gundsätzlich nur noch in den sehr frühen Morgenstunden oder knapp vor Mitternacht an. Und dann stand ich dort – pfft, pfft -, alleine im Dunkel der Nacht, mit – pfft, pfft – schmerzendem Zeigefinger und – pfft, pfft – verwünschte diese Ausgeburt minderwertiger – pfft – amerikanischer Ingenieurskunst. Doch kaum, dass ich meine rechte Hand wieder einigermaßen bewegen und ergo den ersten Gang (Aluminium-Schaltknüppel!) einlegen konnte, war der Zorn verflogen, hatte der Mustang mein Herz wieder erobert. Was für ein Sound, was für eine Beschleunigung. Man konnte diesem Wagen einfach nicht böse sein.

Gut, im Winter waren die 300 PS auf der Hinterachse nicht so ideal. Ab ungefähr 10 Stundenkilometer stand man in jeder Kurve quer. Ich habe mich in desem Jahr sicher 50 Mal gedreht. Mehr als 30 km/h hatte ich nie drauf. Ich schwöre!

Höhepunkt der Peinlichkeit: in meinem Heimatdorf musste ich bei leichtem Schneefall vor einem Bahnschranken halten. Die Straße hatte eine Steigung von maximal 5 Prozent. Zu viel für mein Musclecar. Anfahren? No way. Die 300 PS fuhren ins Leere, die Reifen drehten durch, die Hinterachse schwamm von links nach rechts und wieder zurück. Ich musste alle Autos hinter mir, durchwegs gute (und hämisch grinsende) Bekannte, vorbeiwinken, dann ins Flache zurückrollen und mit Schwung die Defacto-Null-Steigung bewältigen. Eine Demütigung der Extraklasse.

Das Ende kam unerwartet. Der Händler legte eine spektakuläre Pleite hin, mein Mustang kam in die Konkursmasse. Auch wenn ich meinen Nachfolger am Steuer und überhaupt alle Mustangfahrer eigentlich aufrichtig bedauern müsste: Noch heute sehe ich jedem dieser Autos schmachtend hinterher. Es stimmt: Wahre Liebe geht durch den Wagen.

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Bild

Herr Kofler und sein Mustang. So schön, so schlecht (das Auto!)

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