Ende der Neunzigerjahre. Ich arbeitete bei der Kleinen Zeitung, als der Chefredakteur die  versammelte Redaktion fragte: „Wer will mit Armin Assinger in einer Saab 105 fliegen?“ Betretenes Schweigen, betont unauffällige Blicke,  niemand meldete sich. Ob das an Assinger oder am alten Militär-Jet lag? Keine Ahnung. Letztlich war ich es, der sich erbarmte.

Zwei Stunden später fand ich mich auch schon in der „VIP-Schaukel“ wieder. So nannte man beim Heer die viersitzige Saab, eine Sonderanfertigungen, ursprünglich zu Ausbildungszwecken konstruiert, die zusätzlich verwendet wurde, um Promis die Welt von oben zu zeigen. Assinger hatte den Flug zum Geburtstag geschenkt bekommen. Und weil der Platz neben ihm frei geblieben wäre, hatte das Heer die größte Zeitung Kärntens eingeladen. Danke auch!

„Ihr werdet 15 bis 20 Minuten in der Luft sein, nicht länger“ zwinkerte uns der Presseoffizier beim Briefing auf der Rollbahn zu. Assinger und ich, beide in kurzen Hosen (es war Hochsommer), lachten souverän.

Es sollte das letzte Lachen an diesem Tag sein.

Als die Saab dann über die Klagenfurter Rollbahn hinausdonnerte und abhob, war uns augenblicklich klar: Das wird bitter. Sehr bitter. Der Flug sollte, entgegen der Ankündigung, fast eine Stunde dauern. Die – zum damaligen Zeitpunkt – längste Stunde meines Lebens. Wir flogen vom Großglockner bis zum Murtal, kreuz und quer. Als Feinddarsteller in einer Heeres-Übung, wie uns der Pilot erst nach einiger Zeit erklärte.

Es war schrecklich. Wenn man das Fliegen in einem Jet nicht gewöhnt ist, hat der Körper massive Probleme mit Tempo und Fliehkraft. Ich war schweißgebadet, mir war übel, ich wollte raus. Egal, in welcher Höhe. Gerne auch ohne Fallschirm. Ich war bereit, vor den Herrn zu treten.

Doch vergleichweise war ich in Topform. Denn Assinger, dem ehemaligen Schirennläufer, ging es weit dreckiger als mir. Nach etwa 20 Minuten knickte er ein – und griff erstmals zu einem der Speibsackerln, die sich an der Rückenlehne der Pilotensitze befanden. Sie waren überraschenderweise von der Lufthansa.

Assinger füllte unter lautem Würgen das erste Sackerl. Dann das zweite. Die Geräuschkulisse und der säuerliche Geruch, der sich im Cockpit verbreitete, machte es auch für mich nicht leichter. Wir mussten ein erbärmliches Bild abgegeben haben: Der große Sportler erbrach sich unentwegt, der kleine Reporter daneben versuchte schwitzend und pressatmend, den letzten Rest von Fassung zu bewahren. Dass ich es fast 30 Minuten lang geschafft habe, dem Co-Piloten nicht ins Kreuz zu kotzen, betrachte ich bis heute als eine meiner stärksten Willensleistungen.

Gegen Ende des Fluges hatte Assinger alle verfügbaren Behälter in der Saab vollgekotzt. Er hatte alles gegeben. Sprichwörtlich das Letzte aus sich herausgeholt.

Nach gefühlten drei Tagen setzt die Saab endlich zur Landung an. Blöderweise hatte der Presseoffizier, der den Flug organisiert hatte, Rundfunk und Zeitungen informiert. Und so waren eine ORF- und mehrere Fotokameras auf uns gerichtet, als Assinger und ich, durchnässt wie nach einem Dampfbadbesuch und aufeinander gestützt wie Kriegsverletzte, über die mobile Treppe aus dem Jet zum Asphalt hinuntertaumelten. Himmelhunde auf dem Weg aus der Hölle.
Assinger gab keine Interviews. Wie hätte er auch sollen? Er konnte nicht mehr sprechen. Die Komantschen hatten ausgepfiffen. Die Presse verzichtete anständigerweise darauf, am nächsten Tag Fotos von uns abzudrucken.

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