Das Erste, so viel war klar, das erste, was meine ungeborene Tochter Hannah hören sollte, musste gute Musik sein. Richtig gute Musik. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Mozart oder ähnlichem Geklimper und Gefudel! Natürlich kam nur, ich betone “nur”, Willy deVille in Frage. Dem war ich damals, an der Jahreskippe von 1996 zu 1997, schon seit zehn Jahren verfallen (ich bin es heute noch) und ich hatte die Vorstellung, dass ich jenes Glück, das ich bei so vielen deVille-Songs verspürte, an mein Kind weitergeben könnte. Ich halte Nummern wie „Mixed Up, Shook Up Girl“,„Spanish Stroll“ oder „This Must Be the Night“ für unerreicht gelungen. Optimal also für das Früchtchen meiner Lenden.

Der Konzerttermin im Grazer Orpheum war an einem Wochenende. Meine hochschwangere Frau Barbara sah bereits aus, als hätte sie einen Basketball verschlungen – es war also klar, dass wir Sitzplätze benötigen würden. Ich plünderte mein Geldtascherl und kaufte uns eine dieser romantischen Logen, die das Orpheum von den hässlicheren Veranstaltungssälen hierzulande unterscheiden. Die erste Loge links neben der Bühne.

Und dann begann die Band zu spielen.

Um es kurz zu machen. Es war das beste Konzert meines Lebens. DeVille befand sich in seiner Prime, die Band um den französischen Ausnahme-Gitarrist Freddie Koella (der später immerhin mit einem gewissen Robert Allen Zimmerman um die Welt tourte) spielte, als gäbe es kein Morgen. Bei bestimmten Songs, die mir besonders ans Herz gingen, legte ich meine Hand auf den Bauch meiner Frau. So, als ob ich damit eine bessere Verbindung zu Hannahs Ohren herstellen könnte. Sie sehen: Romantik? Kann ich.

Glücklicherweise war es ziemlich dunkel in der Loge. Denn ich habe vermutlich vier Fünftel der Zeit still vor mich hin geweint. Es war ein perfekter Moment – und er dauerte zwei Stunden lang. Ich war überwältigt. Von den rund 150 Konzerten, die ich bisher gesehen habe, ist nie wieder eines auch nur in die Nähe dieser Intensität gekommen.

Ich fuhr gegen Mitternacht mit dem Wissen heim, dass ich nicht nur mir, sondern auch meiner Tochter etwas Gutes getan hatte. Sie musikalisch auf den richtigen Weg geführt hatte.

18 Jahre sind seither vergangen. Hannah hört heute Hard Rock, Punk und Grunge. Sie hasst Willy deVille.

Tipp: 40 weitere Texte finden Sie im Buch „Früher war ich jünger. 41 Geschichten aus dem Leben eines einfachen Mannes“ (Tredition Verlag)

Foto Kopie 2

Eintrittskarte: In der linken Hausloge des Orpheums in Graz erlebte meine Tochter ihr erstes Konzert. Im Bauch ihrer Mutter. Das Ereignis hinterließ wenig Eindruck.

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