Die Meldung stach aus den üblichen Unfall- und Diebstahl-Einspaltern in der Tagespresse hervor: Kärnten geht der Samen aus, das Land vereinsamt gewissermaßen. 2008 war das. Der Leiter einer Klagenfurter Kinderwunschklinik machte in einem aufsehenerregenden Interview darauf aufmerksam, dass es weit mehr Paare gibt, die auf künstliche Befruchtung angewiesen seien, als gut gekühltes Rohmaterial zur Verfügung stünde. Die Feuerwehr mit ihren Männern, richtete der Mediziner schließlich seinen verzweifelten und möglicherweise kommerziell motivierten Appell an die Öffentlichkeit, möge aushelfen. Von der „Bild“ in Deutschland bis zur britischen „Sun“ – die redaktionellen Boulevard-Sensoren schlugen verlässlich an: Jedes nur erdenkliche Wortspiel mit den Begriffen „spritzen“ und „Schlauch“ wurde von geifernden Ressortleitern zum Druck freigegeben.

Dann meldete sich die Kärntner Katholische Kirche zu Wort. Diese Art der Schwangerschaft, die künstliche Befruchtung also, sei wider die Natur und ergo vehement abzulehnen.

Hmmm, dachte ich mir.

Ich war Chefredakteur des regionalen Magazins „Kärntner Monat“, das sich im Besitz des Medienkonzerns Styria befand. Katholischer Pressverein also. Kircheneinfluss, frage nicht. An dieser Stelle ein wichtiger Hinweis: Man kann in der Styria vieles machen. Aber wenn man für sich eine Karriere eingeplant hat, sollte man bei gewissen Fragen rund um religiöse Werte nicht allzu meinungsautark sein.

Und jetzt also dieses Befruchtungsthema! Ich wusste, was ich zu tun hatte.

Zwei Tage später stand ich vor der Kinderwunschklinik. Ich hatte mich zum Samenspenden angemeldet. Mit Fotografen. Denn ich wollte eine Reportage über meinen Akt der Nächstenliebe machen.

Ich war der einzige Mann im Wartezimmer. Ein paar Frauen, ein riesiger Teddybär (keine Ahnung!) und ich. Dann kam der Arzt und reichte mir ein Plastikgefäß. Die Damen taten so, als würden sie nicht hersehen. Das Gefäß war übrigens riesig. Meine Frage, ob denn auch Elefanten zum Samenspenden kämen, lockerte die Situation nur unwesentlich auf.

Der Arzt begleitete mich ins Séparée: ein winziger Raum mit einer roten Kika-Couch, einem Flachbildschirm und ein paar expliziten Magazinen. Die Tür hatte an der Stelle, an der sich das Schloss befinden sollte, ein bierdeckelgroßes Loch. „Wir renovieren gerade“, erklärte der Arzt, „das Schloss wird erst in den kommenden Tagen eingebaut.“ Tag der offenen Tür quasi.

Ich riss einen Zettel aus meinem Notizblock, schrieb „Man at work“ drauf und klebte ihn mit einem Stück Kaugummi außen an die Tür. Dann drehte ich den Fernseher auf. Ein Schwarzweiß-Porno. Mit Dialogen. Praktisch Kunst. Unbrauchbar.

Der Fotograf erledigte rasch seine Aufnahmen, der Job war ihm sichtlich unangenehm. Dann ließ er mich alleine zurück in meinem Elend.

Da saß ich nun auf der Lederimitatcouch. Draußen hörte ich die Frauen im Wartezimmer.  An der nicht versperrbaren Tür mit Glory Hole gingen ständig Arbeiter vorbei. Im TV-Gerät bestieg ein Hengst eine Silikongöttin. Ohne Ton. Den hatte ich weggemacht, das Gestöhne war mir peinlich. Eines war klar: Diese Arbeit würde schwer von der Hand gehen.

Einige Minuten, ok, viele Minuten später ging ich, an den Frauen im Wartezimmer vorbei und mit dem Riesengefäß in der Hand, in den Laborraum des Arztes. Eine erste Schnelluntersuchung meiner Arbeitsprobe ergab: Ich war hochfruchtbar, der ideale Samenspender. Meine bloße Anwesenheit in einem Raum könnte zu Massenschwangerschaften führen. Also fast. Der Arzt war begeistert. Ich möge bald wiederkommen und wieder kommen, meinte er.

Vorerst galt es aber, anderes zu tun. Ich schrieb meine Reportage, sie wurde vier Seiten lang, ihr Titel lautete: „Stark im Kommen“. Es wurde ein Plädoyer für die künstliche Befruchtung.

Noch nie hatte ich auf eine Story so viele positive Reaktionen erhalten. Etliche kinderlose Paare bedankten sich. Die katholische Kirche zürnte (aber überraschend wenig). Und ja, freilich: Ein Arbeitskollege nannte mich eine Zeit lang „Wichser“.

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