Herr Kofler wird zum Brasilianer

Ich war zu spät. Wie so oft. Und da kannte meine Altherren-Fußballmannschaft kein Pardon. Wer unpünktlich war, kam auf die Ersatzbank.

Während sich also meine Kollegen in Fürnitz gegen das heimische Senioren-Kicker-Ensemble abmühten, stand ich damals, es muss vor rund zehn Jahren gewesen sein, am Spielfeldrand. Dressenleiberl lässig über der Hose, die Socken runtergerollt, die Schienbeinschützer nicht fixiert.

Knapp 30 Minuten waren gespielt. Und schön langsam kamen die Stars des Nachmittags aus den Kabinen. Die Kampfmannschaft des FC Kärnten, damals einer der zehn besten Vereine Österreichs. Diese Profis sollten ihr Testspiel – es war knapp vor Meisterschaftsbeginn – nach uns absolvieren.

Der Reihe nach kamen die aus TV und Radio einigermaßen bekannten Spieler aus dem Kabinentrakt, um sich aufzuwärmen. Um zum Trainingsplatz zu gelangen, mussten sie an mir vorbeigehen. Sie kannten mich nicht. No na. Aber ich hatte gerade begonnen, aus Langeweile mit dem Ball zu peppeln, wie man im Renn-Englisch sagt. Linker Fuß, rechter Fuß, Knie, Schulter, Kopf, Brust, Ferserl. Das klappte, sah auch cool aus. Ich war zwar nie ein guter Kicker gewesen, aber ich konnte den Ball obenlassen. 200 Mal peppeln, bitte gerne. Geht auch heute noch.

Und jetzt muss man wissen, dass damals in der Kronenzeitung gestanden hatte, dass der FC Kärnten sich zu verstärken gedachte. Mit einem Brasilianer. Von dem man nichts wusste. Von dem man kein Foto kannte. Die Profikicker blieben stehen und begannen zu murmeln: „Meinst, ist das der Neue?“ – „Könnte sein.“ – „Schaut nicht sehr durchtrainiert aus.“ – „Aber der Ball pickt am Schuh.“ Ich begann zu verstehen. Sie hielten mich, den schwarzhaarigen Vorstadtkicker mit den algerischen Vorfahren, für ihren Brasilianer. Hä hä. Das konnte lustig werden!

Ich ging das volle Risiko. Schwierigere Tricks. Fast alles klappte. Es lief. Ich gab mich betont lässig und arrogant. Schließlich war ich Brasilianer vulgo Fußballgott. Jede meiner Bewegungen wurde argwöhnisch beobachtet. Dieser Irtum – er war herrlich.

Während ich noch darüber nachdachte, wie ich aus dieser kleinen Vortanznummer unbeschadet rauskam, klärte sich die Szenerie von selbst. Ein alter Bekannter, er war im Trainerstab der Profikicker, hatte die absurde Situation erkannt. „Das is kein Brasilianer“, lachte der seine Spieler aus, „das ist der Kofi aus Villach.“ Betretenes Schweigen bei den Profikickern.

Zum Glück haben sie etwas später nicht gesehen, dass ich in der zweiten Halbzeit bei meinen alten Herren als Außendecker eingesetzt wurde und enorme Schwierigkeiten mit einem Stürmer hatte, der an die 60 Jahre alt war und Brasilien bestenfalls vom Strandurlaub kannte.

Herr Kofler spielt ein falsches Spiel

Wenn es in meiner Jugend etwas gegeben hat, das ich mit der größtdenkbaren Leidenschaft getan habe, dann war dies Fußballspielen. Drei Mal pro Woche Training, ein bis zwei Spiele am Wochenende – mein Glück war vollkommen.

Der nach innen gerichtete Profit war deutlich größer als der äußerlich wahrnehmbare Nutzen. Anders gesagt: Ich war kein besonders guter Kicker. Nicht, dass ich peinlich schlecht gewesen wäre. In einer guten Saison als Stürmer traf ich 20 Mal, in einem erfreulichen Jahr als Außendecker war ich eine verlässliche Kampfmaschine am Rande der permanenten Körperverletzungsgefahr für den Gegner. Aber in Summe muss man sagen: Eine Karriere als Profifußballer wäre so realistisch gewesen wie ein Lottosechser für jemanden, der nicht Lotto spielt.

Falsches Spiel

Und doch gab es bei den rund 300 Meisterschaftsspielen, die ich absolviert habe, auch richtig große Momente. Das seltsamste Highlight hatte ich unter falschem Namen. Als Manfred Posratschnig.

So hieß ein Schulfreund, den ich einst dazu brachte, sich bei meinem Heimatverein SC Magdalen (am östlichen, am „wilden“ Villacher Stadtrand) anzumelden. Manfred fand dann wenig Spaß am Spiel, er beendete seine Laufbahn nach ein paar Matches. Was aber von ihm blieb – sein Spielerpass.

Und so trug es sich zu, dass im Laufe der Jahre so gut wie jeder Fußballer in St. Magdalen einmal als Manfred Posratschnig einlief. Entweder, weil er unter richtigem Namen eine Sperre abzubüßen hatte. Oder weil er gar kein gemeldeter Kicker war. Oder weil er im Nachwuchs bei einer Mannschaft aushalf, für die er, laut Regelment, schon zu alt gewesen wäre.

Genau so ein Fall trug sich damals zu. Ich war zufällig am Sportplatz, als die Jugendmannschaft (U16) zu einem Auswärts-Spiel abfahren wollte. Allerdings war der Tormann nicht erschienen. Blöde Situation. Der Trainer fragte mich, der ich eigentlich ein Jahr zu alt für die „Jugend“ war, ob ich helfen könnte. Als Manfred Posratschnig. Ich sagte zu. Logisch für einen, der noch nie im Tor gestanden hat.

Wir fuhren nach Unterkärnten, nach Völkermarkt. Dazu muss man wissen: Völkermarkt hatte damals eine atemberaubend starke Mannschaft. Vor allem der Stürmerstar, Petschenig hieß er, überragte alle. Er galt als eines der größten Talente im Kärntner Nachwuchssport.

Jetzt natürlich super Konstellation: Dort der beste 16-jährige Goalgetter des Landes, hier ein Tormann, der seine Premiere feierte und nicht einmal Handschuhe hatte. Also doch, ich hatte schon Handschuhe, aber halt keine Fußballtormann-Handschuhe, sondern knallgelbe Schihandschuhe. Das war alles, war wir in unserer Eile vor der Abfahrt fanden. Und, erschwerend: die Handschuhe waren nicht nur viel zu groß, sondern auch steif wie Bretter, die Finger ließen sich nicht abbiegen.

Angekündigtes Drama

Beim Einschießen vor dem Spiel offenbarte sich mein Unvermögen. Jeder Schuss ein Treffer. Das konnte heiter werden.

Was dann geschah, verstehe ich heute noch nicht.

Ich hielt alle Schüsse, alle Kopfbälle. Mit den Händen, mit dem Brustkorb, mit dem Gesicht. Was Petschenig und Konsorten auch versuchten, sie fanden in mir ihren Meister. Ich sprang herum wie ein mexikanischer Nachwuchs-Torhüter auf LSD. Unvergessen ein exzellent gesetzer Kopfball (bodenauf!), den ich mit einem Beinreflex parierte, für den mich Andre Heller sofort für seine Begnadete-Körper-Show engagiert hätte. Höhepunkt war dann ein Alleingang Petschenigs, den er mit einem scharfen, präzisen Schuss abschloss. Ich drehte ihn mit Hilfe meiner steifen Handschuhkuppen um geschätzte drei Millimeter an der Torstange vorbei.

Wir spielten gegen die hochfavorisierten Völkermarkter 1:1. Jubel ohne Ende.

Kehrseite der Medaille: Mir tat alles weh. Ich hatte falsch zum Ball gegriffen, weshalb die Finger schmerzten; mich schlecht abgerollt, weshalb das Kreuz weh tat; mir von den vielen Ausschüssen eine Zerrung im rechten Oberschenkel geholt; und dann war da noch eine geschwollene Wange, weil ich einen Schuss falsch berechnet und ins Gesicht bekommen hatte.

Aber ich war glücklich.

In den folgenden Tagen dachte ich ernsthaft darüber nach, künftig als Tormann zu spielen. Daraus wurde nichts. „Du bist 1,70, mach dich nicht lächerlich“, fand mein Trainer psychologisch wertvolle Worte. Also blieb ich Feldspieler.

Trauriges Comeback

Ins Tor stellte ich mich nur noch einmal. Knapp 25 Jahre nach dem Triumph von Völkermarkt. Bei einem internationalen Altherren-Turnier in Kitzbühel. Wie es lief? Ich kassierte ein Tor nach dem anderen. Ich war eine Witzfigur. Als mir ein Mann jenseits der 60 ein Tor aus gut 20 Metern Entfernung machte, das überhaupt nur möglich war, weil im Torraum kein Gras wuchs, das den 5-Stundenkilometer-Schuss hätte stoppen können, wusste ich: Mit der Entscheidung, nicht Tormann zu werden, hatte ich mir und meinen Mitspielern viel Kummer erspart.

Herr Kofler debütiert in der Landesliga

1988 war für Villach ein desaströses Jahr. Das Zellstoffwerk im Stadtteil St. Magdalen, meiner Heimat, ging pleite. Für damalige Verhältnisse unvorstellbare 1,2 Milliarden Schilling versenkte die SPÖ-Landesregierung in die vermeintliche Rettung der Fabrik. In gutem Glauben, doch ohne Verstand. Am Ende waren Hunderte arbeitslos – und mein Fußballverein SC Magdalen stand ohne Sponsor da. Was in der Landesliga, deren Meister damals noch, als es keine Regionalliga gab, direkt in die 2. Division aufstieg, ein echtes Problem darstellte. Die zusammengekaufte Söldner-Kampfmannschaft löste sich in der Winterpause in Luft auf, 20 Kaderspieler verließen den Verein. Kein Geld, keine Kicker, keine Chance auf Klassenerhalt – dennoch musste die Meisterschaft fertig gespielt werden.

Also mussten wir Jungen ran. Fast die gesamte Juniorenmannschaft trat fortan, unterstützt von gerade einmal drei bis vier Routiniers, gegen regionale Giganten wie Lienz, Wolfsberg und den Slowenischen AK an.

HART, ABER HERZLOS

Ich war gelernter Außendecker. Old school. 90 Minuten Manndeckung, jeden Ball hoch nach vorne schlagen und dem gegnerischen Stürmer Schmerzen zufügen, ohne die Rote Karte zu erhalten – meine Fähigkeiten waren rasch aufgezählt. Dennoch feierte ich im Frühjahr 1989 gegen den SC Hermagor mein Debüt in der Kampfmannschaft.

Ich wurde nach 37 Minuten eingetauscht. Zu diesem Zeitpunkt hatte mein Gegenspieler, ein Stürmer der Kärntner Auswahl namens Ruppnig, meinen Vorgänger als Außendecker bereits schwindlig gespielt und zwei Treffer erzielt. Der Mann war gefürchtet schnell und gnadenlos vor dem Tor.

Um ehrlich zu sein: Ich war entsetzt, als ich eingewechselt wurde. Ich hatte keine Chance, das war klar. Mit 16 Jahren und null Erfahrung? Ruppnig würde mich als Nachmittagsjause verzehren…

ZWEIKAMPFSIEGER

Doch dann geschah Seltsames. In meiner Verzweiflung gelang mir alles. Ich gewann jeden Zweikampf, grätschte, rutsche, trat und foulte wie ein alter Fuchs und brachte Rupnig schließlich sogar dazu, in der 80. Minute, einigermaßen körperlich beeinträchtigt und deprimiert, das Spielfeld zu verlassen.

Hermagor hatte freilich andere Wege gefunden, uns zu schlagen. Wir verloren 0:6. Doch am nächsten Tag, als ich die Kleine Zeitung aufschlug, war ich baff, stolz und alles: als einziger Spieler des SC Magdalen war ich in fetten Lettern gedruckt. Das hieß: Der Beobachter der Zeitung hatte mein Spiel für gut befunden.

Es blieb bei diesem lächerlichen Minimum an sportlichem Ruhm. Ich wurde, zu Recht, nie wieder dick gedruckt und verlor ein paar Spiele später mein Stammleiberl. Den Ausschnitt aus der Kleinen Zeitung besitze ich heute noch.

Rares Bilddokument: Herr Kofler beim Kicken
Rares Bilddokument: Herr Kofler beim Kicken

Herr Kofler erhält einen Brief – und krempelt sein Leben um

Folgen Sie mir auf die Terrasse meiner Wohnung in Villach. Wir haben den Heiligen Abend des Jahres 2013. Es ist bitterkalt, und während Frau und Tochter im Wohnzimmer Geschenke auspacken, stehe ich, von den beiden unbemerkt, auf unansehnlichen Waschbetonplatten, an den in die Jahre gekommenen Thermoputz gelehnt und weine in den Sternenhimmel hinaus.

Jetzt weiß man: Wer sich unmittelbar nach einer Bescherung in Tränen auflöst, hat das Falsche geschenkt bekommen. Fragen Sie nur Emma Thompson in „Tatsächlich … Liebe“. Oder aber, er hat das Richtige erhalten. Wie ich.

Wenige Minuten davor hatte mir meine Tochter im Schein des Christbaumkerzenlichts ein Kuvert in die Hand gedrückt. Ich war überrascht. Geschenke haben eher von den Eltern zu den Kindern gereicht zu werden als umgekehrt, finde ich. Aber gut, damals eben Kuvert. Ich setzte mich hin, öffnete es und nahm einen A4- Zettel heraus.
Meine Tochter hatte mir einen Brief geschrieben.

Nur ein paar Sätze. Papa, schrieb sie, ich wünsche mir zu Weihnachten nur eines: dass du wieder nach Hause kommst. Und dann sinngemäß: Dass wir künftig weniger Geld haben werden, hat keine Bedeutung. Ich kann auf mein Taschengeld verzichten und samstags, neben der Schule, arbeiten gehen. Hauptsache, du bist wieder da. Du fehlst mir.

Ein Wettlauf setzte ein. Meine Beine gegen meine Tränen. Die Beine gewannen knapp. Ich war raus aus dem Wohnzimmer und auf der Terrasse, ehe ich die Kontrolle über meinen Tränenfluss verlor. Ich wollte meinen Liebsten das Weihnachtsfest nicht vergeigen.

Und so stand ich in der Kälte und musste erkennen, dass meine damals 15-jährige Tochter mehr vom Leben und den Dingen verstand, die darin wichtig sind, als ich, der ich mich immer für sehr wissend gehalten hatte.

Zu Ihrem Verständnis: Zum Zeitpunkt jenes Weihnachtsfestes war ich bereits seit zweieinhalb Jahren beruflich in Wien tätig. Es war eine logische Entwicklung gewesen: Redakteur, Ressortleiter, Chefredakteur in Kärnten. Dann Ende der Fahnenstange. Also Wien. Fein bezahlte Jobs, die mein Bedürfnis nach Anerkennung befriedigten. Sie müssen wissen, wer als Journalist nach Anerkennung strebt, wird rasch merken: vom Leser kommt die nur, wenn man in der Liga des verstorbenen Kurt Kuchs arbeitet. Und so gut war ich halt nicht.

Ich hatte mir also eine andere Kategorie des Respekt gesucht. Die Brutto- und Nettosumme am Lohnzettel. Im Wettstreit mir mir selbst machte ich es mir zum Ziel, immer mehr zu erreichen. „Running just to be on the run“, hat John Prine dazu gesungen. Der vermeintliche Respekt hatte irgendwann das Ausmaß einer sechsstelligen Jahresbruttosumme erreicht.

Aber wie „Future Island“ singen: „When people gain one piece, they lose one too“. Und so war es. Je mehr ich verdiente, desto weniger hatte ich Zeit für Frau und Kind, die in Kärnten geblieben waren. Während der Wien-Jahre arbeitete ich durchschnittlich 70 Stunden die Woche, saß Freitagabend im Zug nach Villach und Sonntagabend wieder im Zug retour. Meine Tochter sah ich manchmal zwei, drei Wochen nicht. Ich war weder bei ihrem 14. noch bei ihrem 15. noch bei ihrem 16. Geburtstag anwesend. Auch nicht beim Elternsprechtag. Oder bei ihrem ersten E-Bass-Auftritt. Und auch nicht, als der Hund starb. Ich war ein Zahnrad, drauf und dran, in meinem eigenen Moloch wie in Fritz Langs „Metropolis“ verloren zu gehen.

Der Brief meiner Tochter ohrfeigte mich in die Realität zurück. Die Zeilen waren gleichermaßen Erleuchtung wie Erlösung. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Nach den Weihnachtsfeiertagen ging ich zu meinem Chefredakteur und teilte ihm mit, dass ich die Firma verlassen würde. Sechs Monate später stieg ich zum letzten Mal in den Zug nach Villach. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben arbeitslos – und so glücklich wie schon lange nicht mehr.

Nachdem sich in Kärnten in meiner Branche herumgesprochen hatte, dass ich heimgekehrt war, trudelten tatsächlich nach und nach ein paar Jobangebote herein. Ich sagte alle ab. Drei Monate tat ich nichts, außer die Zeit mit Frau und Tochter zu genießen.

Dann nahm ich das kleinste aller Angebote an. Heute verdiene ich so wenig wie zuletzt 1997. Aber Geld spielt keine Rolle mehr. Überhaupt ist fast nichts mehr wichtig. Der Brief meiner Tochter ließ in meinem Kopf einen Schalter umfallen. Er hat meine Prioritäten zurecht gerückt. Ich bin nun da, wo ich hingehöre: bei meiner Familie. Und – tell you what: Ich habe mich nie besser gefühlt.

Herr Kofler druckt ein Foto von Stefan Petzner

Ich war ab 2004 knapp 100 Ausgaben lang Chefredakteur eines Kärntner Monatsmagazins. Die Arbeit hat manchmal Spaß gemacht und war manchmal zum Kotzen. Es war und ist für kleine Medien nicht einfach, sich eine gewisse redaktionelle Unabhängigkeit zu erhalten. Zumal im Kärnten von Landeshauptmann Jörg Haider. Alle Ressorts mit großen Werbeetats waren in freiheitlicher Hand. Wenn man sich mit der FPÖ anlegte, wie dies der „Kärntner Monat“ immer wieder tat, konnte man rasch viel Geld verlieren. Wir verloren in jenen Jahren eine sechsstellige Summe.

Meine Lieblingsgeschichte mit rechten Politrecken handelt von Stefan Petzner. Der junge Mann hatte sich in Rekordzeit an Haiders Seite zur Nummer 2 der Landeshauptmann-Partei emporgearbeitet. Und: er war eitel und extrovertiert. Für ein regionales Societymagazin der ideale Protagonist.

Eines Tages, Ende 2006, schlug eine Kollegin bei der Redaktionskonferenz die fraglos naheliegende Story „Mein 1. Mal – Prominente erzählen“ vor. Wunderbar, dachte ich, die nötige Brise Sex, harmlos dargebracht – das machen wir.

Ein paar Kärntner Promis zur Teilnahme an der Story zu bewegen, war kein Problem: Schauspielerin Julia Cencig, der damals hoch gehandelte ORF-Moderator Arnulf Prasch, „Schloss-am-Wörthersee“-Star Adi Peichl und eben Stefan Petzner. Jung, alt, Mann, Frau – die Mischung passte.

Die Promis wurden zu Einzelterminen in das Studio unserer Haus-und-Hof-Fotografin Sigrid Stippich-Guetz gebeten. Am Tag danach bekam ich von ihr eine elektronische Vorauswahl der Bilder – und war verwundert. Alle waren auf den Bildern bekleidet – nur Petzner nicht. Nackter Oberkörper, verführerische Pose, wir reden immerhin vom Obmann der Landeshauptmann-Partei.

Hmmm.
Nicht unprekär.
Was nun?

Zunächst einmal: Die Bilder passten nicht zu den Aufnahmen der anderen Promis. Aber deswegen auf fades Archivmaterial von Petzner im Sakko zurückgreifen? Noch dazu, wenn völlig klar war, dass so ein Oben-Ohne-Foto für jede Menge Aufregung sorgen würde. Und mein kleinen Magazin genau von solchen Aufregungen lebte…

Also: drucken. Und zwar groß.

Nun aber Problem Nr. 2: Der ohnehin stets sehr dünne Petzner war in jener Zeit besonders mager, dürr geradezu. Seine Rippen zeichneten sich unter der Haut markant ab, dazu der fast kahl geschorene Kopf – Assoziationen zu Lagerhäftlingen waren unvermeidbar.

Ich ließ, und das ist bisher nie erwähnt worden, jene Aufnahme, die ich zu drucken gedachte, retouchieren. Wir nahmen die Rippen etwas zurück, gaben da und dort eine Miniportion Fett aufs Gerippe. Wir holten Petzner aus dem Ästhetik-Keller. Der Pointe tat dies keinen Abbruch.

Dann machte ich die Story noch zur Titelgeschichte (wenn schon, denn schon) – und lehnte mich entspannt zurück. Den Rest würden andere für mich erledigen.

Die Kollegen in Wien funktionierten wie erwartet. Zunächst schnappte sich Petra Stuiber vom Standard das Bild und schrieb eine fette Story. Kurier, Krone, NEWS und viele anderen zogen nach. Mit Ausnahme der Krone zitierten uns alle, die Werbung war perfekt, das Magazin ausverkauft.

Sogar ein Journalist des Condé-Nast-Verlages (Vogue, GQ) – er flog extra von New York nach Klagenfurt, um für das „Details„-Magazin eine Story über die eigenwilligen Kärntner Rechts-Politiker zu machen – traf sich mit mir und klärte die Fotorechte ab.

Später wurde ein Detail des Fotos, ein tätowierter Delfin, den man auf Petzers Bauch sehen konnte, auch noch zum Zentrum eines Gerichtsverfahrens zwischen Petzner und dem Autor David Schalko, der einen, nun ja, fiktiven und wenig schmeichelhaften Roman über einen Politiker mit Delfintattoo veröffentlichte. Selbst von akademischer Seite – was würde näherliegen? – wurde das Foto beleuchtet. Als Fallbeispiel in einer Dissertation der juridischen Fakultät in Wien (ab Seite 193).

Und wie reagierte Stefan Petzner selbst auf die Veröffentlichung des Fotos? Er rief mich am Erscheinungstag des Magazins an – um sich zu bedanken.

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Ein Bild von einem Mann.
Stefan Petzner vor der Linse von Sigrid Stippich-Guetz.

Herr Kofler und sein erstes Moped

Ich bin ein Kind der Vorstadt. Vater Fliesenleger, Mutter Hausfrau. Einfache Verhältnisse. Glückliche Verhältnisse. Auch, weil meine Eltern kleinere (und größere) Spinnereien akzeptierten.

Mein erstes Moped war so eine Spinnerei. Dass ich keine Vespa fahren würde, war klar. Nichts war mir so unsympathisch wie die Söhne der Rechtsanwälte, Notare und Boutiquenbesitzer, die mit olivgrünem Parker auf Vespas mit Polini-Auspuffanlagen saßen. Für mich waren das Dolme. Ein cooler junger Mann, war ich überzeugt, fuhr kein aalglattes Markenprodukt, sondern etwas Eigenwilligeres. Etwas Räudigeres. Etwas wie eine Oscar Can Am. Klein, laut, wild. Wie ich selbst mich gerne sah.

Und ich bekam meine Oscar. Gebraucht. Um 1.800 Schilling, also rund 130 Euro. 130 EURO! Gut, um dieses Geld konnte man nicht erwarten, dass das Moped in allen Details perfekt funktionierte. Es gab etliche Defizite. OK, genau genommen funktionierte an meiner Oscar absolut gar nichts. Um sie zum Laufen zu bringen, würde man etliche Teile austauschen und ein paar gröbere Schäden beheben müssen.

An dieser Stelle kommt mein Nachbar ins Spiel. Ein pensionierter, kauziger Mann mit Goldzähnen, der stets Hut und Blaumontur trug. Obwohl gelernter Gärtner war er ein begnadeter Schrauber. Egal, ob Herd, Rasenmäher oder Atomreaktor – dieser Kerl konnte alles reparieren. Er war gerne bereit, meine Oscar fahrtauglich zu machen.

Im Keller meines Elternhauses schraubten wir das Moped auseinander. Auf mehreren Quadratmetern verteilt lag es vor uns ausgebreitet. Die Ersatzteile waren rasch besorgt. Der Rest, so schätzte mein Nachbar, sei Arbeit für zwei, höchstens drei Tage.

Allerdings gab es ein Problem. Während des Arbeitens hatten mein Nachbar und ich viel Zeit. Also begann er zu erzählen. Vom Krieg. Russland. Kälte, Hunger. Und dann die Toten. So viele Tote! Alle seine Freunde waren gefallen. Nach wenigen Sätzen begann mein Nachbar zu weinen. Dann setzten wir uns und er trank ein Bier. Und noch eines. Der Arbeitstag war damit zu Ende.

Am nächsten Tag? Sie ahnen es vermutlich schon. Arbeiten, reden, Krieg, Tote, weinen, Bier, das war’s. Wir brachten es auf eine durchschnittliche Tagesarbeitszeit von circa einer Stunde.

So ging das über Wochen. Vermutlich wurde noch nie ein Moped so langsam und unter so vielen Tränen zusammengeschraubt. Irgendwann war es aber so weit: Oscar war bereit für die erste Fahrt. Ich weiß nicht, ob Sie auch nur erahnen können, was für ein großartiger Moment das für mich war. Ich öffnete den Benzinhahn, trat ein paar Mal den Kickstart und gab Gas. Oscar funktionierte. Und wie! Nur ab Tempo 70 gab es Ärger mit der Kette. Sie sprang, wohl ob den Vibrationen, vom Kranz, was zu bemerkenswerten Unfällen führte. Ich stürzte in ein Moor, ich stürzte zwischen Bäume, ich stürzte quer über die Straße.

Die Ursache des Problems: mein Nachbar hatte den hinteren Reifen nicht ganz gerade eingesetzt. Das sagte mir zwei Jahre und etliche Stürze später ein professioneller Mechaniker. Wir hatten beim Zusammenschrauben wohl etwas zu viel geweint und Bier getrunken.

Ich nahm meinem Nachbar die lebensgefährliche Schlamperei nicht übel. Denn ich hatte viel von ihm gelernt. Seit unseren gemeinsamen Schraubertagen weiß ich immerhin, wie man eine Kupplung einbaut, dass man eingefrorene Autos in Russland mit offenem Feuer unter dem Motorblock wieder zum Laufen brachte und dass Hitler, ich zitiere, „die größte Sau auf Gottes Erdboden war“. Darüber hatte ich mir davor noch nie so richtig Gedanken gemacht.

Ich finde, für diese Art von angewandtem Geschichtsunterricht kann einem ruhig ein paar Mal die Kette vom Kranz springen.

Herr Kofler und seine Nachbarn

Als Student wohnte ich, sagen wir, nicht wirklich komfortabel. 30 Quadratmeter im 3. Wiener Gemeindebezirk. Zweiter Innenhof. Man ging also von der Straße durch das erste Haus in einen kleinen Hof, durchquerte ihn und betrat das nächste Gebäude, in dem sich meine Wohnung befand. Im Hochparterre. Mit all der Wärme, die ein darunter liegendes, hundert Jahre altes, feuchtes, modriges Kellergewölbe nach oben abzugeben imstande war. Dass man auch in warmen Zeiten in meiner Gruft, wie ich die Bleibe nannte, fror und daher immer dicke Socken tragen musste, daran hatte ich mich bald gewöhnt. Wirklich mühsam war das fehlende Tageslicht. Denn von meinen zwei Fenstern blickte ich in die nächste, vielleicht fünf Meter entferne Front eines fünfstöckigen Hauses.

Der Mini-Lichtschacht, der mich von den Nachbarn trennte, verdiente seinen Namen kaum. Wenn ich wissen wollte, wie das Wetter war, musste ich das Fenster öffnen, mich so weit wie möglich hinauslehnen und versuchen, die paar Quadratzentimeter Himmel zu deuten, die ich ganz oben zwischen den zum Fluchtpunkt zusammenlaufenden Fassadenkanten mit Müh und Not erblicken konnte. Oft genug missinterpretierte ich, was ich sah und zog meine dicke Jacke an – um dann auf der Straße zu bemerken, dass es bereits Sommer war. Auch umgekehrt: mit dem T-Shirt raus, draußen Starkregen.

DIE WOHNUNG

Die Wohnung selbst? Schritt man durch die Eingangstür, stand man mitten in der Küche, die mit einer Duschkabine und einem Waschbecken zur Allzweck-Nasszelle gepimpt worden war. Dann noch ein großzügiger, Lebens-Lern-Schlaf-mit-Freunden-Feier-Raum. Aus.

Der eine oder andere wird es bereits erahnen: es gab kein Klo. Also schon, aber halt nicht IN der Wohnung. Es war die indischer Variante: am Ende des Ganges. Und es war nicht nur mein WC, es war auch den beiden Nachbarwohnungen zugeteilt. Dermaßen elegant leite ich nun zum eigentlichen Thema dieses Blogbeitrages: meine Nachbarn. Die waren eigenwillig.

DER SÄNGER

Rechts von mir wohnte Thomas, der Sohn eines in den Neunzigerjahren sehr bekannten österreichischen Sportfunktionärs. Er war aus gutem Stall. Warum er hier in den Slums hauste, habe ich nie herausgefunden. Seine Beziehung zu den Eltern war aber, gelinge gesagt, schwierig. Was auch daran liegen mochte, dass Thomas, der offiziell Jus studierte, im Wesentlichen nichts tat. Nichts, außer singen und Gitarre spielen. Den ganzen Tag. Sehr laut. Und mit relativ eingeschränktem Repertoire. Thomas sang AUSSCHLIESSLICH Elvis-Presley-Songs. Mit Vorliebe die beiden Hadern „Devil in Disguise“ und „Kiss Me Quick“ sowie eine Nummer, die mir damals unbekannt war, die aber tatsächlich fein ist: „Moody Blue„, zu finden auf Elvis‘ gleichnamigem, letztem Studio-Album.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich liebe Elvis. Einer der größten Sänger überhaupt, gar keine Frage. In meinem Vinylschrank stehen 15 Platten von ihm. Aber wenn Sie immer und immer wieder das gleiche Lied hören, wird es irgendwann unlustig. Dann sehnt man sich nach Abwechslung.

DAS JUNGE PAAR

Und (erneut eine stilsichere Überleitung!) ich meine damit nicht jene Abwechslung, für die meine anderen Nachbarn sorgten, die auf der linken Seite. Wir sprechen hier von einem jungen Paar aus Villach, wie ich. Die Beiden waren zwar tagsüber brav in der Uni, aber abends meist zu Hause. Und dann, ja dann kopulierten sie. Jeden Tag.

An sich ist das ja eine erfreuliche Sache. Junge Menschen lieben sich und ficken sich das Hirn aus dem Schädel. Eine Spur unangenehm wird es freilich dann, wenn der Tonregler während des Vollzuges auf Maximum eingestellt ist und das Prozedere immer exakt gleich abläuft. Hunderte Mal, absolut identisch. Schweizer Uhr Anarchiezentrum dagegen.

Ich zeichne nun für Sie nach, was mich jahrelang im Alltag und in der Allnacht begleitet hat.
Es hat sich sich tief in mein Gehirn eingebrannt, es stimmt bis ins letzte Detail:

Der Akt begann irgendwann, no na. Ich wurde wenig später durch das lauter werdende Gestöhne der Studentin zwangsinvolviert: „Ah….ah….ah….“ drang es durch die Wände. Dann bald darauf: „Aaaaah…… aaaahhh…… aaaah….“ Mittlerweile war die Nachbarin warmgestöhnt und hatte zu kräftiger Stimme gefunden. Ich nannte diesen Teil die „Aufwärmphase“, sie konnte bis zu zehn Minuten dauern.

Die Überleitung zur „Ekstase-Phase“ wurde mit einem durchgehenden, wellenartig ansteigenden und abschwellenden „AAAAaaaaaAAAAAaaaaaaAAAAA“  dargeboten. Es steigerte sich letztlich zu etwas, das ich nur als Gebrüll bezeichnen kann. Gorillas auf Speed. Komplikationen bei der Geburt. Die räudige Menge bei einem versoffenen Hardrockkonzert. Es war gigantisch! Die junge Frau schien jedes Mal aufs Neue den Verstand zu verlieren.

Diese Phase war deutlich  kürzer als die erste und wurde vom finalen Akt abgelöst, der „religiösen Ankunft“. Hier brüllte die Nachbarin, sich permanent wiederholend, „Oh Gott! Oh Gott! Oh Gott!“, ehe sie allen Menschen im Umkreis von 500 Metern von ihrer sexuellen Ankunft informierte: „ICH KOOOOOOMMMMMMMEEEEEE!“  Einmal gerufen, nie zweimal oder öfter. Nur einmal. Dann zack! Binnen Sekunden war der Spuk vorbei, kein Ton war mehr zu hören. Als hätte man den Pornokanal im TV-Gerät abgestellt.

Ich sage es, wie es ist. Die ersten paar Mal fand ich die unfreiwillige Audio-Spannerei sehr sexy. Dann nicht mehr. Wie oft will man um drei Uhr morgens vom Nahkampf der Nachbarn aus dem Schlaf geholt werden?

DAS GROSSE KONZERT

Akustischer Höhepunkt des Zusammenlebens mit meinen Nachbarn waren jene Tage (und es wäre nicht so wenige), an denen sie ein gemeinsames Konzert gaben. Einmal hatte ich sogar Freunde bei mir, wir waren zu dritt Ohrenzeugen des Unglaublichen:

„You look like an angel….“
„Aaaaa…..aaaa….aaaaaa….“
„…talk like an angel…“
„Aaaaaaaa…“
„You’re the devil in disguise…“
„AAAaaaaaAAAAAaaaaa…“
„Uhm, kiss me quick…“
„Ohgottogottogottt….“ 
„Well it’s hard to be a gambler…“
„Ich koooommmmeeeee!“

DIE NACHBETRACHTUNG

Nach zwei Jahren bin ich innerhalb von Wien umgezogen. Und dann noch einmal. Und dann nach Villach. Und auch dort noch zweimal in eine neue Wohnung. Ich habe also noch viele Nachbarn gehabt. Eines ist ihnen allen gemeinsam: sie waren und sind still – und fad. Ich hätte nie gedacht, dass mir mein Bassena-Elvis und die beiden Puder-Quasteln einmal fehlen werden.

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Herr Kofler pfeift auf Hollywood (Teil 2)

Der geneigte Student, zumal der Mensa-Essen- und Hinterhofwohnungs-Student, ist stets auf der Suche nach Geld. Als eine Wiener Studienkollegin mir und vier Freunden die Möglichkeit eröffnete, als Komparsen bei einem Kinofilm mitzuwirken und 1000 Schilling (74 Euro) pro Tag zu verdienen, sagten wir ergo freudig erregt zu. Zumal: ein Musketierfilm – mit Show-Größen wie Kiefer Sutherland, Charlie Sheen und Tim Curry. So richtig Hollywood also. En garde, und wie!

Dass es nicht wirklich zu einer nachhaltigen Filmkarriere reichte, legte ich bereits in einem anderen Blogeintrag dar. Doch die Drehtage in und um Wien gehören zu den lustigsten Erinnerungen an meine Studentenzeit Anfang der Neunzigerjahre.

Für die folgende Geschichte muss ich kurz ausholen. Es gab nämlich zwei Kategorien von Komparsen: das einfache Fußvolk, also Bauern, Mägde und zufällig durchs Bild stolzierende Edelmänner samt Gemahlinnen. Sie kassierten nur 300 Schilling. Und dann waren da die Edelstatisten, jene mit den Fechtwaffen. Einerseits die Musketiere, andererseits die bösen Anhänger des umstürzlerischen Kardinal Richelieu, und das war die 1000-Schilling-Truppe.

Um sich in diese Komparsen-Klasse upzugraden, musste man nicht viel tun. Nur beim Bewerbungszettel die Qualifikation „Fechten“ ankreuzen. Das taten wir alle fünf. Und dann gab es noch eine weitere, eine verwegene Möglichkeiten, in der Hierarchie zu steigen: Die erforderte ein Kreuz bei der Qualifikation „Reiten“. Das trauten wir uns dann aber doch nicht. Schließlich kannten wir allesamt Pferde nur von Winnetou-Filmen und Jahrmärkten-Ringelspielen. Also genau genommen waren nur vier von uns an dieser Stelle vernünftig und verweigerten ein Kreuzerl. Der Fünfte akzeptierte keine halbe Sachen. Nahm das volle Risiko. Ging den ganzen Weg. Es sollte ein bitterer Weg werden…

EINSAMER REITER

Ich spare seinen Namen an dieser Stelle ganz bewusst aus. Nur soviel: Er gehört heute zum Präsidium der österreichischen Industriellenvereinigung. Daher, Sie werden verstehen, die Diskretion.

X, nennen wir ihn doch einfach so, X also gab sich fälschlicherweise als Reiter aus – und wurde prompt in ein kleines Team von Männern geholt, das bei Bedarf forsch durch die Szenerie galoppieren sollte. Zwecks Mittelalter-Athmosphäre.

An jenem Tag drehten wir beim Schloss Petronell in Niederösterreich. Knapp 300 Komparsen waren mit viel Heu, Holz, ein paar Nutztieren und auf alt gemachten Kunststoff-Mauern zu einer kameratauglichen Dorfidylle zusammengepfercht worden. Als Höhepunkt waren die Reiter vorgesehen. Einfache Übung im Grund: von links hinten nach rechts vorne über den Dorfplatz preschen. Dynamischer Kameraschenk dazu, plus trötende Fanfaren – man kennt das.

X stand längst der Schweiß auf der Stirne. Er wusste wohl, er hatte zu viel riskiert. Und er wusste, dass die Hollywood-Filmemacher ihn jeden Moment als Betrüger enttarnen würden. Aber Begriffe wie „Rückzieher“ oder „Notbremse“ waren nie Bestandteil von Xs Lebensplanung. Damals schon gar nicht.

Freilich, es hatte Hinweise auf Xs Reit-Inkompezenz gegeben. Besonders die Tatsache, dass wir ihn zu zweit in den Sattel hieven mussten, hätte den Hollywood-Stuntkoordinatoren auffallen können. Aber irgendwie übersahen die Profis den Amateurauftritt.

RITT INS VERDERBEN

Dann Stunde der Wahrheit. Auf ein Kommando hin hätte die Gruppe von circa zehn Männern auf ihren Pferden losreiten sollen. Tat sie auch. Aber eben nicht alle in die gleiche Richtung. Neun der Reiter galoppierten mit ihren Tieren elegant nach rechts weg, einer hingegegen, der stolperte im Retourgang (ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal gewusst, dass Pferde rückwärts gehen können), sich mit schreckensgeweiteten Augen um den Hals seines Gauls klammernd, über den Marktplatz. Eine göttlich absurde Szene! Das Pferd irrte, offensichtlich von einem falschen Signal verstört, das X mit seinen Füßen gegeben hatte, verkehrt herum zwischen hühnerrupfenden Mägden und Heu tragenden Bauern herum.

Nach einigen Sekunden drohte die Szenererie dann gefährlich zu werden. So ein unkontrolliertes Pferd, dazu die schreiend davonlaufenden Komparsen und der in seinen Lautsprecher brüllende Regisseur – das Chaos war in Rekordzeit perfekt. Letztlich donnerte das Pferd mit seinem Arsch und einem Mordslärm gegen eine Holzwand, die der massiven Erschüttung glücklicherweise standhielt und das entnervte Tier zum Stillstand brachte. Noch ehe ein Stuntkoordinator hineilen und die Zügel ergreifen konnte, entlud sich die Anspannung und der Schreck, die sich im Pferd offensichtlich angesammelt hatten, in einem gigantischen, nie endenden Urinstrahl, der eine Magd frontal traf. Die Ärmste wurde von oben bis unten mit Hochdruck vollgepisst. Die Suppe spritze in alle Richtungen, nässte die Umstehenden ein. Die schrieen, tobten, weinten, alle anderen Anwesenden lachten sich halbtot.

Mit Ausnahme von X. Der hing kreidbleich am Pferd, wurde vom Stuntkoordinator zuerst aus dem Sattel geworfen und dann minutenlang angeprüllt. „Was ihm denn einfiele… was für ein leichtsinniger Arsch er sei…“ etc. Kopfwäsche de luxe.

Nie wieder habe ich zwei Menschen mit so dunkelrotem Kopf gesehen. Der eine vom Brüllen, der andere vom Schämen.

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Das Plakat zum Film: „Die drei Musketiere“ (Walt Disney, 1993) wurden großteils in Wien gedreht.

Herr Kofler geht Schifahren

Ich legte den Retourgang ein und fuhr die steile Einfahrt nach oben. Im Hof vor dem Haus erwartete mich die Mutter meiner Freundin. Sie blickte auf mich. Dann auf den Beifahrersitz. Dann wieder auf mich. Ich sah sie an – und in diesem Moment wusste ich, was passiert war. Scheiße…

Ich schlug mir mit der flachen Hand auf die Stirn, gab Gas und fuhr, so schnell es der alte Wagen zuließ, dorthin zurück, wo ich hergekommen war: Auf den Dobratsch, den Villacher Hausberg. Wo ich den ganzen Tag über Schifahren war. Mit meiner Freundin. Die nun dastand, am Parkplatz. Völlig alleine, im Dunkeln, durchgefroren und verweint. 45 Minuten hatte sie warten müssen, Handys gab es Ende der Achtzigerjahre ja noch nicht.

Bis heute weiß ich nicht, wie es möglich war, dass ich sie einfach am Berg vergessen hatte. Nur, falls Sie fragen: Nein, die Beziehung hat nicht gehalten.

Herr Kofler arbeitet als Schilehrer

Ich fahre nicht gerne Schi.

Das war früher anders. Da habe ich sogar Geld im Schnee verdient. Als Schilehrer. Nicht, weil ich so gut war. Sondern, weil ich damals mit 19 passables Englisch und einigermaßen vertretbares Italienisch sprach. Und am Hausberg meiner Heimatstadt Villach, dem Dobratsch, gab es viele englische Schulklassen und italienische Urlauber. Was war da mangelnde Technik im Vergleich zur Fähigkeit zum Smalltalk beim Liftfahren? Eben.

Wenn ich auf jenen Winter zurückblicke, sehe ich eine durchwachsene Zeit. Sich monatelang in klirrender Kälte mit Anfängern am Berg herumzuplagen, ist harte Arbeit. Einen Großteil des Tages verbrachte ich in der so genannten Schneepflug-Position, gegen Ende der Saison fiel es mir sogar in Turnschuhen schwer, aufrecht zu gehen.

1. DER ENGLÄNDER

Einmal musste ich einer Gruppe englischer Jugendlicher Grundkenntnisse beibringen. Bei der Kontrolle der Ausrüstung vor der Jugendherberge fiel mir ein Junge auf, der bei ein paar Grad unter Null mit kurzärmligem Leibchen, Fäustlingen und geschulterten Schiern vor mir stand. Null Kälteempfinden, der junge Mann strahlte über das ganze Gesicht. An sich schon absurd. Aber dass er bei seinen Schischuhen die Schnallen an der Innenseite trug, werde ich nie vergessen. Er hatte tatsächlich den linken Schischuh rechts an und umgekehrt. Ich weiß bis heute nicht, wie man das schafft, ohne sich beide Füße zu brechen.

2. DIE ITALIENER

Eine italienische Familie vertraute mir ihre drei Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren an. Alle drei waren einigermaßen talentiert und ich dachte, ein paar Anfeuerungsrufe könnten nicht schaden. „Come Tomba!“ rief ich begeistert, „macht es wie Tomba!“ Ich erntete entsetzte Gesichter.

Zur Erklärung: Es war die Zeit, als der italienische Superstar Alberto Tomba den Slalom-Weltcup dominierte. Und wer wäre besser, um ihn als Vorbild für junge Italiener zu nennen? Eine Woche lang schrie ich aufmunternd meine Tomba-Sätze. Eine Woche lang erntete ich verstörte Blicke. Am Ende des einwöchigen Schikurses nahm mich der Vater der Buben diskret zur Seite. Die Kinder hatten ihm von meinen Motivationsmethoden erzählt. Es gebe da ein Problem. „Wir sind aus Süditalien, aus Bari“, sagte er, „meine Jungs haben keine Ahnung vom Schi-Weltcup, wissen nicht, wer Alberto Tomba ist.“ Und für derart Unkundige heiße „tomba“ halt nur das, was das Wort eigentlich bedeute:  „Grabstein.“

3. DER FREMDE BUB

Einen relevanten Teil seiner Zeit als Schilehrer verbringt man mit Liftfahren. Auch an diesem Tag. Ich fuhr mit einem sogenannten Tellerlift bergwärts. Solche Lifte kommen bevorzugt bei Kinderpisten zum Einsatz, weil sie besonders einfach zu bedienen sind. Man klemmt sich einen kleinen Kunststoffteller, der an einem Bügel hängt, zwischen die Beine und los geht’s.

Wie ich so dahinfahre, höre ich hinter mir plötzlich ein eher zaghaftes Rufen: „Aua. Aua!“ Ich drehte mich um und sah das Malheur. Ein mir fremder Bub aus einer anderen Schikursgruppe, vielleicht sechs Jahre alt, war zu Sturz gekommen. Blöderweise hatte sich eine Kordel seines Schianoraks um die Speichen des Lifttellers gewickelt. Der Lift schleifte den Bub hinterher. Und die Kordel um seinen Hals zog sich immer enger. Der Liftwart, der in solchen Fällen eigentlich auf den Stoppknopf drückte, war nicht zu sehen. Der Lift fuhr und fuhr. Der Bub röchelte nur noch. Obwohl ich nur ein paar Meter vor ihm war, konnte ich nichts tun. Außer um Hilfe brüllen. Aber niemand reagierte. Der Lift zog weiter. Der Bub verstummte.

Am Ende, an der Ausstiegsstelle, dort, wo man den Bügel gegen eine Schneehaufen warf, ehe die kurzen Seile sich aufwickelten und es wieder talswärts ging, schnallte ich blitzschnell meine Schier ab. Ich wusste, dass der Bub nun über den Haufen gezogen werden und dann den automatischen Notstop auslösen würde. So war es. Der Lift kam endlich zum Stillstand. Der Bub lag regungslos im Schnee. Ich lief zu ihm, kniete mich nieder und blickte entsetzt in das blutunterlaufene Gesicht. Die Lippen waren blau. Unmengen von Schaum. Er wimmerte. Es war entsetzlich.

Mit einem Riss weitete ich den luftabschnürenden Anorak  (erstaunlich, welche Kräfte man in Extremsituationen entwickelt), fuhr dem armen Kerl mit den Fingern in den Mund und beförderte Blut und Schaum ins Freie. Tränen schossen ihm plötzlich aus den Augen. Mir auch. Ich wusste, wir hatten Glück gehabt.

In den restlichen Wochen meiner nur einen Winter dauernden Schilehrerkarriere schnitt ich allen Kindern in meinen Kursen mit einem Stanleymesser die Plastikkordeln von den Anoraks.

Dreigroschenoma

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