Die Zeiten als Freier Journalist in Kärnten waren mühsam. Meist gab es mehr Monat als Geld und so richtig prickelnd waren die Themen, über die man schreiben konnte, auch nicht: Jubiläen, Gemeinderatssitzungen, Sonntagsreportagen über alte Menschen, die – als letzte auf der Welt, ALS LETZTE! – irgendwelche Handgriffe beherrschten, die niemand mehr brauchen konnte.

Umso erfreuter war ich, als ich Mitte der Neunziger-Jahre von der Kleinen Zeitung das Angebot erhielt, für eine Reisereportage nach Kenia zu fliegen. So geht Abwechslung! dachte ich, ließ mir 43 Impfungen in den Oberarm jagen und packte den Koffer.

In der Folge schildere ich fünf Episoden, die mir von dieser Afrika-Erfahrung in Erinnerung geblieben sind.

1. Der Pilot

Von Graz flogen wir, eine Runde von rund zehn Journalisten, nach Mombasa am Indischen Ozean, von dort ging es weiter in das Naturschutzgebiet Masai Mara. Löwen würden wir zu sehen bekommen, Flusspferde, Elefanten – alles praktisch, was Afrika ausmache, sagte der Mann vom Reiseveranstalter „African Safari Club“, ein, wie der Name schon sagt, Schweizer Unternehmen. Ich fand das spannend. So wie den kleinen Flieger, der uns in die Wildnis bringen sollte. Sehr neu sah der nämlich nicht mehr aus. Und die Bretterwand, die das Cockpit vom Passagierraum trennte, war auch nicht wirklich eine Maßnahme zur Vertrauenssteigerung. Wirklich beunruhigt war ich aber erst nach ca. 30 Flugminuten, als sich die Spanholztür langsam öffnete und mir den Blick auf den Piloten freigab. Auf den schlafenden Piloten. Ich weiß nicht, ob mein spitzer Schrei den Mann geweckt hat oder der kräftige Schubser, den ihm der Reiseleiter darob verpasste. Anyway, wir landeten sicher.

2. Kopulierende Flusspferde

Die anderen Journalisten schienen in Ordnung zu sein. Vor allem mit dem Kollegen einer bestimmten Bundesländerzeitung verstand ich mich von Anfang an gut. Nachdem wir unser hemingway-reifes Zeltlager bezogen hatten, machten wir zwei uns daran, die Umgebung zu erkunden. Wir waren kaum fünf Minuten unterwegs, als wir Zeugen eines bizarren Liebesaktes wurden: zwei Flusspferde ließen in einer trüben Wasserlacke ihren Trieben freien Lauf, kopulierten vor unseren Augen. Was für ein Schauspiel! Er von hinten auf sie gestützt, zwei Ungetüme, so beweglich wie aufeinandergestapelte Baucontainer, dazu die seltsamen Geräusche animalischer Ekstase. Fasziniert standen wir da, Voyeure der Wildnis. Wir wussten, wir wohnten einem Höhepunkt bei.

3. Nachts im Jeep

Ein Programmpunkt war der Besuch eines Folkloreabends eines Massai-Stammes. Mit drei Jeeps mussten wir eine halbe Stunde lang die Wildnis queren. Die Fahrer, Einheimische, hatten Gewehre dabei. „Man kann nie wissen“, baute der Reiseleiter die Spannung auf und blickte in die Weite: „Da draußen leben Wildkatzen…“ Um es kurz zu machen: Der Touristen-Tanz um das Feuer war so spannend wie der Auftritt einer Schuhplattlerrunde im Kärntner Gegendtal. Dann aber kam die Heimfahrt. Es war stockdunkel, die Jeeps hoppelten über die Feldwege, hielten großen Abstand zueinander. Ich, mein neuer Freund und zwei weitere Journalisten saßen auf den hinteren Reihen jenes Wagens, der als letzter fuhr. Und dann passierte es: Unser Licht fiel aus, an Weiterfahren war nicht zu denken. Also standen wir um Mitternacht in der kenianischen Wildnis. Und mussten warten. Bis der Fahrer im Jeep vor uns bemerkte, dass hinter ihm kein Licht mehr zu sehen sei. „Dann kommt er zurück und wir könnten im Konvoi heimfahren“, erklärte unser Fahrer.

Man muss allerdings sagen: Der Fahrer vor uns dürfte sehr schlechte Augen gehabt haben. Jedenfalls bemerkte er unser Fehlen lange nicht. Und so warteten wir. Und warteten. Es war still, unheimlich still. Nur da und dort hörte man seltsame Geräusche, bei jedem einzelnen fuhren wir vier Europäer nervös hoch. Der Fahrer blieb gelassen. Ein leichter Wind blies.

Ich versuchte, cool zu spielen. Auch wenn ich überzeugt war, dass es sich vermutlich nur um Sekunden handeln konnte, bis ein Rudel Löwen über uns herfiel und uns auffraß. Was ich an dieser Stelle noch anmerken sollte: die Jeeps waren Cabrios. Wir saßen im Freien.

Ein Wiener Kollege, er ist vor kurzem in Pension gegangen, begann die Nerven wegzuschmeißen: eine Sauerei sei das, eine unprofessionelle, tobte er, ihn hier in Todesgefahr zu bringen. Er werde sich beschweren. Er wurde immer lauter, obwohl ihn der Fahrer händeringend bat, still zu sein. „Jetzt halt einmal die Pappn“, fuhr ich den Nervler an. Für uns war längst klar: Sollten Löwen kommen, würden wir ihn opfern. Er hatte den Tod verdient.

Statt Raubkatzen kamen dann doch noch die anderen Jeeps retour. Wenig später waren wir in Sicherheit. Ein Kollege aber, es war ausgerechnet der von der renommiertesten Zeitung auf dieser Pressereise, hatte für den Rest der Reise sein Ansehen verloren.

4. Der kackende Elefant

Rundfahrt in einem Nationalpark. 10 Löwen, 100 Giraffen, 1000 Impalas. Eh nett. Allerdings gilt auch in Afrika: kennst du ein Viech, kennst du alle. Und so hoppelte der Jeep dahin, während wir uns langweilten und von klimatisierten Hotelbars und gekühltem Bier träumten.

Es bliebe einem Elefanten vorbehalten, uns ins Jetzt des stickig-heißen Parks zurückzuholen. Denn das Tier stürmte wie wild auf uns zu. Also zum Glück nicht direkt auf den Wagen, sondern auf die freie Fläche vor uns. Der Elefant versperrte uns den Weg, wir hielten an. Abstand Tier zu Wagen? Vielleicht 50 Meter. Und dann setzte ein Spektakel ein, das ich rückblickend nur als Protest gegen den Massentourismus in Kenia interpretieren kann: Uns das Hinterteil entgegenreckend, begann der Riese sich zu entleeren. Kackte und urinierte. Endlos lange. Ich übertreibe nicht, wenn ich schreibe, dass der Elefant ganze Berge schiss und reißende Flüsse pisste. Wir waren angewidert und fasziniert zugleich. Kaum, dass der Elefant fertig war, verschwand er schnurstracks wieder im Busch. Sogar der Fahrer, ein Kenianer, der seit vielen Jahren im Park mit Touristen im Kreis fuhr, sagte, dass er so etwas noch nie erlebt hatte.

Ich habe damals mit meiner Kamera Bilder geschossen. Eines, das die elefantösen Verrichtungen besonders deutlich zeigt, hängt in der Toilette meiner Villacher Wohnung. Ich habe es beschriftet mit „Ergebnis gewöhnliche Geschäftstätigkeit“.

5. Alleingang in Mombasa

Mein Freund von der Bundesländerzeitung, man muss es so klar sagen, sprach dem Alkohol zu. Anders formuliert: er soff wie ein Loch. Das fiel vor allem in den drei Tagen auf, die wir in Mombasa verbrachten. Das Programm dort war sterbenslangweilig. Wir wurden von Hotel zu Hotel gekarrt, eines hässlicher als das andere. Am Abend des ersten Tages warnte uns der Reiseleiter: „Gehen Sie nicht alleine in die Stadt. Mombasa bei Nacht kann gefährlich sein. Ich warne Sie: Keine Nachtclubs, keine Mädchen!“ Wir alle ließen uns beeindrucken, blieben im Hotel. Alle? Nein. Mein Kumpel zog los. Alleine. Raus ins Finstere und rein in die erste Bar.

Am nächsten Tag erschien er nicht zum vereinbarten Abfahrtstermin. Wir fuhren ohne ihn los.

Am übernächsten Morgen, es war der Tag des Heimfluges, war der abtrünnige Kollege plötzlich wieder da. Mit total zerstörter Frisur, schmutziger Kleidung und knallrot im Gesicht. „Wo warst du?“ fragte ich ihn aufgeregt. „Keine Ahnung“, antwortete er: „Ich bin auf ein paar Bier gegangen, habe Einheimische kennen gelernt und bin mit ihnen um die Häuser gezogen. Es war großartig.“ Er hatte mehr als 30 Stunden durchgemacht, gesoffen, Karten gespielt, getanzt und irgendjemandem aus Dankbarkeit seine Uhr geschenkt.

Alle seien sehr nett zu ihm gewesen. „Du bist verrückt“, sagte ich und schüttelte den Kopf. In Wirklichkeit bewunderte ich ihn sehr. Tue ich auch 20 Jahre später noch. Er hat Kenia wirklich gesehen. Ich nur kopulierende Viecher im Schweizer Dschungelcamp.

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